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Erinnerungen© by Sam23 ()
Es war spät. Definitiv zu spät. Dr. Benjamin Franklin Pierce fuhr sich mit der flachen Hand über die Augen, um die Müdigkeit zu vertreiben, aber es funktionierte nicht. Zur Hölle, es hatte in den letzten fünf Jahren nicht funktioniert, also warum sollte es ausgerechnet heute Nacht funktionieren. Hawkeye legte kurz den Kopf in den Nacken, in der Hoffnung seine verkrampften Muskeln mit der Bewegung aus ihrer Starre zu lösen. Der einzige Effekt, den diese Behandlungsmethode hatte, war, dass ihm jetzt nicht nur die Augen, sondern auch noch der Nacken weh tat. Hawkeye seufzte. Seine Füße spürte er schon seit Stunden nicht mehr. Er sah kurz von seinem Patienten auf und warf einen raschen Blick auf die Uhr. Halb eins. Nachts. Eine Erinnerung drängte sich langsam aus den tiefen seines Gedächtnisses in sein bewusstes Denken, aber genau das versuchte Hawkeye seit Stunden zu vermeiden. Seit das ruhige Community General Hospital von Verletzten überschwemmt worden war. Es war der schlimmste Massenunfall in der Geschichte des Staates Maine und er war praktisch genau vor Hawkeyes Haustür passiert.
Er war einer der ersten Ärzte gewesen, die am Unfallort angekommen waren und er hatte auf ein Schlachtfeld geblickt. Da. Da war sie. Unvermeidbar. Die Erinnerung. An junge, blasse Männer, die um Hilfe riefen. An Wunden, an Blut, an Schmerzen. An den Krieg.
Hawkeye schüttelte ärgerlich den Kopf. Er wollte nicht darüber nachdenken. Erst recht nicht darüber, wie einfach es gewesen war bei diesem Unfall in die alten Verhaltensmuster zurückzufallen. Er hatte selektiert. Er hatte nicht gezögert. Er hatte das Kommando übernommen und einen geregelten und zügigen Abtransport der Verletzten organisiert. Und er war derjenige, der immer noch ohne Pause arbeitete, seit heute Mittag, ohne Essen, nur mit einem gelegentlichen Schluck zu trinken, zwischen zwei Patienten. Auch so ein Überbleibsel aus dem Krieg. Er blickte durch die Glasscheibe in den zweiten OP hinüber, in dem sich gerade einer seiner Kollegen von einem anderen ablösen ließ. Und wieder geht einer K.O, dachte Hawkeye und schüttelte den Kopf. Da hatte Frank Burns ja noch mehr Durchhaltevermögen. Schon wieder. Vergiss endlich diese Gedanken und konzentriere dich auf die Aufgabe vor dir, schimpfte er sich selbst. Aber es war schwer. So schwer. Er blickte auf das Operationsfeld. Auf den zerfetzten Darm des jungen Mannes vor ihm und ertappte sich dabei nach Granatsplittern Ausschau zu halten. Hawkeye schloss kurz die Augen. Vielleicht sollte er sich besser auch ablösen lassen. Wäre vermutlich besser. Aber wer sollte das tun? Alle anderen hatten auch zu tun. Wenn nicht hier im OP, dann auf den Stationen, auf denen noch zahlreiche weniger schwer verletzte Menschen auf Hilfe warteten. Nein, ausgeschlossen, er musste weitermachen. Hawkeye blinzelte. Für einen Moment war ihm schwindlig und er musste sich am Tisch festhalten.
"Doktor? Alles in Ordnung?", fragte die Schwester besorgt und Hawkeye schüttelte den Kopf, nur um dann stumm zu nicken. "Alles bestens." Sie sah ihn besorgt an und für einen Moment blieb Hawkeye fast das Herz stehen. Sie trug eine Op-Maske und Haube, so dass er nur ihre Augen sehen konnte. Und für einen Moment hatte er geglaubt, diese Augen zu kennen. Von früher. An der Art, wie sie ihn angesehen hatte, hatte er für einen Moment Margaret in ihr gesehen. Hawkeye konzentrierte sich wieder auf die Operation und biss die Zähne zusammen. Jetzt bloß nicht durchdrehen, nur keinen Fehler machen.
Er hörte Gemurmel aus dem OP neben ihm und Menschen, die hektisch hin und her liefen. Irgendetwas ging dort drüben schief. Hawkeye konnte nicht aufsehen. Er konnte auch nicht rübergehen und nachsehen, was dort los war, denn er hatte selbst im wahrsten Sinne alle Hände voll zu tun. Er schloss die Augen, als er wie aus weiter Ferne Charles Stimme hören konnte. "Gehen Sie zur Seite, Sie Metzger. Und sehen Sie jetzt gut her, ich werde es nur einmal zeigen." Hawkeye schüttelte wieder den Kopf. Irgendwann hatte ihm das ja passieren müssen. Die Erinnerungen waren wieder da. Alles war wieder da. Ihm war fast schon, als könnte er in der Ferne Granatfeuer hören.
Auf die Operation konzentrieren. Darin war er doch immer gut gewesen. Und wenn die Situation noch so aussichtslos gewesen war. Er hatte operiert, als er die Grippe hatte. Als sie auf ihn geschossen hatten. Als das Licht ausging. Er hatte bei sengender Hitze und eisiger Kälte operiert, am frühen Morgen und in der tiefsten Nacht. Das hier war gar nichts dagegen. Und er würde diesen Patienten nicht sterben lassen, nur weil sein Verstand ihn für ein paar Minuten im Stich ließ. Er wünschte sich BJ an seine Seite, der ihn mit einem Scherz ablenkte. Oder Margaret, die ihm manchmal die Instrumente gereicht hatte, bevor er überhaupt danach gefragt hatte. Jemand Vertrauten, jemand, auf den er sich jetzt voll und ganz verlassen konnte. Aber dieser Jemand würde nicht kommen, also biss Benjamin Franklin Pierce die Zähne zusammen und machte seine Arbeit. Über dem Community General grollte der Donner. Es fing an zu regnen.
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