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Engel des Herrn© by Shiun ()
Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahrend wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Lukas 2, 1-20
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Es war die Zeit im Jahr. Die Zeit im Jahr, in der Crowley am liebsten aus der Haut fahren wollte. Oder die Wände hochgehen. Etwas in ihm versuchte sich herauszubeißen und kratzen, mit aller Macht, und Crowley wollte wirklich nicht wissen, was es war. Aziraphale würde sicher seine Theorien aufstellen, aber das war eine der Sachen, über die Crowley wirklich unter keinen Umständen etwas wissen wollte. Nicht, dass sie darüber reden würden. Nicht in letzter Zeit. Eigentlich nie.
Crowley hasste Weihnachten. Er hasste es, weil in ihm etwas erwachte, was schon längst hätte tot sein müssen. Er hasste es, weil durch die ganze Hektik und Panik, den Feindschaften der Menschen, die das ganze Jahr über im Verborgenen vor sich hinköchelten und jetzt hochsprudelten (und die Crowley eigenhändig mitzuverantworten hatte) doch ein Stern strahlte. Und er hasste es, weil ein bestimmter Engel jetzt ganz besonders nervtötend war. Er hasste vor allem die Türklingel, die ihn aus seiner Gedankenwelt riss, und für einen kurzen Moment überlegte er, was wohl passieren würde, wenn er nicht öffnete. Für einen sehr kurzen Moment. "Crowley!" Er zwang sich ein Lächeln auf das Gesicht - eins, das ganz sicher ziemlich gruselig und nicht sehr freundlich und absolut nicht echt aussah, denn Aziraphale starrte ihn durchdringend an. "Komm, lass uns spazieren gehen", sagte er nur, und Crowley war unendlich dankbar dafür.
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Crowley hinterließ eine Spur der Verwüstung in der Stadt. Babys weinten, alte Damen rutschten auf Glatteis aus, ein Mann hatte ein lautstarkes Streitgespräch mit seiner Freundin (die ihm einen verdächtig teuer aussehnenden Ring vor die Füße warf) und es kam zu mindestens fünf Auffahrunfällen. Wenigstens war Aziraphale still, nur leider nicht für lange. Als Crowley mehrere Eiszapfen aus dem Nichts vor einer entsetzten Frau in einem lila Cordmantel niederhageln ließ, wurde es Aziraphale offensichtlich zu bunt. Crowley spürte eine Hand auf seiner Schulter, und er war sich sicher, dass der Dame in lila demnächst ein Herzenswunsch erfüllt werden würde. "Crowley, wirklich." Crowley wandte sich ab. Sie standen vor dem Schaufenster eines Buchladens voller Weihnachtsgedichte, Weihnachtslieder; Engel überall, die Bibel. Die Scheibe ging zu Bruch.
"Mein lieber Junge, vielleicht solltest du dich ein bisschen zusammenreißen." Crowley schnaubte durch die Nase und beobachtet mit Genugtuung die entsetzten Kunden und Geschäftsinhaber, die versuchten, die Ursache für den plötzlichen Zusammenbruch der Scheibe herauszufinden, und zu retten, was zu retten war. Aziraphale hustete ein bisschen, steckte seine Hände in die Taschen seines Mantels und schaute ihm in die Augen. "Crowley." Er antwortete nicht.
"Lass uns in den Park gehen." Mit sicheren Schritten lenkte Aziraphale ihn weg vom Menschengetümmel, von Liedern und Licht und Kitsch. Er würde nichts sagen. Auf gar keinen Fall würde der Dämon einem Engel - diesem Engel - sein Herz ausschütten. Er würde schweigen. "Ich verstehe den ganzen Aufwand nicht." Soviel zum Thema Schweigen. "Mhm." Seine Sonnbrille rutschte ihm von der Nase, aber das war nun auch egal. Er ging zwei Schritte vor Aziraphale. Den Rücken frei lassen, früher hätte er das nie getan. Verwundbar seinem Erzfeind gegenüber zu sein. Er blieb plötzlich stehen, und mit einem leisen "Uff" stolperte Aziraphale in ihn hinein. "Warum dieses ganze..." - er machte eine vage Handbewegung. "Es war nur ein...ein Baby, nichts besonders, ein Baby das weinte und in die Windeln sch-" "Crowley!" Der Dämon wäre sich sicher gewesen, dass er es sich mit dem Engel verdorben hätte, wenn, ja wenn nicht dessen Augen gelächelt hätten. "Wo ist dein Problem, Engel? So war es nun einmal." "Du willst es nicht verstehen, nicht war, mein Lieber?" Aziraphales Stimme war viel zu mild. Crowley wünschte sich, er könnte sagen, dass er sehr wohl verstand, dass genau das das Problem war. Aber er schob sich nur die Sonnenbrille hoch und schaute Aziraphale spöttisch an. "Es bedeutet Liebe, Crowley. Aber das verstehst du nicht." Der Engel sah traurig aus. Crowley hasste es. Er zuckte mit den Schultern. "Nein, tue ich wohl wirklich nicht." Er hatte die Fäuste in seiner Jackentasche geballt - es war kalt, es schneite - Crowley hatte den Verdacht, das Aziraphale etwas damit zu tun hatte. Wann schneite es schon an Heiligabend? Schweigen fiel über sie, wie Schnee, wie eine Decke, wie Atem.
Crowley starrte in den grauen Himmel und wünschte sich, er könnte die Sterne sehen. "Crowley?" "Hm?" Aziraphale blieb stehen und blies in seine Hände. Dampfwölkchen stiegen auf, und Crowley konnte den Engel riechen. Zimt und Glühwein und Licht und Leben. "Frohe Weihnachten, Crowley." Der Engel nahm seine Hand und presste etwas hinein. Einen Strohhalm. Crowley ballte seine Hand zur Faust, und das Stroh piekste. Es war ihm egal. "Das ist..." Aziraphales Augen waren sehr groß und blau. Und ernster, als Crowley sie je gesehen hatte. "Du warst da, Crowley. Vor zweitausend Jahren. Du warst da, mit mir zusammen." Stroh in einer Krippe. Ein Kind. Engel. Hirten und Weise aus einem fernen Land. Crowley war sich sicher, dass Dämonen auf gar keinen Fall erbärmlich aussehen durften. Sie durften auch keine feuchten Augen bekommen. Sie durften auf gar keinen Fall sich nach etwas sehnen. Und schon gar nicht durften sie sich von Engeln umarmen und durch die Haare streicheln lassen. "Frohe Weihnachten", murmelte Crowley in Aziraphales Schulter, schloss die Augen und legte seine Hände um den Rücken des Engels, da, wo die Flügel waren.
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