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Hilferuf und Antwort© by Marconias ()
Friedlich und leer lag die Arktis da, einzig ein eisiger Wind fauchte über die weiten Schneefelder. Vereinzelt wurden Flocken durch die Luft getrieben. Dann erklang leises Geläut und eine Männerstimme sprach heiser: "Ho, Stopp, mein Freund. Runter, wir sind da." Ein Schnauben ertönte, dann klang es wie ein Pferd, das am Zügel geführt wurde und ein Stapfen durch hohen Schnee. "Ich bin fast in der Luft eingefroren." "Ich auch, ich auch. Aber jetzt geht es abwärts. Da wartet ein immergrüner Garten auf dich und hoffentlich eine heiße Tasse Kakao auf mich." Eine Hand tätschelte ein dichtes Fell.
Ein eifriges Gemurmel war in dem großen Saal zu hören. Es hatte angesetzt gleich nachdem er eingetreten war, und es wollte auch noch nicht aufhören, wie er mit dem Rentier an seiner Seite in den Garten gegangen war, um dessen Gefährten zu begrüßen. "Seht mal", flüsterte ein besonders kleiner Elf, der kaum über die aufgebauten Regale schauen konnte. "Er bringt es zurück." Seine Augen waren vor Staunen ganz groß. Colio stupste ihn leicht mit dem Ellenbogen an. Andrio fiel davon fast um. Er hatte auf Zehenspitzen gestanden, um den Herren einmal zu sehen, denn das hatte er noch nie. Jetzt blickte er etwas empört zu Colio auf, der einen Kopf größer war wie er. "Mach deine Arbeit, Andrio. Der Boss soll nicht denken, wir schlafen während er weg ist." Sanft lächelnd schaute er auf den Kleinen, um dann aus dem Karton, den er zusammen mit seinem Elfen-Kollegen hergebracht hatte, weitere Figuren auf das Regal zu stellen. Andrio besann sich. Rasch griff er sich auch wieder ein Paar, um sie auf ein unteres Regal zu stellen. Doch er war mit den Gedanken zu weit weg. Eines der Unikate rutschte ihm aus der Hand, und als er es noch in der Luft wieder ergriff, brach der feine Körper der Marionette entzwei. Entsetzt sank er auf den Boden, die Füße untergeschlagen, und starrte fassungslos auf das, was er getan hatte. Colio stand einen Moment geschockt über ihm, dann räumte er schnell die letzte Figur aus dem Karton in das Regal, um sich zu danach zu Andrio zu beugen. Dieser hatte beide Figuren zu Boden sinken lassen. Einen Moment besah sich Colio die kaputte Figur von oben. "Ist sie noch zu retten?" fragte der Kleine unter Tränen. "Das wollte ich doch nicht." Colio hatte sich inzwischen zu dem schluchzenden Freund gebückt, und hielt die beiden Bruchstücke des verletzten Prinzen und das Lenkkreuz der Prinz-Marionette vorsichtig in den Händen. "Ich bringe sie zu Meister Pedro. Mal sehen, was er machen kann." Andrio jammerte wieder, sein ganzer Körper bebte. Während sich Colio entfernte, murmelte er: "Ausgerechnet der Prinz. Er sollte doch die Hauptrolle übernehmen." Mit verschleiertem Blick sah er hoch zu dem Puppen-Theater, das in der rechten Reihe ganz oben thronte. Sie hatten den Hintergrund der Kulisse als Schloss gemalt. Um Andrio rum standen in respektvollem Abstand die anderen Heimwerker, Colio verschwand gerade durch die Tür der Werkstatt. Andrio fühlte sich elend. Jetzt war er erst drei Tage hier und machte schon Blödsinn. Ob sie ihn wieder rauswerfen würden? Er war so in seinen Kummer vertieft, dass er nicht bemerkte, was um ihn passierte.
Die Geschäftigkeit, die noch vor fünf Minuten geherrscht hatte und dann jäh unterbrochen worden war durch Andrio und Colio, war ganz aus der großen Lagerhalle verschwunden gewesen. Doch jetzt kehrte sie blitzartig wieder.
Die neugierig in einem Kreis um Andrio stehenden Elfen wandten sich plötzlich alle - etwas verschämt - ab, manche gingen wieder an eigene Regale. Überall waren Kartons stehen gelassen worden, als sie zu dem traurigen Elf geschlichen waren. Über Colio fiel ein riesenhafter Schatten. Er sah langsam auf und erschrak fürchterlich. Einen so großen Menschen hatte er noch nie gesehen. Bis jetzt war sein Elfenvater Bore der Größte gewesen, mit immerhin ein Meter fünfzig. Er bebte. "Wie heißt du denn?" der Nikolaus lächelte den jungen Elf an. Obwohl er noch nicht so lange als Santa Claus tätig war, - erst drei Jahre um genau zu sein - konnte er doch erkennen, dass er hier einen sehr jungen Elf vor sich hatte. Ihm fehlten sogar noch die typischen ausgeprägten Spitzohren. "Du musst doch keine Angst haben." Der Weihnachtsmann ließ seine Blicke umherschweifen, um die Kummerursache zu ergründen. Am anderen Ende des Regals sah er einen Elfen abwartend stehen, ein hölzernes Segelboot in der Hand. Dann betrachtete er kurz die Lücke zwischen den Figuren rechterhand. "Fehlt da noch was?", er fragte mehr weil er den Elfen aus der Benommenheit ziehen, als weil er beanstanden wollte. Auch sah er die Gestalt in dessen Händen. Warum stellte er diese hübsche Marionette nicht auf? Der Kleine fing wieder bitterlich zu weinen an. "Nanana.", Santa Claus beugte sich unter leisem Ächzen hinunter, zu dem am Boden hockenden Elf. Dieser zog sich noch mehr in sich zurück. Der Nikolaus sah sich mit einer Situation konfrontiert, mit der er nicht umzugehen wusste. Ein weinender Elf, noch dazu so jung, das war ihm noch nicht untergekommen. "Wie heißt du?", versuchte er noch mal ein Gespräch zu beginnen. Als er keine Antwort bekam, stellte er sich vor. "Ich bin Santa Claus, und mein anderer Name ist...", plötzlich vernahm er ein ganz leises Geräusch. Er beugte sich vor und wollte schon die Hand heben um dem Elfen tröstend über das Haar zu streichen, als er sich plötzlich dachte damit würde er ihn nur noch mehr erschrecken. Das leichte Schluchzen kam noch einmal. Doch dann... "ich heiße Andrio", murmelte es ganz leise. Wäre er nicht so nahe gewesen, hätte er es nicht verstehen können. "Andrio, das ist aber ein schöner Name. Bist du neu in den Stätten?" Er hatte eigentlich gehofft, den Bann bereits durchbrochen zu haben, denn es fiel ihm nichts mehr ein. Doch an Andrios Gesicht liefen wieder Tränen herab. "Ich habe...", begann der Elf ganz leise. Der Nikolaus, dem bereits die Füße in der Hocke einschlafen wollten, lauschte gespannt. "Ich habe etwas kaputt gemacht." Santa Claus sah verstehend auf die leere Stelle, an der gut zwei Figuren Platz hatten. Jetzt zog er sanft die Figur aus den Händen des Elfen, nahm sie an dem Lenkkreuz und stellte sie auf. "Ich bin die Prinzessin", versuchte er eine liebliche Frauenstimme nachzuahmen. Andrio musste gegen seinen Willen lächeln. "Mir ist sooooo kalt. Ich möchte in mein Schloss, zu meinem Prinz..." Er stoppte sofort, wie sich das Gesicht des kleinen Elfen verzog. Dessen Augen wurden wieder wässrig. Langsam war sogar dem Santa zum Weinen zumute, er zog eine Grimasse. Da spürte er ein leichtes Klopfen an seiner Schulter. Unbemerkt hatte sich ein Elf, der, da er selbst hockte, genau seine Größe hatte, von hinten genähert und hielt etwas in der Hand. Er sah genauer hin. Es war ein aus Holz geschnitzter Prinz, der ein schönes blaues und rotes Gewand aus Wollstoff anhatte. Der Nikolaus ließ die Prinzessin sachte auf den Boden sinken, nahm die andere Figur dem Elfen leise ab und hielt sie vorerst noch an seiner Seite verdeckt. 'Der ist tatsächlich sehr hübsch. Sie haben ihm sogar etwas aus echtem Wollstoff gemacht, nicht aus Kunstfaser.' Andrio war in seine Tränen vertieft und bekam nichts mit. Nun sprach der Nikolaus, diesmal mit verstellter männlicher Stimme: "Lass mich ein, Prinzessin, lass mich ein, ich habe Durst und bin weit gereist, ..." Andrio öffnete langsam die Augen und begann ungläubig zu schauen, wie er sah, wen der Nikolaus da an seiner Seite hielt, aufrecht, und jetzt ließ er die Puppe sich verbeugen. Andrio richtete sich auf. Sein Gesicht verzog sich zu einem lustigen Gesichtsausdruck, jetzt wo der Grund seines Elends vorbei war. Er klatschte in die Hände, dachte offenbar, der Nikolaus hätte das bewerkstelligt. Den in dessen Schatten stehenden Colio sah er nicht. Nun richtete sich der Nikolaus unter stöhnen auf, und Andrio sprang sofort mit auf. "Vorsicht, Vorsicht, junger Mann." Meinte Santa Claus leicht streng, und Andrio besann sich sofort was beim letzten Mal gerade passiert war, wie er etwas zu schnell angegangen war. Er stand artig vor dem Nikolaus und wischte sich schnell die Tränen ab. Sein gelber Umhang, mit den etwas zu weiten Ärmeln, war optimal dazu geeignet. "Kann ich Euch etwas bringen?" fragte er nun. "In der Küche haben sie heißen Kakao." Das Lieblingsgetränk war allgemein bekannt. Der Nikolaus lächelte und stellte den Prinzen in den freien Platz ab. Auch Andrio bückte sich eilends noch mal, peinlich berührt, dass er den Herren so eine Arbeit ausführen ließ, und räumte die Prinzessin vom Boden vorsichtig auf den Regalplatz neben dem Prinzen. Er lächelte zum Nikolaus aufwärts, der ihm ein Handzeichen gab, und den Elfen, den er im Stehen nicht einmal mit der Hand an der Schulter erreichen konnte, im Schlepptau Richtung Küche führte. "Das ist genau das was ich jetzt brauche.", vernahm Andrio die raue, großväterliche Anweisung von vorne. Die beiden verschwanden. Colio, der in der Regalreihe zurückblieb, musterte kurz lächelnd die Figuren, die jetzt alle wohlbehalten in einer Reihe standen. Dann räumte er den zurück gebliebenen, leeren Karton weg.
*
Der Nikolaus ging den Eisgang entlang, an seiner Seite Mike, ein ziemlich alter Elf, im Verhältnis zu den anderen Arbeitern, und der Onkel von Bernard. "Nun, haben Sie es gefunden?" "Ja, Mike. Es war ein langer Flug, der beinahe an die Grenzen von Donner und mir ging, doch wir haben es bekommen. Dort, an den Rändern des Himalajas, wächst es sogar wild. Doch ich habe mir ein paar Samen von einem Händler genommen, er hat mich zum Kauf überredet. Hoffentlich gehen sie auch auf." "Ganz sicher, Santa, das Springkraut ist eine starke Pflanze, und die tibetanischen Händler sollen die Besten haben." Sie gingen eine Weile schweigend nebenher. Links und rechts zweigten immer wieder glitzernde Gänge ab, alle von kleiner geübter Hand in das Eis gehauen. Der Weihnachtsmann schob seine Kapuze über den Kopf, da die Temperatur, seit sie die große Halle verlassen hatten, empfindlich abgesunken war. Schließlich brach Mike das Schweigen. "Ich habe von Andrio gehört. Er ist erst seit Montag hier. Das war wohl ein großer Schrecken für ihn." Der Nikolaus bestätigte. "Ja, er war ganz durcheinander. Ich habe ihn in den Garten mitgenommen und mit Merkur und den anderen Rentieren bekannt gemacht. Er war ganz hin und weg." Auch Mike nickte nun. "Das war eine gute Idee. Er braucht was das ihn ablenkt." Dann setzte er hinzu: "Eigentlich ist er noch zu jung, aber er wollte unbedingt bereits mithelfen, und da haben wir ihn schließlich der Abteilung, die die Figuren ins Lager stellt und nach Auftrag sortiert, zugeteilt." "Kann er denn schon lesen?" Santa Claus runzelte die Augenbrauen. Mike fing an zu lachen. "Das kann er seit Jahren. Zu jung heißt bei uns nicht 'noch ein Kleinkind sein', sondern wir wollten ihn einfach noch nicht mit Arbeit belasten. Können würde er es schon, er entspricht immerhin mental einem fünfzehnjährigen Erdenbewohner." Mike schüttelte es immer noch vor Lachen. Der Nikolaus schwieg etwas schmollend, weil er aus Unwissenheit in dieses Fettnäpfchen getappt war. Hoffentlich hatte er Andrio nicht zu sehr wie ein Menschenkind behandelt. Er hatte doch einfach noch zu wenig Erfahrung mit Elfen im Allgemeinen und wie man sie tröstet im Besonderen. Jetzt blieb Mike vor einer hölzernen Tür, die in einen Eisgang eingepasst war, stehen. Santa hatte das Gefühl, so tief noch nie gewesen zu sein. "Wo sind wir eigentlich", fragte er fröstelnd, während er durch die Tür trat. Der Elf -er war bereits durch die Pforte- hatte die Tür nicht ganz aufgezogen, und der Nikolaus musste seitwärts durch den schmalen Spalt. Dadurch bekam er sein Spiegelbild im Eis zu sehen; es zeigte einen mit Schokolade verschmierten Mund. "Es ist doch jedes Mal wieder dasselbe", nuschelte er mit vorgehaltener Hand und wischte sich den Bart sauber. Kaum hatte er einen flüchtigen Blick in den Raum geworfen, hielt er den Atem an. Hinter ihm fiel die Tür - vielleicht durch den Luftzug, der hier herrschte - knackend ins Schloss. Er zuckte zusammen und atmete wieder aus. Der Raum war über und über mit Blumen voll gestellt, großen, kleinen und blühenden, stacheligen und mit Flausch überzogenen, kleinblättrigen und riesenhaften Farnen. Die Wände spiegelten das Grün wider. Es war wie in einer Oase. Ganz im Hintergrund schimmerte etwas Helles durch, und Santa Claus vermutete eine Verbindung zum Garten, in dem auch die Rentiere untergebracht waren. "Ah, da haben wir unseren Neuzugang." Flink wieselte ein uralter Elf auf ihn zu und lächelte zu ihm auf. "Das muss eine Verwechslung sein.", meinte der verwirrt. Er hatte den Alten gar nicht bemerkt gehabt. "Ich arbeite schon seit drei Jahren." "Nein, nein", meinte der Elf, der mit seinem Bart wie ein Zwerg aussah. "Das war jetzt eine Verwechslung. Ich meinte natürlich das da." Er zückte eine dünne silberne Brille und musterte das Säckchen, das der Nikolaus in der Hand hielt. "Oh, ach so, ja.", Der Nikolaus hielt es ihm hin. "Das hat sich ein Gärtner aus Deutschland gewünscht. Es ist das 'Noli impatens me tank äh,...'", er brach ab, der Elf grabschte den Beutel ihm fasst aus der Hand, und im selben Moment verschwand Mike irgendwo hinter dem Nikolaus. "Ja", der kleine Gärtner besah sich die Samen nun ganz vorsichtig durch ein winziges Loch in dem verschnürten Verschluss. "Ich sehe schon. Impatiens Noli tangere, oder das Rühr-mich-nicht-an-Pflänzchen", er brachte es zu einem Schreibtisch, der, versteckt zwischen einer Yucca-Palme und einer enormen Lupine, von ebensolchen Beutelchen schon fast überhäuft war. "Na hoffentlich geht es da nicht verloren", seufzte der Nikolaus. Er drehte sich suchend nach Bernards Onkel um und dachte leidend an den weiten Weg, den er für das Springkraut zurückgelegt hatte. "Nichts da", begehrte der Elf auf, die Nasenspitze nicht von der Schreibtischplatte hebend, und den Weihnachtsmann von der Tatsache ablenkend, dass er allein mit dem mürrischen Alten war. Dieser war bereits eifrig mit etwas beschäftigt, das der Nikolaus nicht sehen konnte, weil der zwergenhafte Oberkörper ihm im Weg war.
Scott Calvin, nun besser als "der Weihnachtsmann" bekannt, nutzte die Gelegenheit, das Männchen zu begucken. An einem orangen Gürtel seines alten Wamses hing eine kleine silberne Gießkanne, die den wunderlichen Fachmann mit dem spärlichen Haar auf dem Kopf nur noch unterstrich in seiner eifrigen Geschäftigkeit. Sie baumelte bei jeder Bewegung an seiner Hüfte hin und her. 'Er scheint keinen Moment zu haben, in dem er gar nichts tut', kam Scott zum Schluss. Als der Alte sich schließlich aufrichtete, prangte an dem Säckchen ein aufgeklebtes Etikett, und mit säuberlicher Handschrift darauf der Name in lateinischer und deutscher Ausführung. Der Nikolaus seufzte noch einmal, doch er war schon erleichterter. "Hier geht nichts verloren.", blaffte der kleine Mann ihn jetzt an. Er trug den Samenbehälter zu einem Schrank, der halb aus einem Regal und halb aus einem leeren Kleiderschrank zu bestehen schien, und legte ihn in ein Fach, auf dem Stand: '24.12.2004'. "Hierherein", erklärte der Elf und wies mit einem verschmierten Daumen zu dem Schrank, "kommen alle Sachen, die dieses Jahr ausgeliefert werden." Er wuselte geschäftig zu einem kleinen Kaktus in der Nähe, befühlte fachmännisch dessen Erde, und goss etwas Wasser hinein. "Aha, dann sind also alle diese Pflanzen bestellt worden", mit weiten Augen sah sich Santa Claus um und fürchtete schon die Arbeit, die dieses Jahr wohl auf ihn zukommen würde. "Unsinn." blaffte der Zwerg, während er geschickt die Gießkanne wieder an seinen Gürtel hängte. "Stehen die Pflanzen etwa in dem Schrank dort?" Er sah ihn streng (oder gar böse?) an. "Nein, nein, nein, das ist mein privates Hobby", er runzelte die Stirn. "Nur ein Bruchteil der Pflanzen die hier stehen werden ausgeliefert." Dann eilte er plötzlich wieder los, zwischen Gewächsen verschwindend, hier und dort kurzzeitig zwischen grünen Blättern wieder sichtbar werdend, um sich dann sofort eifrig anderen Pflänzchen zuzuwenden. Die ganze Zeit wuselte er herum. Der Nikolaus atmete auf. Es wäre ihm neu gewesen, das sich so viele Kinder Blumen wünschten zum Festtag. Er beobachtete eine Weile das Treiben des Zwerges - wie er ihn insgeheim nannte -, dann fiel ihm erneut das Fehlen von Mike auf. Der hatte sich wohl verdrückt. "Hmm, er wird die Marotten des Alten schon kennen", murmelte er brummig in seinen Bart. "Was hat man da gesagt?", der Zwerg war soeben abrupt vor ihm zu stehen gekommen. Obwohl er nicht annähernd die Höhe seiner Hüfte erreichte, war es Santa Claus leicht unwohl in seiner Haut. "Ich fragte mich soeben, wie die größeren Pflanzen in das Regal passen." suchte er hastig nach einer Ausrede. "Das hat man davon", murrte der Elf vor sich hin. "Man bemüht sich und wird doch wieder nicht verstanden!" Er arbeitete weiter, goss Blumen, schnippelte herum und trug einen Bubikopf weiter aus dem Licht. "Der wesentliche Faktor bei der Auswahl des richtigen Standorts für eine Pflanze ist ihr Lichtbedürfnis. Denn alle Pflanzen benötigen Sonnenlicht, um die Photosynthese durchzuführen, also den Prozess, bei dem sie durch die Umwandlung von Kohlendioxyd und Wasser in Sa..." hörte Scott ihn mit gedämpfter Stimme sprechen. Er wandte sich ab. Er brauchte doch keine Belehrungen von so einer Person! Dann stand der Elf plötzlich wieder vor dem Nikolaus. "Natürlich!" er hatte die Stimme erhoben, "natürlich passen die anderen Pflanzen in den Schrank. Wozu ist denn das Große Fach da?" Der Nikolaus schaute etwas verwirrt drein. "Nun ja, ich dachte, vielleicht für Kleider." Brummelte er schließlich, mit kurzem Blick auf ein paar sackartige Umhänge am Boden des Schrankes. "Kleider! KLEIDER!!" Der Zwerg flitzte aufgebracht herum. Dann machte er vor dem Nikolaus halt und zupfte an sich herum. "Habe ich etwa nicht schon Kleider an? Bin ich etwa NACKT?", schrie er fast, das Gesicht empört nach oben gereckt. "Nein natürlich nicht", versuchte Santa Claus ihn zu beruhigen. "Nein natürlich nicht", äffte dieser ihn nach. "Nein bin ich nicht. Dort hinein. Sagte ich nicht vorher, dass dort alle Sachen, die dieses Jahr ausgeliefert werden, hinein kommen?", regte sich der Zwerg auf, während seine Stimme immer lauter wurde. Der Nikolaus rechtfertigte sich nur noch ganz leise:"Ich dachte, nur das Fach wird dazu genutzt..." "So was. Wofür sind dann die Schilder da? Hm, wofür?" Seine Augen funkelten immer noch gefährlich, und aus der Gießkanne spritzten ein paar Tropfen. Der Nikolaus näherte sich dem Möbelstück auf ein paar Schritte. Es war tatsächlich an jedem einzelnen Fach und auch an dem Großen unten ein Schild mit '24.12.2004' angebracht. Penibel, dachte er für sich, wagte aber auf keinen Fall mehr etwas zu sagen. Er drehte sich wieder um und wollte endlich wieder zu den Anderen, als er in dem hellen Stückchen Licht hinten etwas Gelbes zu sehen glaubte. 'Hatte der Kleine, wie hieß er, Andreo oder so, nicht einen gelben Umhang angehabt?' Er spähte vorsichtig hinüber, ohne den Kopf zu drehen. Normalerweise hätte er gewunken, froh darüber, eine andere Gestalt als den Alten zu sehen und erfreut, dass dieser Elf jetzt wieder Flausen und Anderes im Kopf hatte wie seinen Kummer, doch der Graukopf in seinem Rücken ließ ihn zögern. Besser nicht, sagte er sich; über einen heimlichen Beobachter in seinem hübschen Garten freute sich der Elf sicher nicht. Er schlich zur Türe. Doch schon in diesem Moment ging es los: "Himmeldonnerwetter noch mal!" Der Bärtige erstarrte, und der Weihnachtsmann fuhr schuldbewusst herum. "Wie oft habe ich Ihnen gesagt", und mit diesen Worten stürzte er an den Durchgang im hinteren Teil des Raumes. "Bleibt weg. Weg! Meine Blumen brauchen Luft. Ihr steht ihnen im Licht." Er war jetzt dort und fingerte an einer Schnur, womit er eine Hängeblume wegzog, die über dem Durchgang aufgehängt war. Raffiniert! Leise war Scott dem Alten gefolgt. Vielleicht musste er dem Kleinen zu Hilfe kommen. Der Zwerg benutzte diese Pflanze mit ihren herunterhängenden Ranken offenbar als Vorhang. Santa Claus sah nun eine kleine Gestalt, die sich im letzten Moment verdrückte und über das Gras wegrannte. "All die Schutzzauber!" bebend wandte sich der Zwerg, den Mike dem Weihnachtsmann im Herkommen nur als Goliat genannt hatte, wieder dem Nikolaus zu. "Ich habe Jahre gebraucht um mein Gewächshaus in diesem eisigen Klima anzulegen. Und ihr gefährdet es jeden Tag wieder aufs Neue, ..." Was er sonst noch von sich gab konnte der Nikolaus schon nicht mehr hören, er hatte sich endgültig eilig verdrückt und flüchtete rasch den langen Gang zurück in Richtung der gemütlichen Halle. 'Ihr gefährdet', dachte er zornig bei sich. 'Als ob ich das ganze Jahr hier wäre und nur darauf warten würde in seine Stube einzubrechen. Ich kannte sie ja nicht mal, also bitte.' Nein, da hatte er schon lieber die anderen Elfen, die wenigstens Respekt vor ihm hatten. Nicht dass es ihm darauf ankam, aber beschimpfen lassen musste er sich von dem alten Narren auch nicht. Mit raschen Schritten stürmte er in wärmere Regionen der unterirdischen Eiswelt der Elfen.
"Und dann hat er mich gesehen, glaubst du er ist mir böse?", fragte Andrio schuldbewusst, während er sein Müsli fertig auslöffelte. "Frag ihn doch. Er beißt nicht." Andrio zuckte auf diese Worte zusammen. Ihr Gesprächsthema betrat eben den Raum. Der kleine Elf wurde rot. "Bis später, ich muss zurück in die Küchen. Die anderen haben auch Hunger." Verabschiedete sich Peron mit einem raschen Kopfnicken. An einem der Tische entdeckte Scott Calvin den Kleinen von vorher. Er setzte sich zu ihm. "Hallo Andrio." Er lächelte. "Ist hier noch frei?" Es war mehr eine rhetorische Frage. "Natürlich, Sir." "Nenn mich nicht Sir. Sag Nikolaus zu mir, oder Herr, oder auch Scott. Das ist mir lieber." "Ja, mmh, Herr." Gab Andrio zurück, um dann errötend den Blick in seine leere Müslischale zu senken. Doch so oder so konnte auch seine Schüchternheit seine Neugier nicht ewig überdecken. Er suchte Blickkontakt. "Habt Ihr mich gesehen, Herr? Ich meine vorher, im Garten." Andrio musterte ihn aufmerksam. "Du meinst, als du gelauscht hast?" der Nikolaus zwinkerte mit einem Auge. "Ich habe nicht gel..." "Ist schon in Ordnung, es macht mir nichts aus. Ich glaube", überlegte er, "ich wäre bei dem Geschrei des Zwergen auch schaulustig geworden." Andrio starrte ihn groß an. "Zwerg? Er ist ein Elf." 'Oh, Gott, hoffentlich habe ich nicht schon wieder was Empörendes gesagt. Heute ist nicht mein Tag.' "Tut mir leid, Andrio. Ich meinte das nicht so, ich..." doch ihm fiel nichts ein, das er noch sagen könnte. "Ist schon in Ordnung", meinte dieser mit seiner Kinderstimme. "Wir denken alle insgeheim, dass er wie ein Zwerg aussieht. Er ist einfach schon so alt." Der Nikolaus dachte kurz nach, ob er wissen musste, wie alt ein Elf werden konnte, und schaute flugs zur Theke. Dort lenkten ihn Kekse ab. Sodann fragte er: "Wie alt ist er denn?" "8079 Jahre!", meinte der kleine Elf, "und er wird am gleichen Tag wie ich 8080 Jahre. Das heißt, ich werde da natürlich erst 324, aber ich bin trotzdem auch auf seiner runden Feier eingeladen, weil ich Geburtstag habe." Er senkte vertraulich die Stimme. "Und er lädt nämlich nicht jeden ein." "Das ist aber eine Ehre." Santa Claus, der Andrio bis jetzt aufmerksam gelauscht hatte, erhob sich und holte sich die Schale mit Backwerk her. Er schob sie in die Mitte, damit sie beide hineinlangen konnten. Die nächste Zeit futterten Sie beide die feinen Plätzchen, und der Nikolaus stellte fest, dass Andrio seine Vorliebe für Zimtsterne teilte. Bald war diese Sorte aus der Schüssel verschwunden. Die feierliche Stimmung der beiden während des Essens wurde erst unterbrochen, als Scott, ein Dattelplätzchen in der Hand, innehielt, um zu fragen, wann er Geburtstag habe. "In fünf Wochen", mampfte Andrio. Santa Claus zog eine Augenbraue hoch. Da kannte er doch noch jemanden? Nachdem Andrio geschluckt hatte, fügte er an: "Am 05.07.1996. Ich bin der Zwillingsbruder von Judy."
*
"Und da vorne ist die letzte Abteilung." "Ah, ja. Ich glaube, da müsste die Abteilung für die größeren Kinder kommen." Der Nikolaus ließ sich nun schon seit einer Stunde von Andrio herumführen, und so langsam war er wieder auf dem neuesten Stand. Es hatte sich ein bisschen was getan, seit er das letzte Mal an dem Tag nach Weihnachten abgereist war. Die meiste Zeit des Jahres verbrachte er bei seiner Familie. Er hatte sogar einen Sohn, Charly Calvin. Ihm verdankte er seine "Arbeit" hier, die er inzwischen sehr genoss. Während sie durch die letzten Reihen der Abteilung für außergewöhnliche Wünsche liefen, begann sich das Gesicht des kleinen Elfen nachdenklich in Falten zu legen. "Frage ruhig, Andrio", meinte der Weihnachtsmann leise. "Herr, wie kommt es eigentlich, dass Ihr - pardon, du uns im Sommer besuchst?" "Das ist eine lange Geschichte, Andrio. Außerdem ist es ja nicht so, dass ich unter dem Jahr nie da bin." "Ja schon, Herr." Sie waren in der Hälfte der letzten Abteilung angekommen, der für die 'größeren Kinder'. "Aber normalerweise bist du doch verantwortlich für das, na ja, für das Herausfinden der Wünsche der Kinder und das Aufschreiben, ob sie brav waren oder nicht." Er holte tief Luft. "Aber du hast doch dem alten Hegira etwas gegeben, ein Geschenk für einen Deut..." er brach schuldbewusst ab. "Du hast also doch gelauscht.", murmelte der Weihnachtsmann, nachdem ihm gekommen war, das sein Goliat wohl eigentlich Hegira hieß. "Du hast doch gesagt, es macht dir nichts aus." Der kleine Elf sah aus Tigeraugen offen zu ihm auf. Dagegen konnte der Nikolaus nichts mehr einwenden. Er erinnerte sich sehr gut daran, dass er das wirklich gesagt hatte. "Hamm", er räusperte sich, hauptsächlich, um dieser fast schwarzen Iris mit der orangen Färbung zu entgehen. Sie waren stehen geblieben. Ganz in der Nähe konnte der Weihnachtsmann einen DVD-Player, ein Notebook und sogar, er schaute noch mal hin, ein Handy sehen. "Weißt du, Andrio", begann er schließlich, "angebahnt hat sich das, als ich vor einem Monat einen Brief bekommen habe", er schaute dem Kleinen ernst in die Augen, die so anders waren wie die seiner Schwester, "in dem etwas stand, das mich sehr getroffen hatte. Der Brief war an mich persönlich gerichtet gewesen, deshalb wurde er wohl zu mir ans Haus gebracht und nicht zu euch." Er hielt kurz inne. Andrio schaute ihn mit ehrlichem Interesse an. Er beschloss weiterzuerzählen. "Er kam von einem Mann, der mir schrieb: Lieber Santa Claus, vor dreißig Jahren habe ich dir schon mal eine Nachricht geschickt, aber damals habe ich an Weihnachten nur Geschenke von meinen Eltern und Freunden vorgefunden, nicht aber das, was ich mir doch so sehr gewünschte hatte. Ich wollte schon beinahe aufhören an dich zu glauben, als meine Eltern mir von deiner knappen Zeit erzählten. Ich war erstaunt, als ich hörte, dass du in nur einer Nacht alle Kinder dieser Welt anfliegst, und von diesem Moment an war ich dir nicht mehr böse, dass du nicht mehr zu mir kommen konntest. Aber jetzt hätte ich nur einen Wunsch, einen einzigen in meinem Leben, den ich gerne von dir erbitten möchte, denn du kannst alles beschaffen. Ich dagegen weiß nicht wie ich an die Blume komme. Pass auf: Ich habe eine Bekannte, die ein dreijähriges Kind hat, und das quengelt immer, dass die Mama eine Springblume "hermachen" soll. Das geht natürlich nicht. Ich habe keine Ahnung was das Kind meint, und seine Mama, die Lilo, auch nicht. Vielleicht weißt du Rat. Bitte, wenn es geht und dir nicht zu viele Umstände macht. Es ist ja auch nicht für mich, sondern eigentlich für das Kind.
Mit freundlichen Grüßen Norbert Meierhofer"
Der Weihnachtsmann steckte den inzwischen etwas verknitterten Brief wieder in die Innentasche seines roten Mantels.
Andrio schaute kurz nachdenklich, dann hellte sich seine Miene auf. "Weißt du was, Santa Claus, wenn du jetzt die Pflanze gefunden hast, und den Wunsch des Kindes erfüllen kannst, dann kann ich für dich das Archiv mit den unerfüllbaren Wünschen durchforsten, ob ich den alten Brief von Norbert Meier wieder finde. Vielleicht kannst du dann wieder gut machen, was damals vergessen worden ist, oder?" - "Meierhofer - ja, das wäre eine Idee. Das heißt, ich gehe selbst." Er winkte ihm zum mitkommen und ging mit großen schwungvollen Schritten voran. Erst wie er merkte, dass der Elf rennen musste um nachzukommen, schlug er ein gemäßigtes Tempo an.
*
Sie schwitzten beide. Inzwischen waren sie an zwei unterschiedlichen Stellen in dem großen, mit Regalen vollkommen zugestellten runden Raum, und durchkramten verstaubte Kisten mit alten Briefen, die längst nicht alle nach Alphabet geordnet waren, weshalb die Arbeit viel Zeit in Anspruch nahm. Seit einer Stunde suchten sie bereits fieberhaft, und beide hatten schon mehrmals aufgejubelt, wenn sie vermeintlich geglaubt hatten, den Gesuchten gefunden zu haben. Aber es war jedes Mal entweder ein "Mayerhofer", oder "Meierhoffer" oder einfach nur ein "Mayer", und so hatten sie immer wieder aufs Neue angefangen. Doch jetzt, Andrio nieste vor Überraschung: Dasselbe Briefpapier, dasselbe Wasserzeichen, wie auf dem Brief heute Nachmittag in der Hand des Nikolaus. Er suchte fieberhaft nach einem Namen. Doch der Brief enthielt nichts. Nichts, außer, er versuchte die Unterschrift zu entziffern. "Könnte Thomas heißen." Er richtete sich mit dem Brief auf und rannte eilig zu Santa Claus. "Schau mal." Dieser hielt sich den Brief in dem trüben Licht eng vors Gesicht. "Ja", flüsterte er. "Ja, das ist es. Norbert." "Norbert? Ich habe Thomas darin gelesen", murmelte Andrio ganz leise. Die beiden rückten näher ins Licht der einzigen Lampe in der Mitte des Raumes. Sie kamen überein, in Abstimmung mit dem neueren Brief in der Tasche des Weihnachtsmannes, dass es derselbe Absender war.
*
Der Arzt betrat das Zimmer. Das kleine Kind, dem angebrachten Zettel am Bett konnte man entnehmen, dass es drei Jahre alt sein musste, sah ihn aus ruhigen Augen an. Es lag zusammen mit einem fünfjährigen Jungen, der gerade schlief, auf diesem Zimmer. "Hallo Lisa", sprach er sie an. "Wie geht es uns denn heute." "Ganz gut", kam die leise Stimme des Mädchens durch den Raum. "Mama ist gerade gegangen." Ihre Nase zuckte. Schnell eilte der Arzt auf Lisa zu und setzte sich ans Bett. 'Nicht weinen', dachte er. "Ich muss dich untersuchen, Lisa. Deine Mama ist sicher nur kurz aufs Klo gegangen." Lisa lag wieder ganz ruhig unter der Bettdecke. Der Arzt zog sie etwas hervor, ganz sachte, und kündigte dem Kind, das diese Art von Untersuchungen schon kannte, jeweils vorher an was er machen wollte. "Und jetzt atme noch einmal ganz tief ein." Sie zog die Luft ein. "Ganz tief Lisa. So tief wie es geht." Ihr Körper zuckte. "Das tut weh." - "OK. Dann haben wir es für heute." Der Arzt brach ab. Es brachte nichts. Die Diagnose stand fest, seit einer Woche, als die Kleine ins Krankenhaus gebracht worden war mit Schmerzen. Er seufzte verhalten. "Ist es schlimmer geworden?" drang die kindliche Stimme zu ihm vor. "Es ist etwas besorgniserregend." Dieses Wort kannte Lisa noch nicht. Neugierig sah sie ihn an. "Das heißt, wir werden dich noch eine Weile hier behalten, möglicherweise müssen wir auch eine kleine Operation zur besseren Heilung durchführen." Er stand auf. "Aha. Bleibt Mama auch hier bei mir?" "Sicher. So lange wie es möglich ist." Der Arzt sah sie an. "Dann wird alles gut." Die Kleine hatte zum Glück ihr Vertrauen noch nicht verloren. Der Doktor sprach noch eine Weile mit ihr, bis ihre Mutter wieder eintrat. Diese sah ihn nicht so zutraulich an wie die Tochter, sondern voller Angst. Er blickte ernst, jedoch beruhigend zurück. "Ich habe Lisa mein Ergebnis der Untersuchung mitgeteilt." Er begrüßte Lilo, die Mutter, mit einem Händedruck und schüttelte flüchtig den Kopf, mit geschlossenen Lidern. Lisa bekam davon nichts mit. Dann ging Dr. Weißer eilig zu dem schlafenden Thomas hinüber und beugte sich über ihn. "Der schläft immer", ließ sich Lisa wieder vernehmen. Der Arzt sah zu ihr auf, lächelte, und ging dann zur Tür. "Er ist noch ein bisschen erschöpft von einer Operation, Lisa. Ab morgen wirst du mit ihm sprechen können." Er nickte den beiden Frauen zu, dann verließ er den Raum. "Mama, gell du bleibst hier." Stellte Lisa fest. "Der Arzt hat gesagt, es ist besorgenserregend und das heißt du musst bei mir bleiben." Auf diese Worte ihrer Tochter, die diese selbst noch nicht verstand, wurden die Tränen in den Augen der Mutter deutlicher. Doch für ihre Tochter brachte sie ein Lächeln zustande, und setzte sich zu ihr ans Bett.
*
Die Elfen saßen im großen Kreis um den Nikolaus herum. Sie hatten eine Pause in ihre Arbeit eingelegt, um über etwas Abzustimmen. Innerhalb des Kreises, neben dem Weihnachtsmann, saß Andrio. "Und deshalb möchte ich auch mit. Bitte", fügte er an.
Es setzte wieder Gemurmel an. Diese Bitte war wirklich sonderlich. Doch in Anbetracht der eh schon seltsamen Lage, der Weihnachtsmann mitten im Juni hier, und Larry und Kid Elf beide mit Fieber im Bett, kamen sie nach bereits fünf Minuten überein, dass sie einverstanden waren den Jüngsten mit ziehen zu lassen am Heiligen Abend. Normalerweise brachte der Weihnachtsmann die Geschenke alleine zu den Kindern, aber da Andrio es gewesen war, der Norberts Brief wieder gefunden hatte, -und außerdem, wie ein älterer Elf eingeworfen hatte, war es sicherer Zwei auf den Weg zu schicken- schlossen sie nun die zusammengekommene Diskussionsrunde ab.
Andrio freute sich. Er durfte in ein paar Monaten mit dem Nikolaus mitfliegen, und er durfte seine neue Arbeit hier behalten. Meister Pedro hatte, wie er sich inzwischen versichert hatte, keine Schwierigkeiten gehabt den Prinzen zu kitten. Er bemerkte nicht, dass der Weihnachtsmann seltsam still neben ihm geworden war.
Scott Calvin -oder Santa Claus, wie er jetzt offiziell hieß- hatte ein mulmiges Gefühl. Erst hatte er es auf den jungen Begleiter, den er am Heiligen Abend haben sollte, zurückgeführt, doch inzwischen war er sich ziemlich sicher, dass es mit einem der Kinder, die einen Wunsch zu ihm geschickt hatten, zusammen hing. Doch es war recht vage und verriet ihm noch nicht viel.
"Warum bist du so still?" fragte Andrio, nachdem sie die Halle gemeinsam verlassen hatten. Auch die anderen waren wieder an ihre Arbeit gegangen. Das seltsame Gespann, der eine so klein, noch kleiner erscheinend wegen des Menschen neben ihm, und der große Erdenbürger, schlenderten in den Garten. Dort waren Drachen, Merkur, Donner und die anderen fünf Rentiere, die zum Ziehen der Kutsche verwendet wurden, eifrig beschäftigt zu kauen und zu verdauen. Der Nikolaus antwortete schließlich mit einer Gegenfrage. "Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass es einem Menschen schlecht ginge?" "Ihm helfen", kam die Antwort stracks. "Siehst du, Andrio, und das macht mir Sorgen." "Warum macht es dir Sorgen, dass du jemanden helfen willst." Er hatte sofort kapiert, dass es um eine wirkliche Person ging, und der Nikolaus sich hier nichts ausgedacht hatte, um ihn zu prüfen. Dieser sah ihn groß an. "Aber das würde unter Umständen bedeuten, dass ich sofort weg müsste, und wieder mit einem Rentier." "Was wäre daran so schlimm? Du würdest doch sowieso mit einem Rentier abreisen." "Schon, aber ich hatte gedacht, das ich wenigstens eine Nacht hier übern..." Er brach ab, als er die traurigen Augen des Elfen sah. "Würdest du es wirklich vorziehen eine Nacht im Luxus zu verbringen, anstatt jemanden zu helfen?", fragte der Kleine ganz leise. Der Nikolaus brauchte hier nicht überlegen. Sein Charakter hatte sich gewandelt, seit er Weihnachtsmann war. "Natürlich nicht", antwortete er postwendend. "Worauf wartest du dann noch." Andrio musterte ihn, und blickte dann auf Donner, der ganz in der Nähe graste und sie beobachtete. "Woher weißt du eigentlich, wo du hinmusst, und wem es schlecht geht?" "Das hängt mit meiner Aufgabe hier zusammen", kam die Antwort. "Den Weg wissen die Rentiere, so wie in der heiligen Nacht, sobald wir losfliegen werden, und die Person spüre ich." Das stimmte. Je mehr Zeit verstrich, desto größer und genauer spürte er die Gefahr, die über einem seiner Wünschenden lag. "Aber wie?" staunte der kleine Elf. "Ganz einfach: Dadurch, das er oder sie mir einen Brief mit einem Wunsch geschickt hat, ist ein Vertrag entstanden..." - "Ein Vertrag" unterbrach ihn Andrio, um gleich darauf entschuldigend zu schweigen. "Du fragst dich sicherlich, wie ich den Vertrag eingehen kann. Ich sehe ja viele der Briefe erst sehr spät oder nicht persönlich." Andrio nickte. "Doch der heilige Nikolaus, wie er noch unter dem Volk, ähm, Menschen bekannt ist, hat sich damals geschworen, sein vieles Geld, das er hatte, den Kindern und Armen zugute kommen zu lassen. Somit ist mein Teil des Vertrags von Anfang an erfüllt, ich warte sozusagen nur auf die Antragsteller." Sie liefen schweigend noch ein paar Schritte. Andrio musste vorsichtig einen kleinen Bach überschreiten, den der Nikolaus einfach überschritten hatte. "Aber der Nikolaus und der Weihnachtsmann, das sind doch zwei verschiedene Personen." Warf Andrio schüchtern und leise ein. Noch nie hatte jemand ihm die Frage beantwortet, warum sie Santa Claus Nikolaus nannten. "Weißt du", sagte Scott Calvin, während er bei Donner stehen blieb und diesen am Hals etwas streichelte. "Das ist eines der großen Geheimnisse." Er sah den Elfen nachdenklich an. "Ich persönlich glaube, dass es dem Weihnachtsmann einfach imponiert hat, wie der Nikolaus, seinerzeit Bischof von Myra, sein Schiff bestiegen hat, und das Getreide, von dem er so viel hatte, den Anderen gab, ohne selbst einen Anspruch darauf zu begehren." Er schwieg. Andrio sah ihn an. "Und deshalb hat er es sich zur Aufgabe gemacht, mit Hilfe der Elfen, an einem Tag im Jahr alle Kinder, die an ihn glauben, anzufliegen und ihnen einen Wunsch zu erfüllen." Das klingt logisch, dachte er sich selbst. Er schaute auf Donner. "Wann nimmst du ihn, um nach dem Kind zu schauen?" Der Nikolaus, von Andrios Frage in seinen Gedanken jäh unterbrochen, starrte einen Moment ins Leere, dann ... "JETZT!"
*
"Los, Blitzer, los Donner, bald sind wir da, kommt, schneller", feuerte der Weihnachtsmann die beiden Rentiere an, die Sie auf dem Rücken flogen. Sie hatten gepackt und waren sofort aufgebrochen. Scott, alias der Weihnachtsmann, war sich nun ziemlich sicher, welches Kind da solche Gefühle in ihm verursachte. Sein Geist zeigte ihm ein Mädchen, das zusammen mit einem Jungen in einem Zimmer schlief. Der Nikolaus fühlte vorsichtig, während er sich an den provisorischen Zügeln festhielt, ob das Säckchen in seiner Manteltasche noch da war. Der alte Hegira hatte ziemlich geschimpft, als er erfuhr, dass er die Pflanze sofort austragen würde. "Wie soll ich sie da wachsen lassen?" Offenbar wollte er sich ein Exemplar zurückbehalten und eines züchten, um es den Nikolaus blühend an den Tannenbaum tragen zu lassen. Andrios Einwand, dass dann Winter in den meisten Teilen der Menschenwelt war, und die Blumen dort nicht überleben würden, in Deutschland, ignorierte er einfach. Die beiden Fliegenden froren. Es war eiskalt, und das, obwohl sie die unberührten Grenzen der Arktis schon längst hinter sich gelassen hatten. Unter Ihnen zeigten sich zum wiederholten Male die Lichter einer Großstadt, doch auch hier flogen die beiden Rentiere einfach drüber hinweg.
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Die Stimmung in dem ganz in bleich gehaltenen Raum war gedämpft. Die drei Anwesenden, der Chefarzt, die Mutter und der Anästhesist, sprachen so gut wie gar nichts mehr. Sie hatten soeben diskutiert. Die Mutter hatte sich still in ihr Schicksal ergeben, und das, obwohl Sie sich klar zu machen versuchte, das es nicht Sie sondern ihre Tochter treffen würde. Die Kleine litt an Leukämie, und das in einem Endstadium, in dem die Ärzte längst außer lebensverlängernden Maßnahmen nichts mehr machen konnten. Doch auch diese Möglichkeit war nun vorbei. Es würde bergab gehen, und alle waren sich in ihrem Schweigen einig, dass der Tod eher heute als morgen zu der Kleinen kommen würde. Lisa langweilte sich. Thomas schlief immer noch hauptsächlich, und ihre Mutter war weg, und der Arzt mochte auch nicht mehr so häufig kommen wie am Anfang. Man hatte ihr gesagt, dass sie morgen in ein anderes Zimmer kommen würde. Und das man ihr heute Abend ein Mittel geben würde, das ihr den Schlaf angenehm machen würde. Sie würde ganz schön träumen, hatte ihr ihre Mutter zugeflüstert. Sie freute sich schon drauf.
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Sie schauten sich um. Die Rentiere waren nicht etwa auf einem Hausdach gelandet, wie sonst immer, sondern in einem großen Park, mitten im Grünen. Vor lauter Grasduft, so nahm Andrio an, waren sie etwas verwirrt geworden und von ihrer Route abgewichen. Sonst waren sie doch nur im Winter unterwegs.
Schließlich entdeckte der Weihnachtsmann ein Gebäude hinter den Büschen. Blitzer hatte Andrios Gedanken entkräftet, indem er plötzlich sagte, dass sie auf dem Weg einfach hierher geführt worden waren. Sie fühlten, dass sie richtig waren.
Die Gruppe stand nun vor einem Notausgang, und nachdem sie sich mit den Tieren in einer Stunde an der Landestelle verabredet hatten, schlichen die Zwei sich in das Gebäude. Zum Öffnen der Tür nutzte Andrio seine Elfenkräfte. Die Gänge waren zum Glück alle leer, bis sie einen Aufzug fanden. Andrio wusste zwar nicht, wohin sie gingen, aber er vertraute dem Mann an seiner Seite ganz und gar. Dieser selbst folgte dem Gefühl, das zwar jetzt wieder ziemlich unbestimmt war, ihm aber doch immerhin sagte, dass Lisa nicht mehr lange durchhielt. "Vielleicht wird sie hier gefangen gehalten?" mutmaßte Andrio. Er fand es ziemlich spannend, zwischen den dunklen Gängen durchzuhuschen, zu spähen, ob ein Mensch käme, und dann eilig weiter zu hasten. Ein weiterer Grund, warum er mit durfte, war gewesen, dass er nicht, noch nicht wie ein typischer Elf aussah. Ihm fehlten die spitz zulaufenden Ohren. Dank dieser Tatsache musste er sich keine Sorgen machen. Er würde einfach als Kind des Weihnachtsmannes durchgehen, und das fand er lustig. Den Weihnachtsmann als solchen würde kaum ein Erwachsener erkennen, er würde einfach als "Mensch" durchgehen. Sie waren in den Keller hinuntergefahren, um hier mit der Suche zu beginnen. "Was spürst du?" wurde er gefragt. "Die Türen sind alle abgesperrt." Er flüsterte. "Ich glaube, hier sind wir falsch", kam die dunkle Antwort, "Es gibt gar kein Lebenszeichen mehr." Der Elf roch es auch. Hier waren tote Menschen. "Warum, glaubst du, schließen sie die hinter so starken Türen weg?" "Starke Türen? Was meinst du?" "Na, die Türen sind alle mit zwei Schlössern gesichert." "Könntest du sie öffnen?" "Klar." Der Elf wollte zu der nächsten Tür gehen. Undeutlich vernahm der Weihnachtsmann ein Klicken. Schnell griff er zu und erwischte den Kleinen noch an der Schulter, indem er sich bückte. "Nicht. Ich erinnere mich. Das sind Leichenhallen." Der Kleine zuckte zusammen.
Beide atmeten auf. Sie waren im dritten Stock, und langsam verlor sich der der Schock des Kellers. Damit hatte keiner gerechnet. Sie waren in einem Krankenhaus. Der Elf hatte noch kein Wort gesprochen, seit sie wieder im Warmen waren. Da unten war es empfindlich kühl gewesen, und Andrio hatte sich noch nicht ganz erholt, dass er beinahe durch die Tür zu einem toten Menschen gegangen wäre. Er hatte sie schleunigst mit einem Spruch wieder versiegelt, nachdem er sie schon aufspringen gelassen hatte. Zum Glück nur einen Spalt weit. Langsam bekam der Nikolaus ein Gespür für den Aufenthaltsort des Mädchens. Sie öffneten in letzter Zeit immer weniger Türen, wie noch im zweiten Stock, und gingen immer zielstrebiger auf einen bestimmten Gebäudeteil zu. Schließlich standen sie vor einem Zimmer, nachdem Sie die letzten paar Gänge zu gar niemand mehr rein geschaut hatten. Sie hatten eben den Raum betreten, als sich aus dem Gang von vorne, um die Ecke, Stimmen näherten. Es war abends, und durch die Fenster fiel nur noch spärliches Licht. Sollten sie sich in dem Raum verstecken? Der Elf schlug es vor. "Lenk sie ab, schnell!" zischte der Nikolaus im selben Moment, und hielt die Zimmertür einen Spalt offen hinter sich. Dem Elfen stockte der Atem. 'Ablenken? Wie denn?' Doch er rannte los, quetschte sich aus dem Zimmer und warf sich kurz davor auf den Boden.
Hinter ihm schloss der Nikolaus die Tür, und setzte sich an das Bett des Mädchens. Er wusste, er hatte sie gefunden.
"Schnell, bringt Ihn in den OP!" rief Dr. Weißer dringlich. Der Junge würde verbluten! Die beiden, der Mediziner und Lilo, die ihn begleitet hatten, als er zu Lisa wollte um ihr das einschläfernde Mittel zu geben, packten ihn übereifrig an. "Reißt ihm nicht den Kopf ab!" Er würde doch mitlaufen. Das wurde ja nie etwas! "Wie konnte das passieren! Die Kinderabteilung sollte doch geschützt sein!" Sie rannten, den Jungen im Arm, der Assistent vorne weg mit den Füßen, die Mutter von Lisa den Arm um die Taille des Kleinen geschlungen, und der Arzt hatte den rechten Arm um die Brust geschlungen, den Kopf vorsichtig im Rennen mit der Linken gerade haltend. 'Wo kam der nur her? Und vor allem: Wie hatte er sich so mit Blut beschmieren können? Das konnte unmöglich alles von ihm sein!' Auch wunderte er sich über das gelbe, mantelartige Gewebe, das der Junge als Oberteil trug. War das jetzt Mode?
Andrio keuchte. Sein Stöhnen war sogar echt. Die Männer taten ihm weh, und er hatte Angst. Er hatte noch nie einen Menschen berührt, außer dem Weihnachtsmann, und jetzt hielten ihn gleich drei gepackt und hatten ihn gerade auf eine Liege gedrückt. Er wusste nicht, was sie machen würden. Er hatte nicht einmal einen Plan, was er machen würde, um hier wieder raus zu kommen. Es war ihm nur wichtig, dass der Weihnachtsmann ungestört mit Lisa sprechen konnte. Um seine eigene Rettung versuchte er sich keine Sorgen zu machen. Er konzentrierte sich. 'Hatte er sich genug Wunden zugefügt?' Er war einfach aus dem Zimmer gestürzt, auf die Männer zu, die nur noch drei Türen entfernt im Dunklen herankamen, hatte sich auf den Boden geworfen und mittels seiner Kräfte sich an verschiedenen Stellen die Haut abgezogen. So war es ihm zumindest vorgekommen. In seiner Aufgeregtheit konnte er den Wundenzauber etwas stärker verwendet haben, als nötig gewesen wäre. Er hatte jetzt wirklich Schmerzen. Und bis seine Selbstheilungskräfte, die jedem Elfen inne waren, einsetzen würden, brauchte es nur noch ungefähr fünf Minuten. Er wagte nicht daran zu denken, was passieren würde, wenn die Menschenärzte das Licht über seinen Körper huschen sahen. Er bekam nicht mit, wie die Gruppe seinen Bauch säuberte, und die beiden Ärzte höchst verwundert mit einem Tuch die Wunden desinfizierten. "Wer zum Teufel ist das?" Pfleger Malik, der auch auf der Kinderabteilung arbeitete, hatte sich über das doch etwas fremdländisch anmutende Gesicht gebeugt. "So sieht keines unserer Kinder aus." Auch der Arzt stand etwas ratlos neben ihm. Er hatte noch das blutverschmierte Tuch in der Hand, wischte allerdings nicht weiter. "Wie ist er wohl durch die Tür gekommen?" - "Vielleicht wurde er Zuhause misshandelt und hat hier Schutz gesucht." Er sah sich den Jungen an. "Sieht allerdings so aus, als wäre er ganz gut genährt." "Nur das ihm an manchen Stellen die Haut fehlt, als hätte man sie ihm heruntergerissen", warf der Pfleger ein, betrachtete weiter das blutende Gesicht, den Rücken, den er vom verklebten Hemd befreit hatte, und sah dann auf. "Sollen wir ihn nähen?" Sie hatten zwar keine Genehmigung dazu, aber sie konnten schlecht warten, bis alles Blut verkrustet war. Es würde freilich gerinnen, an manchen Stellen hatte es schon eingesetzt, doch die Haut würde danach ziemlich wund sein. Sie sahen sich an. "Wenn das mein Junge wäre, wäre ich einverstanden." Lilo trat näher heran, ihr Mutterinstinkt war geweckt. Sie nickten. Zwei Minuten waren vergangen. Der Junge verdrehte die Augen und bäumte sich kurz auf. Sie hatten das nötige Werkzeug geholt und die Wunden fertig gereinigt. Gleich würde Dr. Weißer beginnen.
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Der Nikolaus konnte ihr nicht helfen. Er hatte mit ihr gesprochen und aus dem, was sie ihm nicht sagen konnte sozusagen zwischen den Zeilen gelesen, aber abgesehen davon, dass er Sie glücklich gemacht hatte, und sie in ihrer kleinen Faust das Säckchen mit den Springblumen hielt, konnte er ihren bedrohlichen Zustand nur fühlen, nicht aber heilen. Er hatte keine Elfenkräfte, er konnte auch nicht sich selbst einen Wunsch erfüllen, so gern er das Mädchen auch gesund gesehen hätte. Sie lachte ihn an. "Danke Nikolaus. Mama sagt, du würdest nur an Weihnachten kommen können." "Ab und zu kann ich eine Ausnahme machen, wenn ich mal ganz wenig zu tun habe." Er sah hinunter auf den kleinen Körper, der geschwächt im Bett lag. Obwohl das Mädchen fidel wirkte, machte Sie keine energiereichen Bewegungen oder Hüpfer, wie andere in ihrem Alter.
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Derweil hatte die Mutter des Mädchens ihren Freund, Norbert, angerufen, und ihn gebeten, sofort zu Lisa in die Klinik zu kommen. Sie könnte gerade nicht zu ihr zurück, weil sich ein Not- und seltsamer Zwischenfall ergeben hätte, doch es wäre Ihr sehr wichtig. Er stimmte sofort zu und düste los in seinem Auto. Zum Glück wohnte er in der Nähe. Norbert eilte die Haupttreppe hoch und durch den Eingang hinein. Die arme Lisa! Hoffentlich hielt Sie durch. Er wusste, wo Sie lag, nickte dem Portier nur kurz zu und stürmte hoch in den Dritten. Alles war Dunkel. Hoffentlich würde Lisa ansprechbar sein. Er mochte traurige Kinder nicht, wusste er doch dann immer nicht, mit was er sie aufmuntern sollte. Seltsamerweise brannte in dem Zimmer Licht, er sah es unter der Tür durchschimmern. Vielleicht war ein Arzt bei ihr. Ein Blitz zuckte durch seinen Kopf: 'Hoffentlich war nicht Lisa der Notfall.' Er hätte den Türwächter doch fragen sollen, wo sie sich im Moment befand. Allerdings hatte sich Lilo am Telefon zwar merkwürdig angehört, nicht aber so, als würde das eigene Kind betroffen sein. Seine Hand am Türgriff zitterte. Und, ging Ihm der merkwürdige Gedanke durch den Kopf, konnte der Portier aus seinem Gästebuch doch nur die Zimmernummer herauslesen, und die kannte er selbst auch.
Er atmete tief ein, drückte die Klinke hinunter, und öffnete die Tür ganz langsam. 'Bitte lieber Gott, lass das Licht nur von abendlichem Besuch von Thomas sein.' Er erstarrte. Der Weihnachtsmann hörte eilige Schritte. Offenbar war Andrios Ablenkungsmanöver zu Ende. Sie kamen wieder. Er stand schnell auf...
Lisa war alleine. Norbert eilte an ihr Bett. Das Licht brannte - in diesem Moment nahm er ihn wahr. Alle seine Gedanken wurden unterbrochen. Was er sich je über ihn vorgestellt haben mochte, in diesem Moment kam ihm alles auf einmal in den Sinn, und entschwand doch gleich wieder in seinen Hinterkopf. Wenn er nur noch ein Fünkchen Luft in seinen Lungen gehabt haben würde...er hätte geschrieen, aufgeschrieen vor - Freude. Reiner Freude. Was immer Lisa genau hatte, sie war gerettet. Er strahlte den Mann an. Auch Lisa strahlte. "Nobe-t", murmelte Sie mit ihrer kindlichen Stimme, "schau mal weh- da ist." Ganz schwach lag Sie da, und doch so glücklich. Er streckte die Arme aus, und bedeutete dem Mann im roten Mantel somit, dass er willkommen war. Ein breites Grinsen breitete sich auf dessen Gesicht aus.
*
"Da vorne", murmelte Norbert im Schatten des Weihnachtsmannes. Sie hatten sich gemeinsam auf die Suche nach Andrio gemacht und standen nun an einer Abzweigung, an der ihr Gang zu Ende war, ein Gang den ihren querte, und eine große Doppeltür mit Glas direkt vor Ihnen sie, laut Norbert, von Andrio trennte. Scott war unheimlich froh, auf ihn gestoßen zu sein. Einen so gläubigen und doch schon erwachsenen Mann hatte er noch nie gesehen. Er war ihm eine wirklich große Hilfe. Und - und er hatte einen Wunsch gehabt. Nicht mehr wie vor dreißig Jahren, als er selbst noch ein Kind gewesen war (er hatte sich damals eine Modelleisenbahn gewünscht gehabt); nein, sein heutiger Wunsch, den er ihm mit Freude erfüllt hatte, war etwas ausgereifter und liebevoll. Äußerst liebevoll. Lachend hatten sie die ersten Schritte aus Lisas Zimmer gemacht, wo der Nikolaus Lisa versprechen musste, sich von ihr zu verabschieden, bevor er endgültig ging. Er hatte es einer Lisa zu versprechen, die nicht schwach auf dem Bett lag, sondern stand, artig vor ihm stand und mit einem schelmischen Funkeln in den Augen Fragen stellte. Dadurch waren sie auf Andrio gekommen, und bevor noch der Weihnachtsmann erschrocken die Luft wieder auslassen konnte, die er eingeatmet hatte, hatte ihm Norbert schon angeboten ihn durch das Bezirkskrankenhaus zu führen. Von Ihm kam auch der Vorschlag, in den Operationsräumen, die in der Nähe lagen, nachzuschauen, als der Nikolaus erwähnte, dass er ein simuliertes Keuchen von Andrio gehört hatte.
Und nun standen Sie direkt davor. Der Nikolaus kramte in seiner Tasche. Sein eigener Sohn und die Elfen hatten da mal eine nützliche Idee gehabt, er hoffte nur, er hatte sie auch da...
Beide standen Sie mit Brillen vor der Tür, und spähten hinein. "Genial." Hatte Norbert gemurmelt, als die Wand plötzlich preisgab, was hinter ihr vor sich ging. Doch sobald Sie den Elfen verschwommen auf dem Tisch liegen sahen, das weiße Leinentuch über ihn ausgebreitet, nur an manchen Stellen seinen Körper durchscheinen lassend, hatten Sie beide gestöhnt. Er war nicht aufgeschnitten geworden, aber...
*
Sie starrten immer noch. Vor ungefähr vier Minuten, gerade als Dr. Weißer den ersten Schnitt setzen wollte, hatte er die Haut unter seinen Händen kribbeln spüren. Er war nur ganz kurz zurückgewichen, das Gesicht des Jungen musternd, um zu sehen, ob er die Augen aufgeschlagen hatte, und wollte dann die betäubte Stelle in dessen Hintern bearbeiten. Doch in diesem Moment zuckte ein Licht auf, und noch ehe er sich bewusst wurde, dass es nicht ein Reflex der Operationslampe über ihm und nicht eine Taschenlampe von einer der Personen hinter ihm war, hatte der Junge beinahe am ganzen Körper in einem hellen Licht geglüht. Der seltsame Schein lockte den wissenschaftlich-neugierigen Assistenten, sowie die Mutter, wenn auch aus anderen Gründen, an, und alle drei beobachteten sie das außergewöhnliche Schauspiel. Durch das Licht deutlich sichtbar erkannte der Arzt, wie die Oberhaut des Jungen zu Wachsen begonnen hatte. Nach und nach, und gleichzeitig, war der Junge heil geworden. "Wer zum Teufel ist das?" murmelte der Pfleger nun noch einmal. Sie standen immer noch unbeweglich um ihn herum. Der Junge zuckte leicht, dann schlug er die Augen auf. Ängstlich starrte er sie an.
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Seit fünf Minuten wartete er auf nichts sehnlicher, als das sich die Tür öffnen und sein Freund hereinplatzen würde. Nun konnte er die Neugier nicht länger ertragen. Was machten die Menschen, nun, da Sie gesehen hatten, wie er wiederhergestellt wurde? Er öffnete die Augen. Sie standen im Dunklen außerhalb des Lichtkegels, den die große Lampe über ihn warf. Jetzt, dachte er, ist es eh schon zu spät. Er dimmte mit seinen Kräften das grelle Licht über sich etwas ab, und sofort erkannte er die Konturen neben sich besser. Zum ersten Mal nahm er nun auch wahr, das eine Frau unter Ihnen war.
*
Das Licht war schwächer geworden. Vielleicht ein Stromausfall, dachte Dr. Weißer, ohne über dieses unlogische Verhalten des Beleuchtungsapparates nachzudenken. Er starrte auf das Kind. Das war ein medizinisches Wunder. Jetzt richtete sich der Knabe auf, schaute unter das Leinenzeug, das sie über ihn gelegt hatten, und setzte sich dann auf. Er war immer noch etwas schockiert. Dieser Junge, der vorher so schwach und wimmernd auf dem Boden gelegen hatte, stand aus eigener Kraft auf und zog sich soeben wieder an. Lilo hustete. Sie dachte nur noch an Lisa. Hoffentlich war ihrer Tochter nichts passiert. Sobald sie gesehen hatte, wie dieses Kind erleuchtet wurde, dachte Sie panisch an ein geschickt geplantes Ablenkungsmanöver, um ihr ihr Kind zu nehmen. Das war zwar etwas unlogisch, doch Sie rannte aus dem Raum, den Gang entlang, und zu ihrer Lisa. Die Tür ließ Sie offen.
*
Der Nikolaus nahm die Brille ab. Sofort besserte sich sein Umfeld von einer verschwommenen, blassen Ansicht mehrerer hinter einander liegenden Zimmer zu einer einzigen Wirklichkeit: Die sterile graue Kunststoffwand, die den OP-Saal abschirmte, und die offene Tür, durch die er nun ganz ohne Sehhilfe seinen Freund wahrnahm. Der stürmte, kaum dass er den unversperrten Ausgang bemerkte, auf den Nikolaus zu, und Sie rannten weg. Norbert drehte nach ein paar Schritten an Seite des Elfen um, und stellte sich den Männern, die eben aus ihrer Lethargie erwachten, entgegen. Der größere der beiden, seinem Schild am Kittel vorne dran ein Herr Malik, drückte ihm die Hände auf die Brust und stieß ihn wild zur Seite. Er flog gegen die Wand und blieb etwas benommen liegen, nachdem sein Kopf gegen die Mauer gekracht war.
Im Hetzen fragte der Nikolaus, wo Norbert sei. Der Elf antwortete, er habe ihm den Gedanken eingegeben, die Männer aufzuhalten. Der Nikolaus lobte ihn. Später ihm Laufen, sie waren jetzt im ersten Stock, die Männer waren einen Gang hinter ihnen, fragte ihn der Weihnachtsmann, ob er sich selbst helfen hätte können. Der Elf erklärte, dass sie in Gegenwart von Menschen -ausgenommen dem Weihnachtsmann- nicht zaubern durften, eigentlich. Doch er hätte es wahrscheinlich gemacht, wenn es noch länger gedauert hätte, schon um sich zu schützen. Und wenn schon denn schon hätte er natürlich noch ein paar weitere Zauber anwenden können, zum Beispiel einen Gedächtniszauber, und einen um die Tür zu öffnen oder so was, hatte er überlegt.
Als sie den letzten Gang, jenen, durch den sie als erstes hineingekommen waren, erreichten, seufzte Andrio. Er konnte fast nicht mehr. Das sagte er dem Nikolaus. "Halte aus. Draußen warten Donner und Blitzer nur darauf, uns wieder zu fliegen, und in der kalten Luft oben würdest du froh sein, hier drinnen sein zu dürfen, und wenn du auch noch so rennen müsstest." Er sprach eilig und angestrengt schnaufend, obwohl er sich drüber im Klaren war, dass er, im Gegensatz zu dem Elfen, viel weniger tun musste. Allerdings, so nahm er stark an, verwendete der Elf einen Beschleunigungszauber, ansonsten konnte sich der Weihnachtsmann nicht erklären, wie dieser nun plötzlich mithalten konnte, so klein wie er war. Das Wörtchen klein erinnerte ihn an etwas. Erschrocken hielt er inne. Andrio kam ein paar Schritte vor Ihm rutschend zu stehen. "Was ist denn?" fragte er drängend. Der Nikolaus starrte ihn an: "Lisa!" - "Wie bitte? Ich heiße immer noch Andrio Aloysius", brummte dieser und spähte düster in die Richtung ihrer Verfolger. Soeben kam der Erste um die letzte Ecke, die sie vorhin passiert hatten. "Nein, Lisa, das Mädchen mit den Blumen, du weißt schon" er brach ab, immer noch heftig schnaufend. In diesem Moment erreichten die beiden Männer sie. "Lassen Sie das Kind in Ruhe!" donnerte der eine von ihnen. Es war der Doktor, der Andrio den Schnitt setzen wollte, erkannte dieser. Die beiden kamen zum Halten. Wie beim Schach, nur dass hier nur zwei Figuren auf jeder Seite standen, dachte Andrio. "Der Junge gehört nicht hier ins Krankenhaus", sprach der Nikolaus ruhig. "Wohin denn dann?" höhnte der eine. "In ein Labor, wo sie ihn manipulieren?" Er sprach schneidend, und blickte den großen Mann, den Weihnachtsmann, wie er nicht wusste, anklagend an. "Labor?" gab dieser zurück, "Unsinn." Er blieb weiterhin gelassen. "Aber er gehört auch nicht zu Ihnen, wo Sie ihn nicht nur manipulieren wollen, sondern auch aufschneiden. Ich habe es gesehen." Der Nikolaus vergaß, dass es bei Menschen üblicher war, dass der Körper sich nicht selbst heilen konnte. Die beiden Parteien starrten sich an; die Weiße böse, der Rote und der kleine Gelbe abwartend. "Sie geben also zu, dass Sie den Buben mit neumodischen Medizinen voll gepumpt haben." "Das ist Unsinn. Das macht sein Körper alleine." "Wie?" ereiferte sich Herr Malik, "Sie beschuldigen den Jungen ganz offen hier, Drogen zu nehmen?" Seine Stimme war immer lauter geworden, er hatte nicht verstanden was der Mann vor ihm meinte. "Das ist..." setzte der Weihnachtsmann noch mal an, doch er wurde unterbrochen. "Ich nehme gar keine Drogen." Deutlich und klar hallte die Stimme des Kleinen durch den Gang. Und nun geschah etwas Seltsames: Die beiden Männer starrten Ihn einen Moment mit hellen Augen an, dann fragte der Eine, Dr. Weißer, langsam: "Du nimmst wirklich keine Drogen, ist das die Wahrheit?" Und Andrio antwortete: "Nein, gar keine. Das habe ich noch nie." Und er sah ihm ehrlich in die Augen. Die beiden Ärzte wechselten einen geschwinden Blick, bevor sie zur Seite wichen. Der Nikolaus, der ahnte, dass hier ein Zauber des Elfen am Werk war, eilte rasch an ihnen vorbei, bevor sie wieder zur Besinnung kommen würden. Andrio folgte ihm, rückwärts gehend, die Augen so lange als möglich auf die Männer gerichtet. Dann waren sie um die Ecke gebogen. Der Nikolaus setzte sich sofort in Laufschritt, um zu Lisa zu kommen.
*
Sie weinte. Lilo saß nur noch auf der Bettkante und weinte vor Glück. Norbert lag auf dem Bett, die Kleine auf seiner Brust, und Sie lachten beide. "Das ist kitzlig." Lisa krümmte vor Lachen den Bauch. Ihre kleinen Finger bohrten sich in die Seite von Norbert. Der lachte. "Lisa", er richtete sich auf. "Lisa!" Lilo wischte sich mit der rechten die Tränen aus den Augen, dann ließ sie sich linksrum vorsichtig auf das Bett rollen. Neben Norbert kam Sie zur Ruhe. "Lass Sie doch. Heute ist ein besonderer Tag." Sie sprach ganz leise, als ob sie es noch nicht glauben konnte. Das mit dem Weihnachtsmann konnte sie sowieso nicht glauben, Lisa dagegen bestand darauf, dass er hier gewesen war, und wieder kommen würde. Sie lag auf dem Bauch neben ihrem Geliebten, dieser auf dem Rücken, auf sich Lisa, die jetzt die Stellung wechselte und sich rittlings auf ihre Mutter setzte. "Ich habe ja gar nichts dagegen", wehrte sich der, immer noch grinsend. "Aber du kannst dir gar nicht vorstellen, wie kitzlig so kleine Hände sein können." Er wendete den Kopf und sah sie zärtlich an. Lilo brannte diesen wunderschönen Moment für immer in Ihr Gedächtnis. Sie hatte ihr Kind behalten dürfen, Sie durfte doch erleben, wie es groß wurde, ... wie es Talente entdeckte, Lieblingsmusiker und Vorlieben annahm, ein Fan von Steven Spielberg wurde, all jene Dinge eben, die sie in der letzten Woche bereits abgeschrieben hatte.
*
Sie schnauften heftig. Dies erinnerte Andrio sehr daran, wie Sie beide in dem Archiv Zuhause nach dem alten Brief Norberts gesucht hatten. Nur das Sie jetzt in einem Raum mit einer schlafenden älteren Dame ausharrten, und warteten, dass ihre Verfolger an ihnen vorbei laufen würden. Der Weihnachtsmann hatte die Idee gehabt, dass sie gar nicht durch die Gänge zu Lisa mussten, vor allem, da der Doktor irgendwann auch auf die Idee kommen würde, zu ihr zu eilen. Sie würden, - was hoffentlich schneller ging -, von draußen zu Lisa gelangen. "Können wir nicht einfach das Fenster öffnen, und Sie herrufen?" Andrio blickte ihn nervös an. "Das geht nicht", ermahnte ihn der Nikolaus. "Es würde die Frau wecken." Der Weihnachtsmann sah sich in dem kleinen, spärlich eingerichteten Raum um. Auch Andrio ließ die Blicke schweifen. Dann ging er leise zum Fenster, und spähte hinaus. Der Weihnachtsmann sah ihn mahnend an. "Ich sehe sie gar nicht." Flüsterte Andrio trotzdem. Der Nikolaus achtete nicht auf ihn. Er drückte ein Ohr an die Tür, dann öffnete er sie leise. Er drehte sich um, und winkte den Elfen zu sich. "Sie sind eben durch den Gang. Los komm", und Andrio bückte sich vom Fenster weg und eilte rasch hinter seinem großem Freund her. Auf dem Linoleum waren ihre Schritte kaum zu hören. Die Stoffschuhe des Elfen, - sie hatten eine schöne schnabelartige Verzierung vorne - hörte man gar nicht. Rasch eilten Sie wieder hinunter, zum dritten Male den Gang vor der Nottür betretend. Dann waren Sie endlich draußen, in der kalten Nachtluft. Tief zog der Nikolaus die frische Luft ein. Andrio lief voraus, in das kleine Wäldchen im Park des Krankenhauses. Er suchte die Stelle, wo sie die Rentiere zurückgelassen hatten. Hinter sich hörte er leise das Rascheln von den schweren Schritten des Santa Claus. Dann hatten Sie beide den Treffpunkt erreicht. "Wo sind sie hin?" "Keine Ahnung. Hast du eine Uhr an?" "Ein Elf und eine Uhr? Wir verlassen uns gewöhnlich auf unser Zeitgefühl", lachte dieser auf. "Und was sagt dein Zeitgefühl?" Der Kleine starrte ihn an. "Was soll es denn sagen?" "Na, ob die Stunde schon rum ist, zum Beispiel", ärgerte sich der Nikolaus über das schnelle Begriffsvermögen seines Begleiters. "Ach so! Die Stunde!" Ein Lächeln überzog sein Gesicht. "Nein, so was kann ich natürlich nicht fühlen. Ich hätte es dir nur sagen können, wenn ich vorher auf die Zeit geachtet hätte und dann schätzen -" sprach der Elf vor sich hin. Der Nikolaus unterbrach ihn rüde: "Schätzen hätte ich es auch können! Das ist ja toll, die Zeit als Messfaktor zum Wiedertreffen zu benutzen, und dann hat keiner eine Uhr." Er starrte düster vor sich hin. So was von methodisch vorgegangen, und jetzt das! 'Wie sollten sie zum Fenster von Lisa fliegen, wenn Sie das nötige "Fluggerät" nicht hatten!' In diesem Moment drang ein Rascheln aus dem Gebüsch. Hoffnungsvoll starrten Sie darauf. Doch es tat sich nichts. Andrio ging etwas auf das Gestrüpp zu, um dann wie gestochen zurückzufahren. Aus der Dunkelheit hatte sich ein Kater fauchend bemerkbar gemacht, und war ihm mit den Krallen ins Gesicht gefahren. Mit Zeige- und Mittelfinger betastete Andrio vorsichtig die Blessuren. Es würde in jedem Falle wieder heilen. Der Nikolaus sah dem Kater nach. Er war grau wie die hereinkommende Nacht, fast sogar schwarz. In diesem Moment stupste den Nikolaus etwas leicht in den Rücken. Er fuhr erschrocken herum, etwas zu rasch, denn er erwischte mit dem Ellenbogen Donner unsanft an den Nüstern. "Donner" ließ er zischend die Luft aus seinen Lungen. "Mir scheint" erwiderte dieser etwas pikiert, "diese wunderschöne Mieze hat noch nie einen Elfen gesehen gehabt." Er wandte sich absichtlich an Andrio, dem Nikolaus etwas schmollend. "Tut mir leid, Donner, aber ich habe eben wirklich nicht mit Dir gerechnet." - "Pah, nicht gerechnet. Wir wissen zufällig, das ihr schon sehnsüchtig auf uns wartet", meinte er abfällig. "Aha", meinte Andrio. "Dann hättet ihr euch auch gleich melden können." Doch er fuhr fort, bevor ein Streit entstehen konnte. "Dann wisst ihr also schon, wofür wir euch brauchen. Wir müssen zu einem Fenster im dritten Stock, um jemandem auf Wiedersehen zu sagen." Er sah sie beide der Reihe nach an. "Klar", mischte sich Blitzer ins Gespräch. "Steig auf, Freund." Der Nikolaus beobachtete Andrio kurz, ob er hoch kam, dann ging er zu seinem Rentier. Das aufsteigen ohne die Aufstiegshilfe in der großen Halle hasste er. Er sah zu Andrio, wie der es machte. Doch er saß schon. So schnell!
*
Andrio blickte sich um. Der Nikolaus nickte ihm zu, und ging dann zu seinem Rentier. Donner benutzte er immer, wenn er ohne das große Gespann reisen wollte. Der Elf murmelte konzentriert den Schwebezauber, sauber die einzelnen Silben betonend. Sogleich hoben sich seine Füße vom Boden ab, und wie er neben dem Rentier schwebte, hob er den rechten Fuß über die Kruppe von Blitzer. Er sah sich um. Die Dunkelheit war so undurchdringlich, das er seinen Freund kaum erkennen konnte. Doch er glaubte zu sehen, dass er nicht wusste wie er hoch kommen sollte. 'Fies von Donner, gemütlich stehen zu bleiben, obwohl er sieht, dass sein Herr Hilfe braucht.' Doch eben, als er Blitzer näher an seinen Gefährten lenken wollte, um diesem mit einem Zauber zu helfen, gab Donner klein bei und ließ sich vorne nieder sinken. Nun kam der Nikolaus ganz leicht rauf. Wahrscheinlich, so dachte Andrio, schmollte dessen Tier immer noch wegen dem Nasenstupser von vorher. Die beiden Rentiere bahnten sich ihren Weg durch das Gestrüpp. Vorsichtig einen schlanken Tierfuß vor den anderen setzend, waren sie schließlich aus dem Waldstück heraußen. Andrio war mit Blitzer vorneweg; nun griff der junge Elf nach den Zügeln, die allerdings nicht wirklich mit dem Maul verbunden waren, sondern nur zum Festhalten da. Das Rentier bäumte sich kurz auf die Hinterbeine auf, nicht hoch, nur so, dass es vorne in der Luft war. Andrio drückte seine Beine an die Flanken, gleich würde Blitzer springen. Und: -hopps! Er hatte sich abgedrückt vom Erdboden, und war dann mit schnellen Schritten in der Luft weitergelaufen, stetig aufwärts. Hinter ihm sprang Donner gerade in die Luft, ohne weiter zu zögern, und stieg am Anfang etwas steiler auf, ähnlich einer Ziege, die einen schroffen Berg erklimmt. Nur, das hier kein Berg da war, sondern nur kalte Nachtluft. Doch, so dachte sich der Weihnachtsmann, während er sich klammernd am Zügel festhielt und die Beine so fest wie möglich an die Seiten von Donner drückte, die Dunkelheit der Nacht schützt uns. Sonst würden Sie den Geheimhaltungsbeschluss brechen, der, obwohl inoffiziell, doch auch für Sie galt. Andrio hieß Blitzer, so nahe wie möglich an den Fenstern vorbei zu fliegen, damit sie erkennen konnten, wo Lisa drin war. Doch zu seiner Verwunderung folgte ihm Donner mit dem Weihnachtsmann nicht. Er drehte sich auf Blitzers Rücken um, und flüsterte dann: "Folge ihnen, Blitzer, Sie werden wohl auf eine andere Lösung gekommen sein." Blitzer legte ein paar Trabschritte ein, um aufzuholen. Dann, als der Nikolaus auf Donner die Gebäudeecke umrundete, ahnte er plötzlich, wonach Scott Calvin suchte. "Licht!" er sprach es laut aus. "Blitzer, sie suchen nach Licht." Er lachte fast. Es war eigentlich ganz einfach. Inzwischen konnte man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Lilo, Lisas Mutter, bei ihr im Zimmer war. Schließlich hatten sie diese vorhin wegstürmen sehen. Und tatsächlich, Donner wurde langsamer und - blieb schließlich stehen. Der Nikolaus wandte sich auf ihm um und gab Andrio ein Zeichen. "Hierher!" Andrio manövrierte sein Tier ganz Nahe an Donners rechte Seite heran, mit den Schenkeln die Befehle erteilend. Schließlich konnte er auch in den Raum sehen. Es war tatsächlich der Gesuchte. Seine Wangen kribbelten, es heilten gerade die Kratzspuren des Katers von vorhin.
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"Mama, Mama, da ist der Weihna-tmann!" ereiferte sich Lisa. "Schau." Sie deutete mit ihrem dünnen Ärmchen auf das Fenster. Sie hatte ihn sofort entdeckt, auch ohne dass er ans Fenster pochte. Die Mutter erschrak fürchterlich. "Norbert!" schrie sie und fuhr auf dem Bett hoch. "Da ist ein Fassadenkletterer!" Ihre Stimme war kreischig. Nun öffnete auch Norbert Meierhofer wieder die Augen, nun, da er ihre angenehme Wärme nicht mehr an seinem Arm spürte. Fast wäre er eingeschlafen. Hatte Lisa gerade etwas gerufen? Er starrte müde in die Dunkelheit hinaus. Sofort war er hellwach und stürzte ans Fenster, um es aufzureißen. "Willkommen." rief er, jedoch freundschaftlich. "Lisa", er drehte sich um. Diese kam bereits angetrippelt, und er nahm sie auf seinen Arm hoch. "Hallo", grüßte Sie artig, um jedoch mit großen Augen auf die Rentiere zu starren, anstatt auf die Gegrüßten. "Hallo Lisa." Der Nikolaus grinste, vor allem über das ungläubige Gesicht von der Frau im Hintergrund, die auf dem Bett lag, und aussah, als würde sie gleich ohnmächtig werden. Sie war kalkweiß. Er neigte den Kopf nach hinten, und zischte etwas zu Andrio. Dieser nickte, streckte die Hand aus, und das herunterhängende Meldekabel, über das die Frau sie dem Krankenhauspersonal verraten konnte, wandte sich nach oben, steil zur Decke. Dadurch wurde Sie erst richtig darauf aufmerksam. Sie reckte sich und versuchte vergeblich, den Drückknopf zu erreichen. Andrio verhinderte es. Sobald die Frau dem Kabelende nahe kam, ließ er es wegschnellen. Sie schien der Verzweiflung nahe. Der Nikolaus sprach unterdessen ein paar Worte mit Lisa, und diese nickte freudig. Auch Norbert unterhielt sich mit. Sie hatten allerdings nicht lange Zeit. Es waren gerade an die drei Minuten vergangen, als die Tür aufgestoßen wurde, und Herr Malik, der Pfleger, und Lisas Arzt, Dr. Weißer hereinstürmten. Es bot sich Ihnen ein eigentümliches Bild: Im Vordergrund, linkerhand, ein schlafender Junge, dahinter eine Frau, auf dem Bett stehend, ohne Schuhe, etwas wackelig, und mit den Händen nach etwas haschend, das aussah wie eine lebendig gewordene Kabel-Schlange. Das Fenster offen, und nun, da auch die Zimmertür auf war, begann ein kalter Luftzug durchzuwehen. Hinter dem Fenster, und hier begann die Absonderlichkeit erst recht, ein Mann, der Mann, verbesserte Dr. Weißer seine Gedanken, den er schon vorher im Erdgeschoß beinahe gestellt hatte. Dieser dickliche Einbrecher, den er liebend gerne untersuchen würde, und das Kind welches jene seltsame Heilkraft besaß. Und um ihn gänzlich zu verwirren, fiel nun die falsche Schlange hinunter, die Frau griff danach und drückte den Knopf. Im selben Moment begann das Quartett am Fenster zu lachen, das Mädchen -wie kam es, dass sie so fit war?- wisperte ein glückliches Tschüß, und die beiden draußen entfernten sich. Ihm fielen fast die Augen raus. Er starrte ungläubig auf das, was die beiden in der Luft hielt. Es war bisher von der Wand vor ihm verborgen gehalten worden. Dann drehte er sich mit einem Ruck um, um Malik zu sehen. Dieser wirkte genauso fassungslos. Der Mann und das Kind drehten sich in diesem Moment um, und die Kleine rannte über den Boden zu ihrer Mutter. Über ihrem Kopf schlug das Fenster zu. Es wunderte ihn schon gar nicht mehr, dass es nicht früher dem Windhauch nachgegeben hatte. Er glaubte zu träumen. Ganz langsam, ganz ganz langsam drehte er sich auf dem Absatz wieder zu seinem Assistenten um, und murmelte so leise, das dieser es kaum verstehen konnte, "ich dachte, den Weihnachtsmann gibt's nur im Märchen." Über die Backe von Lilo glitt noch eine Träne. Lisa an sich gedrückt stieg sie vom Bett, zu ihrem Freund, der die Arme weit aufhielt. "Danke Weihnachtsmann", flüsterte sie.
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