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"Hey!" Ceal zuckte erschrocken zusammen, als man sie so unerwartet aus ihren Gedanken riß, aber dann blickte sie auf und schenkte dem jungen Mann in der Tür ein Lächeln. "Hey." "Du warst heute Morgen nicht da. War was?" Der gutaussehende, schlanke Mann räumte von einem Stuhl, der einzigen weiteren Sitzgelegenheit in diesem Büro, Berge von Akten und Papier und ließ sie rigoros mit einem lauten Knall auf den Boden fallen, ehe er auf dem harten Möbelstück Platz nahm. Ceal beobachtete dieses Tun mit einem Stirnrunzeln, sagte aber nichts. Sie hoffte nur, daß nichts durcheinander geraten war und sie damit in ihrer Arbeit um Wochen zurückwerfen würde. "Wie?... Oh, nein... nein... Es war nichts... Es ist nur.... Ich fahre heute zum St. Denis rüber und du kennst ja meine Vorliebe für's Metrofahren..." "Ach, ist es wieder soweit?" Die junge Frau nickte. "Mensch, hab ich echt total verschwitzt! Sorry. Nee, dann is klar.... Darf ich dich mal was fragen?" "Hmm." "Wieso machst du das eigentlich? Ich meine, das ist ein alter Mann und ihr seid nicht mal verwandt... Ist er überhaupt noch bei Trost?" Die junge Amerikanerin spielte verlegen mit ihrem Kugelschreiber. "Na ja, er ist... hmm... ein bißchen durcheinander, aber ansonsten ganz fit. Und wieso ich das tue? Es macht mir Freude. Das ist alles." Aufseufzend stemmte der Mann sich in die Höhe. "Na ja, wenn du meinst..." erwiderte er dabei gedehnt. "Bis morgen dann." "Wer ist überhaupt dran mit Fahren?" "Du!" "Oh!" Ceal kramte auf ihrem überfüllten Schreibtisch nach ihrem Tischkalender, den sie aber auf die Schnelle nicht fand. "Ich sollte mir das wirklich mal aufschreiben." murmelte sie dabei und bemerkte nicht mal, wie ihr Gesprächspartner mit einem Schmunzeln ihr Büro verließ. Erst, als die Tür mit einem leisen Klappen zufiel, schaute sie hoch, hielt einen Moment nachdenklich inne und arbeitete dann weiter wie vorher.
***
"..., wäre es politisch besser gewesen, hätte Ludwig auf seinen Kanzler gehört." Über Ceals Gesicht huschte ein Lächeln, teils nachsichtig, teils belustigt. Sie hatte in der offenen Tür gestanden und dem alten Mann zugehört, der sich gerade in einer hitzigen Diskussion mit einem anderen befand und nun mit diesem energischen Schlußwort das Gespräch für beendet erklärte, als er die Besucherin sah. "Ceal! Wie schön, daß Sie den Weg wieder hierher gefunden haben!" "Na ja, wir haben doch heute den ersten Mittwoch im Monat..... Ich habe Ihnen etwas mitgebracht." Mit funkelnden Augen schloß der Alte den Deckel des Paketes wieder, nachdem er einen Blick auf dessen Inhalt geworfen hatte. "Sie wissen, wie Sie einen alten Mann glücklich machen können, junge Dame!" lobte er dabei überschwenglich. Sie spazierten durch die langen Gänge des Altenheimes im Süden von Paris, bis sie durch die hohen Flügeltüren auf die Terrassen hinaus gelangten und dann die gekiesten Wege weiter entlang schlenderten.
Ceal besuchte Claude MoirÉe. Er war früher einmal Beobachter gewesen, immer auf der Spur eines Unsterblichen, der sich aus Altersgründen von diesem aufreibenden Job zurückgezogen hatte und nun seinen Lebensabend in einem Altersheim der Durchschnittsklasse zubrachte. Ceal hatte schon oft darüber die Nase gerümpft, aber Claude hatte gelacht und ihr gesagt, daß die Beobachter halt nicht allzu viel für die Leute übrig hatten, die nicht mehr volle Leistung erbringen konnten. Sie hatten sich kennengelernt, da hatte die Amerikanerin noch für einen Beobachter namens Adam Pierson gearbeitet: ein junges Ding, voll sprühendem Elan, dem nichts heilig war und das seine Meinung lautstark vertrat. - Sehr zum Verdruß so manchen hohen Tieres, das daran Anstoß genommen hatte. Claude würde Ceal als unbequem bezeichnen, als Querulantin, aber sie war gut. Nein, sie war hervorragend! Sie beherrschte ihr Metier wie kein anderer und man konnte sie beauftragen, womit man wollte: sie brachte jedesmal binnen kürzester Zeit brauch- und verwertbare Ergebnisse. Seit einigen Jahren saß sie nun im Hauptquartier der Beobachter in Paris in ihrem kleinen, stickigen, überfüllten Büro mit Hinterhof-Ausblick und erledigte den wohl schwierigsten Forschungsauftrag, den man erteilen konnte: Methos! Warum und wieso Adam Pierson so plötzlich von der Bildfläche verschwunden gewesen war, war nie durchgesickert. Fakt war, daß Ceal Morgan alleine zurückgeblieben war und daß man ihr diese undankbare Aufgabe übertragen hatte. Allerdings hatte Claude nicht den Eindruck, als würde es sie belasten. Sie schien ihre Arbeit gerne zu machen und so manches Mal führten sie lange, anregende Gespräche über irgendwelche geschichtlichen Begebenheiten und er war häufig ziemlich erstaunt darüber, wie rational die junge Frau so manche Sache sah. Er mochte die Kleine und das war wohl auch der Grund, warum sie ihn einmal im Monat besuchte. Immer am ersten Mittwoch des Monats stand sie in der Tür. Und oft brachte sie ihm etwas mit, sei es eine Kleinigkeit zu naschen, was er wegen seines Blutdrucks nicht durfte; sei es etwas, das er brauchte und sich von seiner kleinen Rente nicht leisten konnte oder einfach nur was zum Lesen. Nie kam sie mit leeren Händen und er hatte es aufgegeben, ihr das auszureden.
"Wie geht es Ihnen?" "Ach, wie soll es mir schon gehen?" Claude machte ein recht bekümmertes Gesicht. "Es ist halt nicht so aufregend wie früher, nicht wahr. Man hat keine Herausforderungen mehr. - Okay, wenn wir das Essen mal weglassen..." Ceal lachte hell auf. "Nana! Hatten Sie mir nicht bei meinem letzten Besuch etwas von einer Dame erzählt?" lenkte sie den Veteranen von seinem Lieblingsthema, dem Essen, ab. "Ach,... die!" "Holla, hat es sich doch schon erledigt!? Claude, ich muß sagen, Sie haben einen ganz schönen Verschleiß, was Frauen angeht!" tadelte die junge Frau augenzwinkernd, worauf er ihren Arm durch seinen zog. "Kommen Sie, machen wir die anderen mal eifersüchtig!" ließ er sie dabei wissen und ein schelmisches Grinsen verzog seine Lippen. "Außerdem habe ich keinen unnatürlichen Verschleiß, junge Dame, ich bin nur wählerisch. - Das ist ein Unterschied!" "Ah so." "Jawohl! Oder wollen Sie mir etwa was anderes erzählen?" "Gott bewahre!" wehrte Ceal kichernd ab. Es würde ihr im Traum nicht einfallen, an diesen Aussagen zu zweifeln! "Besucht Ihr Sohn Sie jetzt öfter oder schiebt er es immer noch auf seine Frau ab?" wollte sie dann wissen, worauf MoirÉe das Gesicht verzog. "Er ist und bleibt ein Idiot, der nach der Pfeife seiner Frau tanzt." erwiderte er sarkastisch. "Und ich frage mich, ob das überhaupt mein eigen Fleisch und Blut ist. Wahrscheinlich kommt er nach seiner Mutter, Gott hab sie selig. Soviel Dummheit hat es in meiner Familie nie gegeben!.... Erzählen Sie mal, Ceal: was machen denn die Jäger so?" Die Beobachterin stutzte nur kurz, dann winkte sie lächelnd ab. "Das gleiche wie immer. Derzeit gibt es ein kleines Gerangel in den oberen Etagen um die Büroverteilung, wenn wir es mal so nennen wollen." "Ah, es sägt mal wieder einer an Vermus' Stuhl!? Na, hoffentlich schaffen die es auch mal. Die sind ja schon seit Jahren dran..." "Hmmm. Doktor Zoll ist jetzt Kuratorin im MusÉe Nationale." "Nein!" "Doch." "Wer hat diese Nervensäge denn in so eine Position gekickt?"....
***
Gedankenverloren malte Ceal kleine Galgenmännchen auf ihre Schreibunterlage, allerdings ohne daß ihr ein Wort des Redners entging. Sie nahm an einem Briefing von Jacques Vermus teil, der sich nun schon seit zweieinhalb Stunden über die finanzielle Situation der europäischen Beobachter ausließ und nach dessen Worten es schon mit einem Wunder zuging, daß sie überhaupt noch existieren konnten. Also alles Dinge, die Ceal überhaupt nicht interessierten und an die sie auch keinen Gedanken verschwendete. Wenn sie eine Dienstreise machen wollte, reichte sie ihren Krempel ein und entweder wurde er genehmigt oder abgelehnt, so einfach war das für sie. - Und es langweilte sie zu Tode! Endlich wurde die kleine Besprechung für beendet erklärt und ohne Eile sammelte die Amerikanerin ihre Sachen zusammen und schickte sich an, den Saal zu verlassen.
"Sie haben gestern Monsieur MoirÉe besucht, Mademoiselle Morgan?" Vermus sah von seinen Unterlagen, die er mit äußerster Akribie zusammensuchte, nicht auf, als er die junge Frau ansprach, die verwundert innehielt. Wenn er es doch wußte, wieso fragte er dann? "Ja." "Wie geht es dem alten Haudegen?" "Gut." Ceal war der Unwille anzumerken, mit dem sie die an sie gestellten Fragen beantwortete, und entlockte ihrem Boß so ein flüchtiges Schmunzeln. Er klemmte sich seine Mappe unter den Arm und sah sein Gegenüber dann fest an. "Ich weiß, was Sie über die Unterkunft von MoirÉe denken, Mademoiselle Morgan, aber glauben Sie mir, es ist das Beste für ihn." "Klar, er könnte ja auch unter einer Brücke schlafen, da haben Sie schon recht." Die schnippische Antwort verdroß Vermus, so daß er barscher reagierte, als es eigentlich angemessen gewesen wäre: "Kommen Sie mit Ihrer Arbeit voran?" und er ärgerte sich halbtot über das süffisante Grinsen, das die junge Frau ihm dafür schenkte: "Sicher." Ach, wie haßte er ihre überlegene Art! Eigentlich sollte er es mittlerweile doch besser wissen, rief er sich selber zur Ordnung. Er kannte Ceal Morgan ja jetzt auch schon so ein paar Jahre und ihre aufmüpfige Art war ihm nie angenehm gewesen. Trotzdem war sie unbestritten eine der besten Beobachterinnen, die sie je gehabt hatten und ihm oblag es, das Beste herauszuholen, unabhängig von seinen persönlichen Vorlieben. Hinzu kam, daß Ceal für den Geschmack vieler großer Tiere bei den Beobachtern ein bißchen zu schlau war, sich aber nicht am Zeug flicken ließ, sondern still und unauffällig ihren Dienst tat, so daß es keinen Grund gab, sich dieses lästigen Problems auf die ein oder andere Art und Weise zu entledigen. Vermus tröstete sich mit dem Gedanken, daß es ihn mit etwas Glück vielleicht auch gar nichts mehr anging, sondern daß sich sein Nachfolger in einer fernen Zukunft mit dieser Sache beschäftigen mußte; und das stimmte ihn ein wenig freundlicher. "In MoirÉe dürften Sie einen begeisterten Diskussionspartner gefunden haben, wenn es um historische Begebenheiten geht, Mademoiselle Morgan." versuchte er vom Thema abzulenken, worauf Ceal unbestimmt lächeln mußte. "Ja, nur vertritt er teils eine sehr.... extreme Meinung und rückt davon nicht ab, selbst wenn man ihm neueste wissenschaftliche Beweise präsentieren kann." Die schmalen Lippen des Franzosen verzogen sich zu einem wissenden Lächeln. "Ja, es ist nicht einfach mit ihm. Wahrscheinlich wird er behaupten, daß diese Beweise sowieso alle gefälscht sind.... Sie sehen aus, als hätten Sie noch was auf dem Herzen?" Und als die Amerikanerin zurückhaltend schwieg, fuhr er fort: "Hat MoirÉe Sie mit seiner wirren Vorstellung belastet, jemand habe seinen Schützling verraten? Nehmen Sie einen guten Rat von mir an, Mademoiselle Morgan: lassen Sie sich da nicht reinziehen. MoirÉe hat sehr an Daphne gehangen, sie quasi von Geburt an gekannt. Ihr Tod hat ihn damals fast um den Verstand gebracht. - Hat er Ihnen nie erzählt, daß das mit ein Grund dafür war, daß er in den Ruhestand versetzt wurde?" Nein, das hatte Claude ihr nicht erzählt, aber das war auch seine Privatsache und ging sie nichts an. "Nein.... Nein, das ist es nicht.... Er... Er erwähnte bereits häufiger eine Gruppe, die sich Jäger nennt, doch ich konnte darüber nichts finden. - Zumindest nicht in den Online-Datenbänken. Sie mit Ihrer Erfahrung... Haben Sie schon einmal etwas darüber gehört?" Hatte sie zunächst Jacques' Aufmerksamkeit erweckt, indem er seinen Aktenkoffer schloß und sich auf die Tischkante setzte, seine Augen gerade auf die junge Frau gerichtet, die ihn unschuldig ansah, so wirkte seine Miene, je länger Ceal sprach, jetzt wie aus Stein gehauen. "Tut mir leid, habe noch nie davon gehört!" frühstückte er die jüngere Mitarbeiterin frostig ab, nahm seine Tasche und strebte der Tür zu. "Sie sollten Ihre Energien nicht mit dem Hinterherjagen von einmaligen Erwähnungen verschwenden, die von einem geistig Verwirrten stammen, Mademoiselle Morgan! Und erst recht sollten Sie sich Gedanken darüber machen, wo Sie Ihre Prioritäten setzen sollten." ließ er sie über die Schulter weg noch wissen. "Wenn sie nicht weiter erwähnt werden, wird es sie wohl auch nicht mehr geben, oder!?"
Mit gesenktem Kopf blieb Ceal noch einige Augenblicke stehen, ein feines, sarkastisches Schmunzeln lag auf ihren Zügen, dann legte sich diese Laune wieder und sie ging ebenfalls an ihren Arbeitsplatz zurück.
*** * ***
Im Grunde ging alles seinen ganz normalen Gang, doch in letzter Zeit verwendete MoirÉe den Namen "Jäger" immer häufiger, wenn er von den Beobachtern sprach. Als Ceal ihn einmal darauf ansprach, hatte er erst gelacht und neckend gemeint, anders könnte man den Verein doch wohl nicht treffender bezeichnen, aber dann war er ernst geworden und sehr ausweichend, worauf Ceal das Thema gewechselt hatte. Bei einem ihrer weiteren Besuche hatte Claude sie gebeten, sie möge auf die Worte eines alten Mannes nicht hören, er würde eh nur Unsinn von sich geben. - Eine Aussage, die Ceal mehr denn je neugierig machte, zumal ihr die merkwürdigen, äußerst vagen Andeutungen nicht aus dem Kopf gingen, die Claude von Zeit zu Zeit fallen ließ. Wieder in ihrem Büro versuchte sie, über ihren Computer etwas über eine Gruppe namens "Jäger" herauszufinden, doch die Archive, die schon online waren, enthielten keinen derartigen Hinweis, so daß die Amerikanerin es nach einigen Stunden einfach aufgab. Nachdenklich kaute sie am Ende ihres Kugelschreibers, den Blick ins Leere gerichtet und bekam nicht mal mit, wie Stephane auf ein Klopfen hin eintrat.
"Hey!" Erschrocken zuckte die Beobachterin zusammen, der Kuli fiel zu Boden und sie verschwand erst einmal unter ihrem Schreibtisch, um ihn wieder aufzulesen. Als sie auftauchte und sich das Haar aus der Stirn strich, grinste sie entschuldigend. "Mann, hast du mich erschreckt!" meinte sie dabei, worauf der junge Mann lachte. "Was brütest du denn für Heimlichkeiten aus, daß du so intensiv nachdenkst?" Lässig schwang er sich auf den Stuhl, rutschte etwas näher an den Schreibtisch und knurrte dann: "Wird Zeit, daß du mal einen zweiten Stuhl kriegst! Oder einen größeren Schreibtisch!" "Och nö, dann paßt ja auch mehr Arbeit drauf und über Mangel daran kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Aber ich hätte nichts gegen ein größeres Büro und ein bißchen Sonne. - Dann könnte ich vielleicht sogar mal echte Blumen reinstellen." "Stell 'n Antrag!" "Ja, sicher!" Ceal lachte hell auf. "Wo Vermus doch schon am jammern ist, wenn man mal einen neuen Bleistift braucht!" "Die Zoll sucht einen Assistenten. Wär das nichts für dich?" "Oh ja, entzückend." Ceal sah aus, als habe sie in eine Zitrone gebissen. "Soviel Sonne kannst du mir gar nicht bieten, um mir diesen Posten schmackhaft zu machen!" Stephane grinste. Er kannte die Antipathie, die seine Mitfahrerin gegen Doktor Zoll hegte und ihm war die recht eingebildete Amy auch nicht sympathisch. Auch wenn der Posten lockte mit seinen Annehmlichkeiten und Vergünstigungen, - Doktor Zoll dafür zu ertragen war er allemal nicht wert! Und wenn er es recht bedachte, waren Ceals Chancen auf ein Büro mit Sonneneinstrahlung und echten Blumen recht gering. Derzeit saß sie so weit wie nur irgend möglich weg von Vermus, der einen Teufel tun würde, diesen Zustand zu ändern, eher würden die Beobachter eine deftige Gehaltserhöhung bekommen!
"Was gibt es?" Ceal riß den jungen Mann aus seinen Gedanken, der ein wenig ertappt zusammenzuckte und dann schief grinste, ehe er aus der Hemdtasche umständlich ein Päckchen Zigaretten nestelte, sich eine raus holte und anzündete. "Du rauchst ja nicht." nuschelte er dabei in Ceals Richtung, die nur unbedeutend mit den Schultern zuckte. Genüßlich blies er ein paar dicke Rauchkringel in die Luft, während er sich tiefer in den unbequemen Stuhl fläzte. "Kennst du dich eigentlich in den Katakomben aus?" fragte er dann unvermittelt. Verneinend schüttelte die Frau den Kopf. "Da kriegen mich keine zehn Pferde rein! Wieso?" "Hmpf... Kennst doch meinen Auftrag, eh!? Angeblich soll Emily da eine Zeit lang gehaust haben und jetzt soll ich nachgucken, ob da noch was zu holen ist. Du hast nicht zufällig Lust...? ... Nee, ich sehe schon: deine Begeisterung hält sich in Grenzen." "Sehr vornehm ausgedrückt." bestätigte die Amerikanerin grinsend; mit Schaudern erinnerte sie sich an ihren ersten und einzigen Ausflug in die Pariser Katakomben, der zwar schon einige Jahre zurücklag, aber einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen hatte. "Und? Was macht dein Kumpel so? Du sahst letztes Mal so komisch aus, als du wiederkamst. War was?" "Hm? Nö, eigentlich nicht..." "Eigentlich?" Stephane zog fragend die Augenbrauen in die Höhe; in Ermangelung eines Aschenbechers ließ er seine Zigarettenasche einfach in den Abfallkorb fallen. "Charlotte wird dich dafür umbringen." wies Ceal ihn spöttelnd auf das recht zügellose Temperament ihrer Putzfrau hin, dann hob sie die schmalen Schultern ein wenig. "Nee, es ist nur.... Claude hat in der letzten Zeit so komische Andeutungen gemacht und... Na ja, war halt was zum nachdenken." "Aha. Und was hat er so von sich gegeben, daß du dir 'n Kopf machst, wenn ich mal fragen darf?" Unschlüssig nagte Ceal an ihrer Unterlippe, ehe sie sich durchrang: "Hast du schon mal was von einer Gruppe namens Jäger gehört? Ich hab schon mal einen Blick in die Online-Datenbank geworfen, - war aber nix." Stephane stand auf, öffnete das Fenster und warf seine noch glimmende Zigarette im hohen Bogen hinaus. "Jäger?" wiederholte er langsam. "Nein, noch nie gehört. Was soll denn das sein?" "Weiß ich nicht. Aber vielleicht könnte ich ja noch mal in die Archive gucken, ob da was ist." Mit Nachdruck schloß ihr Kollege das Fenster. "Ich glaube nicht, daß du was finden wirst, aber gucken schadet bestimmt nichts. Sag mir Bescheid, wenn du was Neues weißt!" "Mach ich. Bis nachher!" "Jau."
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Der kleine Friedhof lag verlassen im Dunkel; erst als ein Feuerzeug aufflammte und eine Zigarette entzündete, wurde eine dunkelgewandete Gestalt sichtbar, die im Schatten einer Statue wartete. Durch das Glimmen auf den richtigen Weg gebracht, stieß nach einiger Zeit ein zweiter Schatten dazu. Es folgten noch ein paar Rauchkringel, ehe der erste das Gespräch anfing: "Wie weit seid ihr?" "Wir sind drin. Und so wie es aussieht, werden die beiden Frankreich auch auf absehbare Zeit nicht mehr verlassen. Jetzt müssen wir nur noch den richtigen Zeitpunkt abwarten, um sie nach Paris bringen zu können." "Dann beeilt euch!" "Gibt es Probleme?" "Ja. Aber nichts, womit wir nicht fertig werden würden. Seht ihr zu, daß ihr vorankommt! Wann denkt ihr, wird es soweit sein?" "Am besten wäre es, wenn wir bis Halloween warten. - Ist für diese Freaks immer ein Feiertag." "Gut. Alles weitere wird dann folgen. Und wir kümmern uns um unsere Problemfälle. Den Alten um die Ecke zu bringen, dürfte keine Schwierigkeit darstellen. Bei der zu neugierigen Beobachterin wird es wahrscheinlich nicht ganz so einfach, aber da werden wir uns schon was einfallen lassen." "Warnt sie erstmal nur. Vielleicht reicht das ja aus, damit wieder Ruhe einkehrt. Ansonsten..." "Wir werden sehen." Die Zigarette fiel zu Boden, wo sie ausgetreten wurde, und die beiden dunklen Gestalten trennten sich in entgegengesetzte Richtungen, wo sie bald mit der Nacht verschmolzen.
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Die Tage tröpfelten so dahin und als Ceal Monsieur MoirÉe das nächste Mal besuchte, fand sie den alten Herrn im Bett liegend vor. Die Haut gelblich verfärbt, die Wangen eingefallen, Haar und Augen stumpf... Ceal überkam Angst, als sie ihn sah. "Hey." Etwas unbeholfen stand sie am Bett, in den Händen das kleine Päckchen, das für ihn bestimmt war, und versuchte, eine halbwegs fröhliche Miene zu machen. "Ceal... Wie schön, daß Sie kommen..." MoirÉe öffnete mühsam die Augen, seine Hand tastete über die Bettdecke nach ihrer, die sie ihm zögernd überließ. "Machen... Sie nicht... so ein Gesicht, junge... Dame.... Das wird... schon wieder,... keine Sorge ...." "Verzeihen Sie, Mademoiselle, aber ich muß Sie bitten, zu gehen. Monsieur MoirÉe braucht dringend Ruhe." "Ja, natürlich... Ja, dann... gehe ich mal besser. Ich schaue morgen noch mal nach Ihnen, Claude und... ähm... Bis dann." "Ceal?" "Ja?" Schon fast in der Tür drehte die Amerikanerin sich noch einmal um, als der alte Beobachter ihr nachrief. "Nehmen Sie sich vor den Jägern in Acht!" Ein hilfloses Lächeln huschte über die weiblichen Züge, sie nickte stumm und ging dann. Spätabends erreichte sie der Anruf von MoirÉes Sohn, daß sein Vater gestorben sei.
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"Ist es soweit?" "Sieht so aus, Boß." AndrÉ Korda nickte knapp. Sorgfältig faltete er die Morgenzeitung zusammen und legte sie neben seiner Tasse ab. "Dann sollten wir unserer Aufsichtspflicht wohl nachkommen und darauf achtgeben, daß unserem Joker nichts passiert, hm. Ihr wißt, was ihr zu tun habt!" "Ja, Boß!"
Francis verschwand fast lautlos durch einen Seiteneingang und nur Augenblicke später startete der schwere Wagen und verließ den Hof.
*** * ***
Ceal hatte der Beerdigung von Claude MoirÉe mit gemischten Gefühlen beigewohnt und nun hockte sie an ihrem Schreibtisch und brütete über seine letzten Worte nach. Sie sollte sich vor den Jägern in Acht nehmen! Wie oft hatte Claude diesen Begriff verwendet, aber selten war er dabei so eindringlich gewesen wie an diesem letzten Tag. In den vergangenen Tagen und Wochen war sie ganz darüber hinweggekommen, sich weiter über diese merkwürdige Gruppe zu informieren, meist fiel es ihr erst wieder ein, wenn Stephane sie spöttelnd darauf ansprach, aber heute würde sie das ändern! Überstunden waren für Ceal nichts Ungewohntes und sie war froh darüber, daß sie ihre Arbeitszeit weitestgehend selbst bestimmen konnte, so daß es keinem auffallen würde, wenn sie heute Abend länger blieb. Vermus' Reaktion, als sie ihn auf die Jäger angesprochen hatte, hatte sie stutzig gemacht und sie war der festen Überzeugung, daß er mehr wußte, als er zugeben wollte. - Noch ein Grund, mal die Archive durchzuschnüffeln. Und wenn es niemand mitbekam, sollte ihr das nur recht sein! In den Archiven gab es Bereiche, die nicht für jeden Beobachter zugänglich waren - nicht einmal für langjährige wie sie! - und wo sonst ließen sich Geheimnisse besser verstecken als in einem kleinen Trakt, der fast besser gesichert war als Fort Knox!? Nachdem sie die zuerst anstehenden Unterlagen aufgearbeitet hatte, klappte Ceal ihre Ordner mit Nachdruck zu und begab sich dann auf den Weg in die Archive. Irgendwie unheimlich war es ja schon, so ganz alleine durch die nur mit Notbeleuchtung erhellten Gänge zu gehen, die eigenen Schritte hallten übernatürlich laut von den Wänden wider und das Knarren und Ächzen des alten Gemäuers war auch nicht wirklich dazu angetan, sich sicher zu fühlen. Ein Schauer durchlief sie, und verstohlen rieb sie sich die Arme und ein Klumpen bildete sich in ihrem Magen, trotzdem setzte sie ihren Weg fort. Sie machte im letzten Flur vor den Archiven Licht, damit sie das Schlüsselloch finden konnte, was sich aber dann als doch nicht so einfach herausstellte, weil sie sich irgendwie selber im Weg stand.
"Sie leben sehr gefährlich, Miß Morgan!" Ceal fuhr herum. In einiger Entfernung sah sie im Halbschatten die Umrisse eines Menschen und nur anhand der Stimme konnte sie sagen, daß es sich um einen Mann handelte. Das Licht beschien ihn von hinten, so daß sie gar nichts erkennen konnte; sie wußte nur, daß er unsterblich war. "Wer sind Sie?" fauchte sie gereizt, mehr als Reaktion auf den Schreck, als daß sie wirklich so empfunden hätte. "Jemand, der es gut mit Ihnen meint." "Wirklich?" Ceals Stimme klang ätzend. "Nun denn, Mister Selbstlos, erklären Sie mir doch bitte, wie Sie hier hereingekommen sind!" Bis dato war es Ceal weder aufgefallen, daß der Mann ihren Namen kannte, noch daß er mit ihr Englisch sprach. "Durch die Tür." "Was Sie nicht sagen!?!?!?" Die junge Amerikanerin bewegte sich nicht einen Schritt zur Seite. Nach wie vor stand sie mitten im Flur, im Begriff, die Archive aufzusuchen, von deren Inhalt sie sich mehr Aufschluß erhoffte. - und sie sah nicht aus, als wollte sie Platz machen! "Und was wollen Sie hier?" "Sie vor einer Dummheit bewahren." "Verschwinden Sie, bevor ich den Wachmann rufe!!!" Mit diesen Worten wandte die Beobachterin sich von dem Mann ab und wollte ihren Weg fortsetzen. Sie erahnte mehr die Bewegung in ihrem Rücken, als daß sie sie wahrgenommen hätte, und hörte nur noch die Stimme, die ihr ins Ohr wisperte: "Verzeihen Sie mir.", dann durchzuckte sie ein scharfer Schmerz am Kopf und es wurde Nacht um sie herum. Sie bekam nicht mehr mit, wie man sie unter den Schultern faßte und fortschleifte.
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"Mademoiselle Morgan? Mademoiselle Morgan! Hören Sie mich?" Zwei kräftige Ohrfeigen landeten in Ceals Gesicht und sie fühlte sich grob geschüttelt. Es war wie das Schwimmen gegen einen reißenden Strom, als sie sich nun an die Oberfläche ihres Bewußtseins durchkämpfte und ein gequältes Stöhnen von sich gab, als ihre Lider anfingen zu flattern.
"Na, also!" hörte sie über sich eine befriedigte Stimme sagen, die ihr zwar bekannt vorkam, sie jedoch nicht einordnen konnte. Als sie die Augen aufschlug, sah sie direkt in das besorgte Gesicht von Stephane, der sie eingehend musterte und sich ein erleichtertes Lächeln gönnte, als er sah, wie die junge Frau endlich wieder zu Bewußtsein kam. "Alles in Ordnung mit dir?" Vorsichtig half er Ceal in eine sitzende Position. Mit einem lauten Aufstöhnen sank sie nach vorne und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Ihr Kopf dröhnte wie ein Bergwerk und als sie ihre Schläfe berührte, verspürte sie einen ziehenden Schmerz und etwas Klebriges. Langsam nahm sie ihre Hand weg und sah Blut an ihren Fingerspitzen. Und während sie noch verständnislos draufstarrte und sich fragte, warum sie wohl blutete, wurde sie auch schon mit Fragen bestürmt: "Was ist passiert?" Verwirrt sah sie auf und es dauerte einen Augenblick, bis sie sich daran erinnerte, daß es Marcel Panis war, der vor ihr stand und als einer der engsten Mitarbeiter von Jacques Vermus galt. Warum war er hier? "Was... ist passiert? ..." "Das wollten wir gerade von Ihnen wissen, Mademoiselle Morgan!" fauchte Panis gereizt. Unerschütterlich half Stephane Ceal beim Aufstehen und nötigte sie fürsorglich in einen Stuhl, als sie schwankte. Vorsichtig drückte er einen feuchten Lappen auf ihre Stirn und wies die Kollegin leise an, ihn festzuhalten, während er einen Eisbeutel organisieren wollte. "Ich... weiß nicht... Wie spät... ist es?" "Zehn vor Sieben!" Zehn vor Sieben! In Ceals Kopf überschlugen sich die Gedanken. Langsam, Stück für Stück, kamen die Erinnerungen wieder: sie hatte gearbeitet. Es mußte so gegen halb zwei gewesen sein, als sie in die Archive gewollt hatte. "Da... war ein Mann..." entschlüpfte ihr mehr ungewollt, als sie intensiv nachdachte und Panis wirkte wie elektrisiert. "Ein Mann? Was für ein Mann? Einer von uns? Kommen Sie, geben Sie sich Mühe, verdammt! Es ist wichtig!" "Nein, keiner von uns... Ich weiß nicht, ich kenne ihn nicht.... Er sprach mich an und..." Hilflos zuckte die Amerikanerin mit den schmalen Schultern, weil nach diesem Ansprechen für sie ein großes schwarzes Loch anfing. Energisch schob Stephane Panis beiseite. "Schreien Sie sie doch nicht so an, Mann!" brummte er dabei. "Sie sehen doch, daß es ihr nicht gutgeht!"
"Vielleicht wäre es besser, wenn Sie heimfahren, Mademoiselle Morgan." erklang da eine sonore Stimme von der Tür her und Vermus trat langsam ein. "Ruhen Sie sich aus. Monsieur Dufout, seien Sie so nett und fahren Sie Mademoiselle Morgan nach Hause, ja." Dankbar ließ Ceal sich vom Mitglied ihrer Fahrgemeinschaft hinausbringen. Und als die Tür hinter ihnen ins Schloß fiel, wandte Vermus sich an Panis: "Überprüfen Sie die Archive und das Büro von Mademoiselle Morgan!" "Sofort."
***
"Soll ich noch mit hoch kommen?" "Nein, laß mal..." Ceal quälte sich mühsam aus dem kleinen Wagen französischen Fabrikats. "Es ist alles okay, wirklich. Du brauchst nicht Babysitter spielen." "Ceal?" "Hm?" "Was wolltest du eigentlich mitten in der Nacht in den Archiven?" "Feuer legen und die Versicherungssumme kassieren." murmelte die Amerikanerin erschöpft und warf die Tür hinter sich zu. Langsam schlich sie durch den Torbogen in den erdrückend kleinen Hinterhof und verschwand durch die Hintertür im Haus. Nachdenklich sah Stephane ihr nach.
Bereits als Ceal den Schlüssel in die Haustür gesteckt hatte, wußte sie es: ein Unsterblicher war drinnen! Wer es war, das freilich konnte sie nicht sagen; es mochte sich um Methos handeln, konnte aber ebensogut auch ein Fremder sein. Obwohl sie als Sterbliche nichts zu befürchten hatte, erklomm sie die Stufen zu ihrer Wohnung mit einem recht mulmigen Gefühl in der Bauchgegend. Gerade, als sie den Schlüssel ins Schloß schieben wollte, hörte sie ihn: "Das sollten Sie lieber nicht tun." Schon wieder er! Innerlich stöhnte Ceal auf. Was wollte dieser Typ nur von ihr, daß er sie so hartnäckig verfolgte? Aber gut, daß er da war... Jetzt konnte sie ihm wenigstens ihre Meinung darüber sagen, daß sie eine mächtige Beule von ihm bekommen hatte! "Wissen Sie, es ist mir eigentlich herzlich egal, was Sie denken oder nicht. Hauen Sie ab!" Ein leises Lachen klang auf. "Schade. Und ich hatte gedacht, ich hätte Ihnen etwas Interessantes zu bieten!" Man sah der jungen Frau deutlich an, daß sie sich genervt fühlte, als sie sich nun umdrehte und den ihr mittlerweile bekannten Mann im Halbschatten ungeduldig ansah: "Und das wäre?" Statt einer Antwort zog der Fremde etwas aus seiner Manteltasche und ließ es vor seinem Gesicht hin und her baumeln. Der Gegenstand war ungefähr handtellergroß und rund und hing an einer Kette oder einem Lederband oder so. Fast glaubte sie, sein unverschämtes Grinsen sehen zu können, als er es schwenkte. "Etwas, wonach Sie schon zu lange gesucht haben, kleine Lady." "Okay. Und was verlangen Sie dafür, mir dieses Etwas zu geben, wonach ich schon so lange gesucht habe?" "Nur, daß Sie es sich abholen... Kommen Sie, nur keine Angst!" Als Ceal keine Anstalten machte, sich zu bewegen, warf der Unsterbliche seinen Schatz den dunklen Flur hinunter, wo er nur wenige Meter von Ceal auf dem Boden liegenblieb. Weit genug weg von ihm, so daß sie nichts befürchten mußte. - zumindest keine neue Beule am Kopf! Trotzdem blieb sie mißtrauisch. Sie versuchte zu verstehen, was dieses ganze Theater sollte und warum ausgerechnet sie mit diesem... Individuum geschlagen wurde, aber letztlich siegte ihre Neugier. Als wollte sie sicherstellen, daß er wußte, sie würde sofort in ihrer Wohnung verschwinden, wenn sie hatte, was sie wollte, steckte sie den Schlüssel ins Schloß und bewegte sich dann langsam und vorsichtig auf den Gegenstand zu, der matt blinkte. Der Mann lächelte. "Bitte. Nehmen Sie es als Geschenk."
Noch ein Schritt und noch einer... Ceal war ganz nah dran, als sie hinter sich das ungewohnte Geräusch eines Klickens vernahm, dem eine ohrenbetäubende Detonation folgte. Ihre Wohnungstür wurde aus den Angeln gerissen und mit einem Aufschrei ließ die junge Frau sich fallen, beide Hände schützend über ihrem Kopf verschränkt. Ihr war, als würde das ganze Haus wackeln und einstürzen: es bebte und ächzte an allen Ecken, Beton rieselte von der Decke und kleinere Gesteinsbrocken lösten sich; Staub drang in den Flur und dann konnte sie den durchdringenden Geruch von Feuer riechen. Ihr Kopf ruckte hoch: der Unsterbliche war fort! Hustend und mit tränenden Augen kämpfte sie sich hoch und versuchte, in ihre Wohnung zu gelangen. Eine Kurzschlußreaktion, um zu schauen, was noch zu retten war. Doch da drin schlugen ihr schon die Flammen aus dem Wohnraum entgegen, die sich rasend schnell ausbreiteten. Die durch die Druckwelle zerstörten Fenster ließen genug Luft ein, damit das Feuer auch genügend Nahrung finden konnte, um alles binnen kürzester Zeit zu vernichten. Fassungslos starrte die Beobachterin auf die zerstörerische Kraft, die nach und nach Besitz von ihrem Hab und Gut ergriff und es in Asche verwandelte. Jäh fühlte sie sich grob bei den Schultern gepackt und nach hinten gerissen und als sie sich instinktiv dagegen zur Wehr setzen wollte, wurde sie angeherrscht: "Mademoiselle, seien Sie vernünftig! Gehen Sie! Lassen Sie uns unsere Arbeit machen!" Vor Ceal stand jemand, der aussah wie ein Marsmensch und sich im nachhinein als ein Feuerwehmann mit schwerer Brandschutzausrüstung entpuppte. Dieser Mensch schob sie einfach hinaus, in die Arme einer Polizistin, die sie wegführte. Es war wie eine Reflexhandlung, daß sie sich bückte, um den Gegenstand aufzuheben, der sie vor der Explosion bewahrt hatte und den sie fest in ihrer geballten Hand versteckte, als wollte sie ihn nie wieder loslassen.
Erst als die Beobachterin unten vor dem Haus angekommen war und mit tränenden Augen einen Blick in die Höhe warf, wurde ihr das ganze Ausmaß ihres Glücks bewußt: von ihrer Wohnung und dem, was da drumrum gewesen war, war nicht mehr viel übriggeblieben und im nachhinein konnte man froh sein, daß sie ihre vier Wände als Aufbau auf dem Dach gehabt hatte, anderenfalls wäre wohl auch von den anderen Wohnungen nicht mehr viel übrig gewesen. Flammen schlugen meterhoch aus den Fenstern und die Feuerwehr versuchte, von drei Seiten Herr der Lage zu werden. Vor dem Haus und auf der Straße hatten sich unzählige Menschen versammelt und geiferten sensationslüstern um die Wette. Marie erschien und nachdem sie sich davon überzeugt hatte, daß Ceal nichts geschehen war, zeterte sie los und schimpfte auf die Feuerwehr, die nicht sorgfältiger mit dem Löschwasser umging und obendrein noch über ihre Blumenbeete trampelte... Die Arme fest um den Leib geschlungen, starrte die Amerikanerin mit brennenden Augen hinauf, den Husten und das Beißen im Hals nahm sie gar nicht wahr, ebensowenig wie die Menschen um sich herum, den Lärmpegel oder gar die Zeit. Ein Polizist versuchte, herauszufinden, was passiert war, aber viel konnte sie ihm auch nicht sagen. - Sie wußte es ja selber nicht. Dem Beamten mußten ihre Erklärungsversuche merkwürdig vorkommen - sie konnte es ihm nicht einmal verdenken - und erst nachdem der Brand nach ein paar Stunden gelöscht war, kam langsam Klarheit in die Sache.
"Mademoiselle, Sie können gar nicht ahnen, wieviel Glück Sie gehabt haben!" Ein Beamter mittleren Alters mit einem freundlichen Gesicht kam auf Ceal zu, die ihm befremdet entgegensah. In der Hand hielt er ein verkohltes Etwas, das er dem Kollegen jetzt triumphierend präsentierte: "Ein Sprengsatz mit Kontaktmechanismus! Sagen Sie, Mademoiselle: was haben Sie getan, bevor der Sprengsatz losging?" Ceal wurde eiskalt. "Ich hab... Ich hab... Ich hab den Schlüssel ins Schloß gesteckt und wollte noch mal zurück, weil ich..." Sie brach ab und obwohl sie versuchte, es zu unterdrücken, konnten die Beamten sehen, wie ihre Zähne wie im Schüttelfrost aufeinanderschlugen und ihre Pupillen sich unnatürlich weiteten. Auf einen knappen Wink hin nahmen sich zwei Sanitäter der jungen Dame an. "Sie haben einen Schock, Mademoiselle. Sie sollten heute Nacht im Krankenhaus bleiben. Wir werden Sie aufsuchen, sobald wir neue Erkenntnisse haben." Der Ermittlungsbeamte drückte ihr freundlich die Hand, dann wandte er sich an Marie Girod mit ein paar Fragen, ob ihr etwas Ungewöhnliches aufgefallen sei an diesem Tag.
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"Ihr solltet ihr einen Schreck einjagen, aber sie nicht umbringen!" "Und? Ist sie tot oder was? Im übrigen haben sich die Anweisungen geändert. Man hält die Amerikanerin für eine potentielle Gefahr. Sie ist doch heute Nacht im Krankenhaus, oder?" "Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen! Aber ihr laßt sie mir nicht aus den Augen, verstanden!" "Verstanden."
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Ceal wurde mitten in der Nacht wach und schlug die Augen auf. Es war wie ein inneres Warnsystem, wie ein unsichtbares Warnlicht, das tief in ihr immer wieder aufblinkte und versuchte, ihr etwas zu sagen. Das Krankenzimmer war dunkel, nur vom Flur her drang etwas Licht zu ihr und Ceal fühlte die Gänsehaut, die ihr über die Arme kroch. Da hatte wohl jemand die Fenster zu weit offen gelassen?, vermutete sie und versuchte mit mäßigem Erfolg, den Klingelknopf für die Schwester zu erreichen.
"Können Sie aufstehen?" Kein offenes Fenster. Nur ein Unsterblicher, der an ihrem Fußende stand. Es fiel Ceal schwer, ihre Gedanken und Bewegungen zu koordinieren und um ein Haar wäre sie aus dem Bett gefallen, hätte der Fremde sie nicht aufgefangen. Hilflos kauerte sie im Krankenhausnachthemd auf der Bettkante, während er sie forschend musterte. "Mann, die haben Ihnen aber ganz schönes Dope gegeben!" grinste er dann, eher er wieder ernst wurde. "Es wäre besser, wenn Sie nicht hierblieben, kleine Lady. Kommen Sie, versuchen Sie, aufzustehen!" Ein schwieriges Unterfangen, das sich auch sehr schnell als recht erfolglos herausstellte, so daß der Mann die Beobachterin kurzerhand in seinen Mantel hüllte und sie auf den Arm nahm, um sie wegzubringen. An jeder Ecke wie ein Tier witternd, brachte der Mann sie in die Tiefgarage zu seinem Auto, wo er sie vorsichtig auf den Beifahrersitz bettete, ehe er sich hinter das Steuer setzte und losfuhr.
Ceal kannte Paris wie kein anderer! Dies war ihre Stadt; hier hatte sie den größten Teil ihres Lebens zugebracht; es gab kein Quartier, keine Straße, keine noch so kleine Gasse, die sie nicht kannte. Und trotzdem zogen die vielen hellen und bunten Lichter an ihr vorbei, ohne daß sie hätte sagen können, wo man sie hinbrachte. Alles sah gleich aus und in ihrem Kopf vermischten sich die einzelnen Lichtpunkte zu einem wilden Reigen, der sich karussellartig immer schneller drehte, bis sie mit einem leisen Stöhnen die Augen schloß.
"Miß Morgan?" Ceal fühlte sich sanft an der Schulter gerüttelt. "Ja, so ist es gut... Vorsichtig... Keine Angst, ich halte Sie..." Willenlos ließ die Beobachterin es zu, daß die Hand in ihrem Rücken sie dirigierte, in einen großen, merkwürdig leeren Raum, eine Treppe hinauf, in einen kleineren Raum, wo man sie auf ein Sofa nötigte. Von irgendwoher drang Musik zu ihr, ohne daß sie sie näher lokalisieren konnte. Es mußte Angst sein, daß ihre Kehle sich wie ausgedörrt anfühlte, und unauffällig versuchte sie, die Lippen mit der Zunge zu befeuchten. Fast augenblicklich wurde ihr ein gefülltes Glas unter die Nase gehalten. "Das macht das Beruhigungsmittel, das man Ihnen gegeben hat. Hier, trinken Sie. Keine bange, es wird Sie nicht umbringen. Sie werden nur ein bißchen besser schlafen können... Wie fühlen Sie sich?" "Wer sind Sie?" Man konnte hören, wie mühsam die junge Frau sich die Worte abrang und der Unsterbliche hatte eine Ahnung davon, wie sorgsam sie sie ausgewählt und sortiert haben mußte, um sie so flüssig hervorzubringen. "Ich dachte, das hätten Sie schon gemerkt." Er lächelte ihr aus dem Sessel dem Sofa gegenüber zu. "Ich bin Ihr Schutzengel, wenn Sie so wollen." "Hmmhmm..." Man sah der Amerikanerin an, wie sie sich auf ihre einzelnen Bewegungen konzentrierte, um sie korrekt ausführen zu können, wie z.B. das Schütteln des Kopfes. "Mein.... Engel... hätte keine... schwarzen Federn..." "Ich fürchte, Sie werden sich mit mir zufriedengeben müssen, kleine Lady.... Sagen Sie mir doch: was ist das für ein Gefühl?" "Was...?..." "Für Sie als Sterbliche: was ist das für ein Gefühl, wenn Sie einen Unsterblichen spüren?" "Ich... weiß nicht... wovon Sie...." "Ich rede von dem Cross-Quickening, daß Sie mit Methos hatten." Er konnte den Widerwillen auf ihrem Gesicht sehen, den seine Worte bei ihr auslösten. Und bevor sie sich in haltlose Lügen verstricken konnte, stand er auf, wählte aus einer langen Reihe von Videos eines aus und schob die Kassette in den Videorecorder. Ceal bekam Szenen zu sehen, die ihr bekannt waren: Methos, sie und ein anderer Unsterblicher, der den Teenager als lebenden Schutzschild gegen den Ältesten seiner Art benutzte. Daran konnte sie sich erinnern. Auch an die Angst, die sie verspürt hatte und daran, daß Methos einen Dolch mit tödlicher Sicherheit geworfen hatte. Was danach war, verschwand in einem dichten Nebel und sie konnte sich nur auf das verlassen, was Methos ihr darüber gesagt hatte. - Jetzt sah sie es zum ersten Mal auf Video gebannt! Wie dem anderen das Schwert aus der Hand fiel und wie Methos weit ausholte, ohne auf das Kind Rücksicht zu nehmen, das immer noch wie erstarrt auf der Stelle stand. Sie sah, wie Methos sein Schwert sinken ließ und wie dann der erste Blitz der Erneuerung durch ihren eigenen Körper fuhr, um zu Methos zu gelangen. Als sie es sah, glaubte Ceal sich wieder an die furchtbaren Schmerzen zu erinnern, die sie damals empfunden hatte, daß sie geglaubt hatte, es würde sie zerreißen. Sie hatte Dinge gesehen, die sie sich nie hatte vorstellen können. Methos hatte ihr erklärt, das passiere manchmal, aber das unangenehme Gefühl des Fremdkörpers in einem würde mit der Zeit vergehen. Dahingehend hatte er recht behalten. Geblieben war nur die Fähigkeit, einen Unsterblichen zu spüren. - Etwas, das sie noch nicht einmal ihrem besten Freund gebeichtet hatte. Angst beschlich sie, trotz ihres benebelten Zustandes.
"Wieso... beobachten Sie... ihn...?" "Wen? Methos? Oh, er ist für mich nicht weiter von Belang. - Sie hingegen erwecken bei mir weitaus mehr Interesse, Miß Morgan!" Das "Warum?" lag ihr auf den Lippen, aber sie brachte es nicht heraus. Stattdessen fragte sie nur: "Was... Was ist mit mir passiert?" Ratlos hoben sich die breiten Schultern des Unsterblichen und sanken wieder herab. "Das, meine liebe Miß Morgan, wird wohl auf ewig ein großes, kosmisches Geheimnis bleiben." Er schaltete das Video ab. "Und wenn wir ehrlich sind, hätte ich Ihnen nicht einmal zugetraut, daß Sie es überleben. Aber, violÁ: Sie sind hier. - Und Sie sind auf der Suche nach gefährlichen Antworten auf die vielen Fragen, die Sie haben. Warum ich Ihnen helfe? Nun, nennen Sie es egoistische Gründe. Wie bereits erwähnt, hege ich großes Interesse an Ihnen und Ihrem Leben und ich würde zu gerne erfahren, wie es weitergeht, setzt man ihm kein gewaltsames Ende.... Ich denke, wir reden morgen weiter. Sie sollten jetzt wirklich schlafen."
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Ceals Traum war alles andere als dazu angetan, daß sie Ruhe fand. In ihrem Kopf schwirrten die Gesichter so vieler Menschen umher und alle redeten auf sie ein und längst vergessen gewähnte Erinnerungen kamen hoch. Die junge Frau glaubte sich in einem dichten Nebel, allein auf weiter Flur, und sie fürchtete sich zu Tode. Aus der dichten weißen Wand drangen Stimmen zu ihr, die sie zusätzlich ängstigten mit dem, was sie sagten und instinktiv begann sie zu laufen. Weiter, immer weiter, ohne dem Albtraum entfliehen zu können, - bis sie mit einem unterdrückten Laut aufwachte. Heftig hob und senkte sich ihre Brust und es dauerte einige Augenblicke, ehe sie sich wieder beruhigt hatte, dann schlug sie die Augen auf. Die Decke, die sie über sich sah, war ihr unbekannt und so wandte sie vorsichtig den Kopf, um zu sehen, wo sie war. Als sie sich sicher fühlte, setzte sie sich auf.
"Wie fühlen Sie sich?" "Als wäre die Metro über mich weggefahren!" Stöhnend rieb die junge Frau sich die Stirn und strich sich dann das Haar aus dem Gesicht. Ihre Augen suchten den Mann, der mit ihr sprach und der so tat, als sei diese Situation völlig normal. Er lächelte sie freundlich an. "Das Bad ist dort hinten. Ich habe Ihnen Sachen bereitgelegt, von denen ich denke, daß sie Ihnen passen müßten. Und wenn Sie fertig sind, frühstücken wir und unterhalten uns ein wenig." Ohne ein Wort der Erwiderung stand Ceal auf und folgte den Anweisungen des Fremden. AndrÉ verfolgte schmunzelnd, wie die Beobachterin Ceal Morgan sich der Tatsache bewußt wurde, daß sie nur ein OP-Hemd trug und hastig versuchte, ihre durchaus ansehnliche, rückwärtige Blöße zu bedecken, indem sie mit einer Hand den Stoff am weiteren auseinanderklaffen hinderte. Endlich heile im Bad angekommen war sie sichtlich erleichtert, als sie endlich unter den prasselnden Strahlen der Dusche stand, die ihren benebelten Geist langsam wieder klärten. Ihr Gastgeber hingegen gönnte sich den voyeuristischen Blick durch die Überwachungskamera im Bad und lächelte zufrieden, während er eigenhändig den Kaffee aufbrühte. Als Ceal zurückkam, war das Frühstück fertig und der Unsterbliche erwartete sie bereits am Tisch sitzend.
"Passen die Sachen?" "Die Hose ist ein bißchen groß." "Kaffee?" "Gerne. Danke." Als erstes nippte die junge Frau an dem aromatischen Getränk, ehe sie die Tasse zurückstellte und dem Fremden zusah, wie er großzügig Marmelade auf sein Brötchen strich und herzhaft hineinbiß. Ihre Miene wirkte sehr ernst und nachdenklich. "Es ist wie Gänsehaut." sagte sie dann unvermittelt. Der Mann legte sein Brötchen weg und betrachtete die junge Frau auf der anderen Seite des Tisches eingehend. "Und woher wissen Sie dann, ob es jetzt ein Unsterblicher oder doch nur Gänsehaut ist?" Die schmalen Schultern wurden hochgezogen und langsam sanken sie wieder herunter. "Keine Ahnung... Ich weiß es einfach. Es ist... intensiver. Langanhaltender. Irgendwie..." Sie wirkte rührend hilflos, aber dann schüttelte sie sich einmal und schon war der verletzliche Ausdruck wieder verschwunden und vor ihm saß die Beobachterin. Jetzt sah sie auf und in ihren klaren Augen lag Ehrlichkeit. "Danke." Bestimmt winkte der Mann ab. "Ich bitte Sie, doch nicht dafür." Er langte nach seiner Tasse. "Ich möchte nur, daß Sie wissen, daß hier jemand ist, der es gut mit Ihnen meint. Soll ich Sie bei Ihrem Büro absetzen lassen?" "Nein, danke. Ich..." "Sie wollen nicht mit einem Unsterblichen gesehen werden." Der Mann lächelte. "Das ist kein Problem, ehrlich. Sollte Ihnen trotzdem der Sinn danach stehen, zu reden oder Fragen zu stellen: ich stehe Ihnen Tag und Nacht zur Verfügung. Sie brauchen mich nur anzurufen." "Warum?" "Weil Sie keine Angst haben, kleine Lady. Sie wissen nicht, was Sie aufwecken und deshalb können Sie sich auch nicht davor ängstigen. Und aus eben diesem Grunde will ich Ihnen helfen."
Ceal bedachte den Mann mit einem merkwürdigen Blick, der mißtrauisch und verstört wirkte; sie erhob sich und ging einfach.
"Miß Morgan?" Halb in der Tür stehend drehte Ceal sich noch einmal zu dem Mann um, der auf der Treppe stand und ihr mit einem feinen Lächeln nachrief: "Nehmen Sie sich vor Jägern in Acht!" Die Tür schlug hinter ihr zu, sie atmete tief ein und aus, orientierte sich kurz und machte sich dann auf den Nachhauseweg.
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"Ich hab gedacht, du wärst krankgeschrieben." Stephanes prüfender Blick ruhte kritisch auf der jungen Frau, die sich etwas schuldbewußt in sein Büro drückte und unentschlossen gegen die Tür lehnte. Jetzt schüttelte sie den Kopf. "Es geht mir gut, ehrlich." beteuerte Ceal aufrichtig, konnte den Kollegen aber nicht überzeugen. "Alles in Ordnung?" hakte er nach, worauf sie noch einmal bekräftigend nickte. "Vermus sagte was von einem Psychodoktor, den du nach deiner Genesung mal aufsuchen solltest... Ach, übrigens: Panis wollte dich sehen, sobald du wieder auftauchst... Wo warst du gestern Nacht eigentlich?" "Panis?" Ceal hörte gar nicht weiter zu. Sie drehte sich einfach um und ging, um die rechte Hand ihres Bosses aufzusuchen.
Es war ein langes, sehr ernstes und sehr ermüdendes Gespräch, das Ceal mit Monsieur Panis führte. Im Endeffekt durfte sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, allerdings mit der Auflage, sofort Meldung zu machen, sobald ihr etwas merkwürdig vorkäme.
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"Finden Sie nicht, daß es zwei äußerst merkwürdige Zufälle sind, die innerhalb kürzester Zeit unserer guten Mademoiselle Morgan widerfahren?" Panis steckte sich eine Zigarette an, an der er genüßlich sog. "In der Tat, äußerst merkwürdig." Vermus stand mit auf dem Rücken verschränkten Händen am Fenster und sah stur hinaus in den Nieselregen. "Haben Sie etwas finden können?" "Nein." Panis war das Bedauern anzuhören, das er empfand, der Amerikanerin keinen auswischen zu können. "So wie ich das sehe, ist Mademoiselle Morgan an dem besagten Abend gar nicht erst bis in die Archive gekommen. - Das bestätigt zumindest ihre Geschichte von neulich. Und in ihrem Büro sind auch nur Unterlagen betreffend der Epoche, die sie gerade mit Methos recherchiert. Es ließ sich nichts finden, das älter ist als 850 Jahre. Keine Aufzeichnungen über die Bronzezeit, kein Wort über Ammallatto oder Jäger oder ähnliches. Im übrigen dürfte es auch schwierig sein, noch etwas in der Richtung zu finden, schließlich haben wir durch Horton dazugelernt." "Sicher. Doch was wäre, wenn uns in den acht Jahren doch noch etwas entgangen wäre? Ich will, daß unsere Leute noch einmal - mit höchster Priorität! - alles prüfen! Und stellen Sie Leute ab, die ein Auge auf Mademoiselle Morgan haben! Uns darf kein Fehler unterlaufen!!" "Sofort, Monsieur Vermus."
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Vollgepackt mit Aktenordnern, Papieren und alten Landkarten, balancierte Ceal ihre wackelige Fracht durch den Flur in Richtung ihres eigenen Büros, wo sie die Unterlagen in Ruhe sichten und verwerten wollte. Daß sie kaum über den obersten Hefter drübergucken konnte, das nahm sie gerne in Kauf, wenn sie im Gegenzug nicht so oft laufen mußte. Erst, als es ans Türöffnen ging, zeigten sich die Nachteile ihrer Bequemlichkeit und der Erkenntnis, daß Murphy's Law eigentlich immer Bestand hatte: man hat nie eine dritte Hand, wenn man mal eine braucht. Einige Verrenkungen später hatte Ceal es endlich geschafft, die Klinke in die Hand zu bekommen, da wurde die Tür von der anderen Seite her schwungvoll aufgerissen und durch die unerwartete Wucht nach vorne geworfen, polterten all die alten Schriften krachend zu Boden. "Scheiße!" fluchte die junge Frau undamenhaft und hockte sich augenblicklich hin, um den Schaden so gering wie möglich zu halten, da kniete der Urheber ihres Ungeschickes sich neben sie und half mit einsammeln: "Es tut mir leid, ich hab dich nicht gesehen, Ceal." Verdutzt schaute die Beobachterin auf und setzte sich vor Überraschung erst einmal auf den Hosenboden. "Du????" entfuhr es ihr, worauf der junge Mann etwas verlegen lächelte. "Ja, so trifft man sich wieder, nicht wahr." entgegnete er zurückhaltend. "Was machst du denn hier?" Es gab auf Erden weitaus schönere Dinge, als seinem Ex-Freund zu begegnen, auch wenn schon einige Jahre ins Land gezogen waren, seit sie sich getrennt hatten. "Ich war bei Monsieur Vermus." Die Geste, mit der Luc seinen Ausweis zückte und ihr präsentierte, wirkte hilflos. "Ich hab ihm ein paar Fragen gestellt." "Polizei?" Ceal runzelte die Stirn. Sie hätte eher erwartet, daß Luc Straßenkehrer oder Kanalarbeiter werden würde. Endlich waren die Sachen zusammengesucht und sie erhob sich wieder. "Da könntest du dich auch mit einer Wand unterhalten. Von Vermus wirst du keine Antworten bekommen!" "Ja, das hab ich auch gemerkt." Galant hielt Luc der Amerikanerin die Tür auf und begleitete sie zu ihrem Büro, um sicherzugehen, daß sie diesmal auch ohne weitere Zwischenfälle ankam. "Aber vielleicht kannst du mir ja ein bißchen was erzählen!?" begann er dann hoffnungsvoll. "Kommt drauf an, was du wissen willst." Sorgfältig bettete Ceal die Stapel auf ihrem zweiten Stuhl, ehe sie sich umdrehte und den jungen Mann forschend musterte. "Ich... äh... weiß nicht, ob du dich daran erinnern kannst: vor ein paar Jahren ist unweit von hier ein katholischer Priester in seiner Kapelle ermordet worden. - Man hat ihn enthauptet." Ceal glaubte, ihr müßte schlecht werden! Oh, sie erinnerte sich leider viel zu gut daran! "Nun, ich denke, wir haben neue Spuren, denen wir nachgehen können, um diesen Mord noch mal neu aufzuarbeiten..." "Laß mich raten: ihr habt'n neuen Boß und der will alle alten Fälle vom Tisch haben!?" "Exakt." "Und... um was für Spuren handelt es sich dabei?" "Das könnten wir doch bei einem gemütlichen Abendessen besprechen, was hältst du davon? Ich hol dich heute Abend ab, so um acht Uhr? Schön, ich freue mich! Bis dann!"
Zurück blieb eine junge Beobachterin, die nachdenklich an ihrer Unterlippe nagte und sich überfahren fühlte. Zu gerne hätte sie das Essen wieder abgesagt, aber ihre Neugierde, was es mit den neuen Spuren auf sich hatte, war größer. Was konnte ein Abendessen schon anrichten?
***
"Was ist mit deiner Wohnung passiert?" Luc riskierte einen mißtrauischen Blick auf Ceals Bestellung und rechnete im Kopf rasch nach, ob er auch genug Geld eingesteckt hatte. Über die Jahre hinweg mußte er wohl vergessen haben, wieviel die Amerikanerin so in sich reinstopfen konnte! "Du bist ein schlechter Lügner, Luc." beschied Ceal dem Ex-Freund ruhig, ehe sie die Gabel beiseite legte und ihn über den Tisch hinweg offen ansah. "Du weißt, was mit meiner Hütte passiert ist. Und ich glaube, daß du sogar noch mehr weißt. Aber das ist ja nicht der Grund, weswegen wir hier sitzen, oder? Was also willst du?" "Hmm, ja, hmmm..... Es scheint so, als hätte man einen Anschlag auf dich verübt. Zumindest haben die Experten einen Sprengsatz in deiner Wohnung gefunden. Kannst du dir vorstellen, wer dich aus dem Weg haben wollte und warum?" "Luc, ich bin Historikerin! Wem sollte ich bei meiner Arbeit so auf die Füße treten, daß es sich lohnte, mich umzubringen? ... Du erwähntest heute Mittag neue Erkenntnisse im Fall von Pater Darius." "Ach ja, ihr kanntet euch ja recht gut.... Hm, ja,.... Ja, es scheint fast so, als sei der Spurensicherung damals einiges durch die Lappen gegangen und anhand der sichergestellten Indizien wird man ein neues Verfahren einleiten." "Glaubt ihr, daß ihr mit den neuen Verfahrensweisen und -techniken mehr Glück habt?" "Nun, zumindest konnten wir ein paar Fingerabdrücke nehmen." "Fingerabdrücke? In einer Kirche? Welch eine Überraschung! Hättet ihr keine gefunden, hätte mich das stutzig gemacht, aber so... Ganz ehrlich? Ich glaube, ihr jagt Phantomen hinterher. Pater Darius ist schon zu lange tot, als daß man da noch was rausreißen könnte." Luc grinste schief. "Vielleicht hört sich das für dich irre an, aber mit den Blutspuren, den Haaren und Hautzellen und der DNA-Analyse wird es uns schon gelingen, den Täter zu finden. - Und wenn wir das ganze Quartier zur DNA-Abgabe laden müssen!" "Na, dann viel Erfolg!" murmelte Ceal nicht sehr überzeugt. Ihr Handy meldete sich und nachdem sie die SMS gelesen hatte, erhob sie sich mit Bedauern. "Ich muß los." entschuldigte sie sich dabei. "War nett, sich mit dir zu unterhalten. Ach ja: und viel Glück bei der DNA!" "Ceal?" "Ja?" "Wo kann ich dich erreichen, sollte es nötig sein?" Hastig kritzelte Ceal einige Zahlen auf die Rückseite einer Parkquittung und warf sie dem Polizisten zu. "Entweder über Handy oder bei Marie." "Findest du das eine gute Idee, wieder bei ihr einzuziehen? Ich glaube, ihr ward beide recht froh, als ihr euch räumlich getrennt habt." Als Antwort bekam er nur ein achtloses Schulterzucken. "Na und? Dafür ist sie ja meine Stiefmutter." Und damit verschwand sie eilig, ohne sich noch einmal umzudrehen. Kopfschüttelnd sah der junge Mann ihr nach, dann zahlte er. Noch während er in Ruhe austrank, gesellte sich ein weiterer Mann zu ihm.
"Sollen wir sie beschatten?" "Nein." lehnte Luc entschieden ab. "Zum einen ist sie ja kooperativ und zum anderen glaube ich nicht, daß sie was weiß, was für uns von Bedeutung ist. Machen Sie Schluß für heute!" Der andere Mann nickte und Luc erhob sich und fuhr ebenfalls nach Hause.
*** * ***
Ratlos stand Ceal vor dem Regal, blickte hoch, dann erst nach links, danach nach rechts, ging ein paar Schritte, nur um wieder an den Punkt zu gelangen, an dem sie zuvor gestanden hatte. Ihre Augen suchten die einzelnen Buchrücken ab, untersuchten jeden Quadratzentimeter des Archivs, ehe sie resigniert die Schultern zuckte und sich auf die Suche nach jemandem machte, der ihr Auskunft geben konnte.
"Ähm... Denise? Kann ich Sie mal was fragen?" "Natürlich, Ceal." erwiderte die Hüterin der Archive mit freundlichem Lächeln, worauf die Amerikanerin etwas unbeholfen nach hinten deutete: "Die... ähm... die Akten, an denen ich in den letzten Wochen gearbeitet habe... Wo sind die geblieben? Ich kann keine einzige mehr finden." "Oh, die..." Denise' gedehnte Antwort ließ Ceal aufhorchen. "Die hat Monsieur Panis gestern Nachmittag geholt. Er sagte, er müsse etwas nachrecherchieren und... Oh, Verzeihung! Ich hatte ganz vergessen, daß die Unterlagen ja bei Ihnen in Bearbeitung waren!" "Das... das ist doch nicht so schlimm. Kann ja mal passieren...." murmelte die junge Frau vor sich hin, in ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken, dann zwang sie sich zu einem freundlichen Lächeln. "Trotzdem danke." Damit verließ sie die Archive. Kaum war die Tür hinter der Beobachterin ins Schloß gefallen, griff Denise zum Telefonhörer, wählte hastig eine Nummer und wartete ungeduldig darauf, daß ihr Pendant abnahm...
Hinter Ceals Schläfen machte sich ein unangenehmes Pochen breit, als sie die langen Gänge des Hauptquartiers entlang zu ihrem Büro ging. Panis hatte sich also die Akten besorgt, an denen sie in den letzten Wochen und Monaten gearbeitet hatte! Schien so, als wüßte Vermus doch mehr, als er zugeben wollte!? War das jetzt ein Ablenkungsmanöver oder wollten sie sie nur fernhalten und verhindern, daß sie weitere unangenehme Fragen stellte? Oder nachgucken, ob ihnen tatsächlich eine Panne passiert war und sie irgendwo die Jäger übersehen hatten? Wie auch immer, sie konnte sich nur glücklich schätzen, daß sie die meisten - oder zumindest wichtigsten - Dateien auf ihrem Computer gespeichert und somit immer parat hatte.
Als Ceal die Tür zu ihrem Büro öffnete, sah sie sich Pierre gegenüber, der erschrocken aufsah, sich umständlich die Brille wieder auf die Nase rückte und dann fast entschuldigend den Schraubenzieher hob, den er in der Hand hielt. Ceals Magen fing an zu rebellieren! "Entschuldige, daß ich nicht auf dich gewartet habe, Ceal, aber ich hab auch noch andere Termine, weißt du." "Was... Was machst du da, bitte?" Nur mühsam zwangen sich die Worte über die Lippen der Amerikanerin, die einen beinah panischen Blick auf die gelösten Kabel an ihrem Rechner warf, die ihr Computer-Experte quer durch das ganze Zimmer verteilt hatte. "Ach so, ja... Stephane erzählte mir, daß du andauernd Ärger mit deinem Rechner hättest und da wollte ich mal einen Blick drauf werfen... Ist mir übrigens kein Rätsel, warum das nicht funktioniert. Du hast dir irgendwann mal einen Virus oder so eingefangen, der ein paar echt wichtige Dateien beschädigt hat... Sag mal, wie lange hast du eigentlich kein Update mehr gemacht? Ist ja auch egal. Ich hab erstmal alles abgezogen, guck mal rein, ob da soweit alles in Ordnung ist und dann werde ich 'n Kit rüberlaufen lassen und bei der Gelegenheit auch gleich ein Update.... Du hast doch bestimmt Sicherungskopien von deinen Dateien gemacht, so wie ich dich kenne, ne!?"
Verständnislos sah der junge Mann mit Brille der Amerikanerin nach, die sich wortlos umdrehte und ging. "Manieren haben die Amis." murmelte Pierre vor sich hin, gleichzeitig widmete er sich wieder seiner Arbeit, um den Rechner wieder ans laufen zu bringen.
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Mit zittrigen Knien stand Ceal gegen die Mauer im Hinterhof gelehnt, Arme um den Bauch geschlungen, den Kopf weit nach hinten gelegt und atmete tief ein und aus. Aus! Vorbei! Keine Akten, keine Daten, nichts! Man hatte sie perfekt ausgebootet! Ohne die schriftlichen Unterlagen wäre sie nicht mehr in der Lage, noch irgend etwas nachzuvollziehen. - Und daß Vermus oder Panis sie ihr wiedergeben würden, war ziemlich unwahrscheinlich. Jetzt eine Zigarette! Das Hämmern und Ziehen hinter ihren Schläfen wurde unerträglich. Streßbedingte Migräne! Eigentlich hatte sie ihren Job so gut im Griff, daß sie von diesem unangenehmen Erbe ihres Vaters weitestgehend verschont blieb, aber in der letzten Zeit meldete sich ihr Kopf immer öfter. Eigentlich auch kein Wunder! Ceal rutschte an der Wand herunter in die Hocke und massierte sich verstohlen die Schläfen. Sie fühlte sich alleingelassen und schlecht und fragte sich, ob nicht Luc, sondern sie einem Phantom nachjagte, wie alle es ihr weismachen wollten. Vielleicht war ja wirklich alles nur ein dummer Zufall oder ein Versehen und in Wahrheit steckte nichts dahinter? Verwechslungen waren doch menschlich. Aber dann fiel ihr Korda ein und die Dinge, die er ihr gesagt hatte, und Zweifel machten sich breit. Es war ein leichtes gewesen, den Namen des Barbesitzers herauszufinden, und obwohl sie sich keinen Reim darauf machen konnte, warum er sich plötzlich so in ihr Leben drängte, schien es ihr, als könnte sie ihm vertrauen... Ceals Gedanken wurden von einem Becher Kaffee unterbrochen, der ihr unter die Nase gehalten wurde. - Stephane stand neben ihr und hielt ihn ihr hin.
"Pierre erzählte mir, daß du wortlos abgehauen wärst. Schon wieder Migräne?" "Hmm." Dankbar nippte die junge Frau an dem zwar gut duftenden, aber wie Wischwasser schmeckenden Gebräu, ehe sie wieder auf den Hof starrte. "Hat er dir auch erzählt, daß er meinen Rechner plattgemacht hat? Und ich hab nicht mal eine Sicherungskopie." "Ich glaub, das war meine Schuld. Ich hab ihm erzählt, daß du dich immer so mit dem Ding rumärgerst und wahrscheinlich wollte er dir was Gutes tun... He, vielleicht kann er ja doch noch was retten?" Verächtlich winkte Ceal ab. Bei ihrem Glück glaubte sie nicht daran und mittlerweile war es ihr auch egal. In ihr war ein Entschluß gereift, den sie auch sogleich in Angriff nehmen würde. Mit Abscheu kippte sie den Rest des Kaffees aus und erhob sich. "Ich muß noch kurz telefonieren und dann hau ich ab. Kannst du früher Schluß machen?" "Sicher. Soooo aufregend ist Emily auch nicht, daß ich den Sinn meines Lebens darin sehe. Und dann hätt ich auch mal wieder Zeit ins Kino zu gehen. Kommst du mit?" "Hm? Nein... nein, ich hab Kopfschmerzen. Ich werd mich wohl gleich ins Bett hauen, wenn ich Zuhause bin. Bis gleich!"
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"Dawson." Die ihr so bekannte, sonore Stimme zu hören, war wie Balsam für Ceals Seele, auch wenn sie die Kosten für das Übersee-Gespräch im Hinterkopf hatte und hoffte, so schnell wie möglich an die gewünschten Informationen zu kommen. Vielleicht kannte Joe ja noch eine Quelle, die ihr unbekannt war? Unwahrscheinlich, aber im Rahmen des möglichen. "Hi, ich bin's, Ceal." "Ceal, Liebling! Wie geht es dir? Nett, daß du mal anrufst! Alles klar bei euch auf dem Alten Kontinent? Wie ist das Wetter?" "Paris liegt unter einer Smogdecke, es herrschen Temperaturen um die 28 Grad Celsius, der Himmel ist bedeckt... - oder sieht zumindest so aus - .... die Metro war restlos überfüllt, die Straßen sind bis zum letzten verstopft und der Salat in der Kantine heute war welk. Noch irgendwelche Fragen?" Joe lachte. "Also alles beim alten, hm!" freute er sich. "Na ja, bei uns sieht es auch nicht aufregender aus; irgendwie tröpfelt es so dahin. Suchst du Methos?" "Nein, wieso? Meinst du, ich hätte keinen anderen Grund, einen alten Freund anzurufen, es sei denn, ich würde diesen unsäglichen Menschen suchen? Ist er da?" "Nein, er ist vor ein paar Tagen abgehauen mit den Worten, er müßte sich mal erholen. Frage mich nur, wovon." "Wahrscheinlich ist ihm mal wieder eine seiner Weibergeschichten entglitten und er muß das Weite suchen." mutmaßte Ceal grinsend. "Genieß die Zeit ohne ihn! - Lange wird sie bestimmt nicht anhalten." "Also, was kann ich für dich tun?" "Ist es so offensichtlich, daß ich was will?" "Hmm... Ich habe davon gehört, daß deine Wohnung in die Luft geflogen ist. Alles okay bei dir?" "Ja, alles klar, nur keine Sorge... Ich.. ääh... Wie gut kennst du eigentlich Vermus?" "Ziemlich gut, warum fragst du?" "Ist er vertrauenswürdig?" "Ceal!?" "Kennst du eine Gruppe namens "Jäger"? Weißt du was darüber, daß sie in irgendeiner Art und Weise mal im Zusammenhang mit den Beobachtern erwähnt wurde?" "Kannst du mir mal erklären, worum es eigentlich geht!?" "Ich... ähm... Ich bin bei meinen Recherchen über die Jäger gestolpert und habe die Befürchtung, daß sie immer noch existieren... Ich glaube, daß sie Schuld sind am Tod von Claude MoirÉe. - Und an dem von Darius." Bis zu diesem Zeitpunkt war es nur eine vage Ahnung gewesen, aber als Ceal es ausgesprochen hatte, war sie fast davon überzeugt, daß es so sein mußte. Horton: ein Opfer? "Ceal, Darius wurde von Horton getötet, das weißt du doch. Er hat dafür gebüßt, das ist kein Geheimnis. Man hat sich um die Splittergruppe gekümmert." "Die Beobachter haben sich darum gekümmert! Vermus, Panis, wer auch immer! Weißt du das genau? Weißt du, was mit ihnen geschehen ist? Wo sind diese Leute abgeblieben? Was passierte mit denen, die mit ihnen zu tun hatten? Wer hat Rechenschaft darüber abgelegt?" Es war kurze Zeit still am anderen Ende der Leitung, wo Joe in Seacouver nachdenklich die Stirn runzelte, ehe er besonnen weitersprach: "Ceal, ich glaube, du verrennst dich da in irgendwas. Ich würde für Vermus mein Leben verwetten und was auch immer er angeordnet hat in Bezug auf die abtrünnigen Beobachter, er wird das richtige getan haben. Vielleicht solltest du mal ein bißchen Urlaub machen und dich fernab von all dem Streß entspannen, hm? Eine kleine Reise machen? Neue Erfahrungen sammeln? Ich denke, daß die Aufregung in letzter Zeit zuviel für dich war: so viel Arbeit, dann die Explosion, der Krankenhausaufenthalt..." Die Amerikanerin sank langsam mit der Stirn auf die Tischplatte. Joe glaubte ihr nicht! Er dachte auch, daß sie Gespenster sah. Sollte sie ihm von Korda erzählen? Nein., entschied sie schnell. Besser nicht. Sie würde versuchen, Beweise in die Finger zu bekommen, dann erst hätte sie genug in der Hand, um Joe zu überzeugen. Warum nur hielt er immer zu den Beobachtern? Hatte er es denn immer noch nicht gelernt? "Du hörst dich schon an wie Marie..." murmelte sie in den Hörer, ehe sie sich gerade aufrichtete und ihrer Stimme Festigkeit verlieh, so daß man ihr die Enttäuschung, die sie empfand, nicht anhörte: "Ja, vielleicht hast du recht. Ich könnte wirklich mal Urlaub gebrauchen und wenn nicht jetzt, wann dann!? Hey, grüß den Alten von mir, wenn er auftaucht, ja." "Mach ich. Ach, Ceal?" "Ja?" "Du solltest lernen, Jacques Vermus zu vertrauen." "Hm." Ohne weitere Erwiderung legte die junge Frau auf. 24
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