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Der Zankapfel© by Jimaine ()
Es gab Tage im Leben von John Aubrey, Captain, RN, an denen er glaubte, einfach gar nichts richtig machen zu können. Egal wie wohlgemeint der Hintergedanke, das Ergebnis war das genaue Gegenteil von dem, was er sich erhofft hatte. "Ich hatte gedacht, du würdest dich wenigstens ein bißchen freuen." "Ob ich mich freue oder nicht steht hier nicht zur Debatte. Übermorgen willst du auslaufen, und wir haben noch nicht einmal die Hälfte der Vorräte geladen. Vom Trinkwasser will ich gar nicht erst anfangen! Da verbringe ich schon den ganzen Tag an Bord, um ein kritisches Auge auf die eintreffenden Fleischlieferungen zu haben, und bitte dich, mir einige Kleinigkeiten zu besorgen, wo du ohnehin kreuz und quer durch Lissabon rennen mußt, und du hast nichts Besseres zu tun als...als...als..." Bevor er etwas sagen konnte, daß er bereuen würde, deutete er auf das Objekt des Anstoßes, das inmitten von halbaufgerollten Seekarten und Papieren vor ihm auf dem Tisch lag. Die Geste sagte alles. "Ich habe alles, was auf deiner Liste stand, mitgebracht", unternahm der Angeklagte einen Verteidigungsversuch. "Sogar neue Saiten für dein Cello. Und außerdem - " Barsch fiel ihm sein Freund ins Wort, "Wenn auf halbem Weg nach Chile die Besatzung vom Skorbut dahingerafft wird, bin ich wieder schuld, ja, ja. Jesus und Maria, um alles muß ich mich selber kümmern!" "Ich wünschte, du würdest mich ausreden lassen, Stephen, dann könnte ich -" Doch der Arzt brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen. "Dir ist doch klar, daß wir für die anstehende Fahrt Zitrusfrüchte brauchen, oder? Ich wollte sie mit auf die Liste setzen, aber dann sagte ich mir, Jack wird schon von alleine daran denken, ohne daß ich ihm damit in den Ohren liege. Aber jetzt...dies hier...selbst du solltest erkennen, daß es sich hierbei weder um eine Limone noch um eine Zitrone handelt und -" Hier brach Stephen Maturins verärgerter Redeschwall ab, denn der zerknirschte Gesichtsausdruck seines Gegenüber ähnelte dem eines zu Unrecht geprügelten Hundes. Einfach herzerweichend. Er holte tief Luft und zählte auf Griechisch bin Zehn, bevor er den Mund wieder öffnete. "Jack, verzeih, bitte...du hast es gutgemeint. Ich muß mich für meinen Ton entschuldigen. Es ist...interessant. Sehr kurios. Ähnelt keiner mir bekannten Gattung. Darf ich fragen, wo du ihn gefunden hast?" Er nahm sein Vergrößerungsglas zur Hand und studierte den goldglänzenden Gegenstand etwas eingehender. Prompt hellte sich Jack Aubreys Miene auf. "Du erinnerst dich an Senhor Matao, den Inhaber des Tabakwarengeschäfts in der Alfama?" "Dieses wandelnde Skelett, dessen Bruder Geigenbauer ist und der dir letztes Jahr so einen guten Preis für die Ausbesserung des einen Wirbels an deiner Amati gemacht hat? Wie könnte ich ihn vergessen, du hast für die beiden ein Festmahl aufgetischt und hättest sie wohlmöglich noch heilig gesprochen, wenn der Tabakhändler in seiner Maßlosigkeit nicht schon nach zwei Stunden sturzbetrunken gewesen wäre. " "Genau der", nickte der blonde Offizier. "Heute war ich bei ihm Zigarren kaufen - nicht zuletzt, weil sie auf deiner Liste standen - und er lud mich zum Essen ein. Konnte natürlich nicht ablehnen." Auf den Tisch gestützt hob Stephen den Kopf, bedachte Jack mit einem langen Blick über den Rand seiner Brille hinweg - ein Blick von Kopf bis Fuß, der eine Sekunde zu lange auf halber Strecke verweilte - und blinzelte dann zweimal. "Natürlich nicht." "Also, er erinnerte sich an dich und die Hilfe, die du ihm hast zuteil werden lassen, als er...unpäßlich war." Dem Arzt entwich ein verächtliches Schnaufen. "Die Auswirkungen von Port, französischem Rotwein und mehr Essen an einem Abend als der arme Mann vermutlich in einem ganzen Monat zu sich nimmt. Jeder wäre da unpäßlich." "Auf jeden Fall war ihm deine Liebe zu Käfern und exotischen Tieren und Gewächsen im Gedächtnis geblieben. Weswegen er mir diese seltene Frucht für dich mitgegeben hat. Sagte, er hätte sie von einem fahrenden Geschichtenerzähler als Bezahlung für eine Kiste Zigarillos erhalten. Naja, muß wohl mehr eine Art Zigeuner gewesen sein. Dieser erzählte ihm jedenfalls haarsträubende Geschichten von einem fernen Land, einem Ort, der auf keiner Karte verzeichnet ist, der aber ein Paradies für Forscher sein soll, denn dort wimmelt es von seltsamen Wesen und Kulturen mit allerlei seltsamen Bräuchen. Dieser Apfel stammt von dort." Jack räusperte sich vernehmlich. "Sagte er." Fasziniert wog Stephen den Apfel erst in der rechten Hand, dann in der linken, und betastete vorsichtig jeden Zentimeter. Die Oberfläche fühlte sich glatt und hart an, so als wäre der Apfel aus Holz geschnitzt. Doch war er viel zu leicht für Holz. Und diese leuchtende goldene Färbung... "Und das glaube ich ihm gerne. So etwas wächst nicht in Portugal. Wie gerne ich mit diesem Zigeuner reden würde...allein der Geschichten wegen. Obwohl", gab er zu, "ich auch nichts gegen einige zusätzliche Äpfel einzuwenden hätte, dann könnte ich ausgedehnte Studien betreiben. Es ist jammerschade, das einzig verfügbare Exemplar der Wissenschaft zu opfern...aber es muß getan werden. Und wer weiß, vielleicht begegnen wir auf einer zukünftigen Reise Leuten, die uns beschreiben können, wo dieses ferne Land liegt." Darauf erwiderte sein Freund mit einem unbestimmten "Vielleicht" und gab ihm zu verstehen, daß er zurück an Deck erwartet wurde. Stille breitete sich in der Kajüte aus und in dem Glauben, allein zu sein, begann er, sein Skalpell zu schärfen, um als nächstes einen Blick ins Innere der seltsamen Frucht zu werfen. Plötzlich jedoch riß ihn das Knarren einer Planke gefolgt von der Nennung seines Namens aus den Gedanken, die bereits wieder ganz um das Mysterium in seinen Händen kreisten. "Stephen." Er zuckte so sehr zusammen, daß er sich fast in den Finger geschnitten hätte. "Ja?" knurrte er ungehalten. Äußerlich schien er völlig ruhig, doch in Wahrheit konnte er seine Begeisterung und Neugier kaum im Zaum halten. Seine Verärgerung von vorhin war größtenteils nur gespielt gewesen, am liebsten würde er Jack um den Hals fallen. Seit seinem ersten Schnabeltier hatte er nicht mehr solch eine Euphorie über eine Laune der Natur empfunden. "Was ist denn noch, Jack?" "Vielleicht solltest du das nicht tun." "Was?" "Den Apfel zerschneiden." "Und wieso nicht?" "Manche Dinge sollte man so nehmen, wie sie sind. Besonders die schönen, einzigartigen Dinge. Ist es nicht das, was du mir so oft erzählst?" Jack zuckte mit den Schultern und griff dann nach seinem Uniformrock. "Nun, ich finde, dies gehört dazu. Erfreu' dich einfach daran und versuche nicht, es wissenschaftlich erklären zu müssen." Ein goldener Apfel und tiefgründige Weisheiten aus dem Mund von Jack Aubrey...gleich zwei Wunder an einem Tag. Was kam als nächstes, die wundersame Schiffszwiebackvermehrung? Er war dementsprechend sprachlos und konnte nur zusehen, wie sein Freund sich mit selbstzufriedenen Grinsen von ihm abwandte, den ersten Schritt zur Tür machte. "Und, Stephen..." "JA?!?!" "Ich habe deine Zitrusfrüchte bereits gekauft. Zwei Tonnen. Sie werden morgen früh ans Dock gebracht." Prompt tat ihm sein schroffes Gebaren von eben doppelt leid. "Jack?" "Ja?" "Danke." "Keine Ursache." Manchmal wußte er nicht, womit er es verdient hatte, diesen Mann zum Freund zu haben. "Und, Jack?" "Hm?" Ein Lächeln fand den Weg auf sein Gesicht. "Du weißt, daß ich..." "Ich weiß. Leistest du mir später beim Abendessen Gesellschaft?" "Ich wüßte nicht, was ich lieber täte, Bruderherz. Nur sollten wir dann den Apfel verstecken, damit Killick ihn nicht in seine ungewaschenen Finger kriegt und, Gott bewahre, auf die Idee kommt, Apfelpfannkuchen daraus zu machen."
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