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"Hey." "Was ist los? Ist bei dir der Wohlstand ausgebrochen oder telefonierst du auf Joes Kosten?" "Womit hab ich es verdient, daß du mich so anmaulst, Kleines, hm? Joe erzählte mir von... dem kleinen Unfall in deiner Wohnung. Ich wollte nur hören, ob bei dir alles okay ist oder ob du Hilfe brauchst." "Danke." "Ceal? Geht es dir wirklich gut?" "Ja." In einer plötzlich aufwallenden Mischung aus Ärger, Enttäuschung und Frust trommelte Ceal mit ihrem Kugelschreiber auf dem Terminplaner herum, den Blick starr auf die kahle Wand gerichtet, eine steile Falte zwischen den Augenbrauen. Am liebsten würde sie Methos anschreien, daß er schuld an allem sei, wollte ihm Vorwürfe machen und irgendetwas als Genugtuung verlangen, aber dann seufzte sie nur resigniert auf. "Nein, es ist alles in Ordnung bei mir, du brauchst dich nicht zu bemühen. Mein Versicherungsmensch hat sich bereits um alles gekümmert und in ein paar Tagen werden sie anfangen, meine Hütte wieder aufzubauen.... Kennst du ein paar Jäger?" "Seit wann interessierst du dich denn für so was? Was soll's denn sein: Fuchsjagd, Großwildjagd, Rot- oder Damwildjagd?" "Jäger, Methos, nur Jäger. Eine kleine Gruppe von Menschen, die immer wieder im Zusammenhang mit den Beobachtern erwähnt werden und anscheinend keine sehr rühmliche Rolle spielen oder aber eine sehr wichtige, wenn auch ungern gesehene. Jäger, compris?" Am anderen Ende der Leitung war es einige Sekunden lang still und gerade wollte Ceal fragen, ob er noch da sei, da meldete Methos sich wieder: "Nein, Kleines, tut mir leid. Hab ich noch nie was von gehört. Da solltest du besser Vermus fragen, der wird das wohl wissen. - Immerhin ist er ja quasi der Guru der europäischen Beobachter." "Mag sein, aber verraten tut er's mir nicht." knurrte die junge Frau verärgert. "Er hat mich wissen lassen, daß es mich nichts anginge und ich solle mich doch bitteschön um meinen eigenen Krempel kümmern." "Kannst du's ihm verübeln? Was juckt dich das überhaupt?" "Du erinnerst dich an Luc? Allen Befürchtungen zum Trotz ist aus ihm doch noch was geworden, nämlich Polizist, und der hat mir gesteckt, daß sie Darius' Tod neu aufrollen werden. Und ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, daß diese ominösen Jäger etwas damit zu tun haben. Noch Fragen?" "Und?" Methos' Stimme klang gelangweilt. "Sie werden nichts finden und du wirst noch genug aus den Berichten von Luc erfahren. Seit wann trefft ihr euch eigentlich wieder?" "Alter, du nervst!" fauchte Ceal in den Hörer und knallte ihn auf die Gabel, daß es schepperte. Wenn noch nicht einmal Methos von den Jägern wußte, würde es sie dann überhaupt geben? Aber konnte sie auch sicher sein, daß er sie nicht anflunkerte? Wäre ja nicht das erste Mal, daß er Geschichte zu seinen Gunsten auslegte. Statt auf das erneute, eindringliche Klingeln des Telefons zu hören, hörte die Amerikanerin lieber auf das Knurren in ihrem Magen, nahm ihre Sachen und verschwand, "um Recherche zu machen".
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Langsam legte Methos den Hörer zurück. Er hatte ein schlechtes Gewissen, Ceal wegen der Jäger angelogen zu haben, tröstete sich aber mit dem Gedanken daran, daß es ja nur in ihrem eigenen Interesse sei. Die Bullen wollten Darius' Tod neu aufrollen? Bitte sehr, sollten sie doch machen! Wie er schon gesagt hatte, sie würden nichts finden: keinen Schuldigen, kein Motiv, keine Tatwaffe. Selbst die sterblichen Überreste des Opfers gab es nicht mehr! Na, hoffentlich ließ Ceal sich von diesem Windei Luc nicht noch mal einwickeln!
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"Streß mit dem Alten?" "Was?... Nee,.... nein, Streß kann man nicht sagen. Wieso? Wie kommst du darauf?" "Bißchen frostige Stimmung zwischen euch beiden." Stephane grinste. "Okay, wenn man mal außer Acht läßt, daß er dich wahrscheinlich noch weiter wegsetzen würde, hätte er die Gelegenheit... Alles okay?" "Ja, klar...." "Du siehst so... bedrückt aus." Fragend richteten die grauen Augen sich auf die Amerikanerin; Stephane war sich nicht sicher, ob er das richtige Wort gefunden hatte, um den Gemütszustand seiner Kollegin zu beschreiben. "Nicht bedrückt, nur... Ich versuche schon die ganze Zeit herauszufinden, was diese Jäger sind, aber Fehlanzeige. Keine Aufzeichnungen, keine Notizen, keine Namen, Daten... Nichts!" "Hmm..." Der smarte Franzose runzelte die Stirn. "Was soll ich dazu sagen? Vielleicht gab es sie ja auch nie, hast du daran schon mal gedacht? Ich meine, MoirÉe war ja auch nicht mehr so ganz taufrisch im Oberstübchen, seit Daphne.... Warum interessierst du dich überhaupt für diese ollen Kamellen?" "Ich... ähm... Ich hörte, daß die Polizei den Fall des getöteten Priesters wieder aufrollen wollte. Offenbar haben sie neue Erkenntnisse, um den Aufwand zu wagen und da bin ich halt neugierig geworden... Vermus sagt, ich sollte mich mit meinem Arsch hinsetzen und das tun, wofür ich bezahlt werde." "Weißt du was? Recht hat er! Wir sollten unseren da raushalten und hoffen, daß die Ermittlungen der Bullen im Sand verlaufen. - Zu unser aller Zufriedenheit. Wer wollte sich den vielen, unangenehmen Fragen auch stellen, hm? Kommst du mit auf'n Kaffee?" "Nein, ich muß die Akten durchackern. Bringst du mir einen mit?" "Klar."
Den Kugelschreiber zwischen die Lippen geklemmt, blätterte Ceal zwischen den einzelnen Blättern, auf der Suche nach einem ganz bestimmten Dokument. Sie stutzte, blätterte zurück, dann wieder vor, weiter und ließ dann die Hand sinken. Nach einem flüchtigen Augenblick des Überlegens durchforstete sie den nächsten Stapel, fand, was sie suchte, zerrte es triumphierend heraus, legte es beiseite und ging dann noch einmal systematisch vor. Nach gut drei Stunden war sie durch und sicher: jemand hatte ihre Sachen durchwühlt! Das System der Amerikanerin mochte chaotisch anmuten, aber es war vorhanden und nun war alles durcheinander. Wer auch immer etwas gesucht haben mochte: wahrscheinlich waren ihm die Stapel weggerutscht und er hatte sie - in Unkenntnis ihrer ureigenen Ordnung - einfach wieder zusammengepackt und fein säuberlich auf ihren Schreibtisch gelegt. Buff! Das mußte sie erst einmal verdauen! Fast ein wenig erschlagen lehnte die junge Frau sich zurück und starrte das Papier an, als könnten die einzelnen Blätter ihr verraten, wer ihr hinterher schnüffelte. An Arbeit war gar nicht mehr zu denken und so schaltete sie ihren PC kurzerhand aus und verließ das Büro, um Stephane zu suchen. Von frühem Feierabend war er bestimmt auch angetan.
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"Kannst du mich hier rauslassen?" Nach einem knappen Blick in den Rückspiegel setzte Stephane den Blinker, ignorierte den Fußgänger, den er bei seinem waghalsigen Haltemanöver fast erwischte und nickte nur, wenn auch ein wenig verständnislos. Sie waren noch einiges von Ceals Wohnung entfernt! "Sicher." "Danke." Die Amerikanerin kletterte aus dem engen Fond des Citro‰n, grüßte noch einmal "Bis morgen!" und verschwand dann im Park.
"Was ist denn mit der los?" "Weiß nicht." Stephane zuckte mit den Schultern und fädelte sich auf französische Art in den fließenden Verkehr wieder ein. "Ist heute wohl nicht ihr Tag."
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"Die Bar ist noch nicht geöffnet!" knurrte AndrÉ über die Schulter hinweg, ohne sich umzudrehen. "Schade. Ich hab gedacht, ich könnte Ihnen einen Drink aus dem Kreuz leiern." Der Unsterbliche wirbelte herum. "Miß Morgan!" Mit gequältem Lächeln rutschte die Beobachterin auf einen Barhocker und verschränkte beide Arme auf der Theke. Ihre Miene wirkte irgendwie traurig, so daß AndrÉ seine schroffe Art fast leidtat, als er sich ihr nun zuwandte. "Nur so oder rettender Strohhalm?" fragte der Mann nach einem prüfenden Blick, ehe er zu den Gläsern griff. "Rettender Strohhalm. Irgendwas, was mich so besoffen macht, daß ich nicht mehr nachdenken kann." "Aua. So schlimm?" "Jemand hat mein Büro durchwühlt, meine Unterlagen durcheinander gebracht und mir damit vier Wochen Schwerstarbeit zunichte gemacht. Man hat versucht, mich in die Luft zu jagen, einen guten Freund umgebracht und ist anscheinend immer noch nicht gewillt, Ruhe zu geben. Noch Fragen?" "Ich hab Sie gewarnt, kleine Lady." Korda stellte zwei gutgefüllte Gläser zwischen sie, nahm seines und ließ es sacht an das ihre klingen, bevor er einen Schluck nahm, während Ceal den Inhalt noch mißtrauisch musterte. "In Fachkreisen nicht sehr galant als "Dosenöffner" bezeichnet." erklärte er das Gesöff. "Wessen Dose Sie damit wohl öffnen sollten?" murrte die junge Frau, ehe sie das Glas auf Ex leerte. Noch während sie es abstellte, schüttelte sie sich tüchtig und verzog angewidert das Gesicht. "Wouuhhhh!" "Gut, ne!?" Großzügig schenkte er nach. "Sagen Sie, Miß Morgan: haben Sie immer noch Quartier bei Ihrer Stiefmutter?" "Warum fragen Sie, wenn Sie es doch wissen?" "Verstehen Sie sich gut mit ihr?" "Sie bringt mich um den Verstand, wenn Sie es genau wissen wollen! Warum?" "Ich frage mich, warum Sie nicht einfach in ein Hotel ziehen, wenn Ihnen der Aufenthalt und die Fürsorge von Madame Girod so schlecht bekommt." "Nur, damit Sie mir Löcher in den Bauch fragen können!" schnauzte die Amerikanerin gereizt und stand auf, um zu gehen. "He!" "Was ist denn noch?" "Ihre Autoschlüssel, bitte! Sie glauben doch wohl nicht, daß ich Sie nach diesem Höllentrunk noch fahren lasse, oder!?" "Dosenöffner, hä!? Wissen Sie, daß ist die beschissenste Anmache, die ich jemals..." "Francis, würdest du die junge Dame bitte heimfahren? Ihren Schlüssel können Sie sich morgen abholen. Oder noch besser: wir werden ihn bei Ihrer Stiefmutter abgeben, damit Sie nicht in Versuchung kommen. Gute Nacht, Miß Morgan!"
Verdutzt starrte die Beobachterin den Unsterblichen an, der sie mit einem fast schadenfrohen Grinsen verabschiedete, und sie war sich sicher, daß er eine diebische Freude daran hatte, sie so auflaufen zu lassen. Sprachlos folgte sie dem Chauffeur, der sie nach Hause fahren würde. Sie vergaß darüber sogar, daß sie gar nicht mit ihrem eigenen Wagen hier war. - Aber das fiel ihr erst ein, als sie im Bett lag.
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"Ceal, wo bleibst du denn? Ich habe mir Sorgen gemacht, als du nicht pünktlich Zuhause warst! Sag doch was, wenn du noch eine Verabredung hast!"" Von diesem Kommentar schon gut bedient, verdrehte Ceal die Augen. "Ich geh ins Bett," nuschelte die junge Frau undeutlich und zwängte sich im engen Flur an Marie Girod vorbei, um in ihr altes Kinderzimmer zu gelangen. Kordas Drink hatte es mächtig in sich gehabt und sie wollte sich den angenehm benebelten Zustand nicht durch endlose Diskussionen vermiesen lassen.
"Ceal, hast du etwa getrunken?" Die Concierge schnüffelte auffällig. "Ja." Eilig lief Marie hinter ihrer Stieftochter her, die schnurstracks auf die Tür zuhielt. "Du weißt, daß ich keinen Alkohol in meinem Haus haben will! Wie konntest du mir das nur antun?" "Deswegen hab ich ihn ja auch gleich getrunken!" fauchte Ceal genervt. "Hast du ein Problem, Kleines? Wenn ja, dann laß uns darüber reden und schauen, ob wir..." "Nein!" Mit lautem Knall wurde die Kinderzimmertür zugehämmert, der Schlüssel rumgedreht und das gequälte Ächzen der Jugendliege war Beweis dafür, daß Ceal ins Bett gefallen war. Etwas unschlüssig starrte Marie noch auf die Tür. Armes Ding! Der Brand in ihrer Wohnung nahm sie furchtbar mit! Warum machte sie sich solche Gedanken? Die Versicherung kam doch für den Schaden in vollem Umfang auf! Kinder!... Kopfschüttelnd ging die Concierge in die Küche, um sich einen Tee aufzubrühen und sich dann im Fernsehen den Krimi anzusehen, von dem schon so viel gesprochen wurde.
*** * ***
"... könnten wir ja auch eigentlich mal bei Ceal vorbeischauen." Schwungvoll schulterte Methos seine Reisetasche und sah MacLeod erwartungsvoll an. Er hatte dem Schotten vom Mißgeschick der gemeinsamen Freundin - oder doch besser Bekannten? - erzählt und aus seiner Miene sprach Besorgnis über den Zustand der Amerikanerin. Ihr komisches Verhalten bei ihrem letzten Telefongespräch gab ihm zu denken und so war er eigentlich ganz froh gewesen, als Duncan ihn gefragt hatte, ob der alte Mann ihn nach Aix-en-Provence begleiten wollte. - So konnte er zumindest von den Flugmeilen des Schotten profitieren! Zwar hatte er für Skulpturen nichts übrig, war aber durchaus zu Kompromissen bereit. Duncan wirkte nicht sehr begeistert. Er war schon des öfteren mit der jungen Beobachterin aneinandergeraten und selten hatte sie dabei den Kürzeren gezogen. Warum sollte er sein Schicksal unnötig herausfordern? "Wenn's unbedingt sein muß." gab er sich schließlich geschlagen, ließ aber durchblicken, daß er sich Schöneres vorstellen konnte. Als auch er endlich seinen Koffer kommen sah, griff er danach, doch kaum hielt er ihn in den Händen, vernahm er eine zischende Stimme: "Wenn Sie tun, was wir Ihnen sagen, wird niemandem etwas passieren!" Langsam drehte Duncan sich um. Methos' Miene schien eingefroren, denn er hatte schon entdeckt, was der Highlander erst jetzt sah: eine Tätowierung am rechten Handgelenk, dem Zeichen der Beobachter sehr ähnlich! Scharf sog er die Luft ein, was der Mann Ende 30, der vor ihm stand, mit grimmiger Genugtuung zur Kenntnis nahm. "Ich hab hier einen Fernzünder. Wenn ihr muckt, fliegt der ganze Terminal in die Luft!"
Wie in Zeitlupe entspannte Duncan sich wieder. Derzeit herrschte Hochbetrieb am Flughafen und er konnte und wollte es nicht riskieren, den Wahrheitsgehalt dieser Drohung zu testen. Plötzlich waren einige schwarzgekleidete Jugendliche bei ihnen, die ihnen das Gepäck abnahmen und sie dann hinaus begleiteten. Flüchtig erkannte Methos am Finger eines jungen Mannes einen Ring mit einem Pentagramm und fragte sich, in was sie da wohl reingeraten waren....
*** * ***
Es hatte Ceal viel Überwindung gekostet, sich durchzuringen und auf die bewährten Wege zu verzichten. Sie hatte den Eindruck, daß Korda ihr vielleicht viel mehr sagen konnte, als er zunächst zugeben wollte. - Zumindest schien er genau zu wissen, wonach sie suchen mußte. Und so suchte sie ihn nach einem weiteren, ereignislosen Tag im Büro am späten Nachmittag einfach auf.
"Wer sind die Jäger?" AndrÉ Korda lächelte, zwischen seinen Fingern drehte er ein Glas mit Gin, das er jetzt leicht kippte und dann anhob. "Eine Gruppe von Menschen, die ihren Spaß daran haben, wehrlose Tiere abzuknallen, wenn möglich auszustopfen und sich über den Kamin zu hängen, würd' ich mal behaupten," lautete seine leicht ironische Antwort, ehe er an seinem Getränk nippte. "Ich weiß selber, was ein Jäger ist!" giftete Ceal gereizt, worauf der Unsterbliche nur verwundert die Augenbrauen hob: "Und warum fragen Sie mich dann?" "Claude hat öfter von ihnen geredet." Ceal wurde ganz still, als sie von ihrem greisen Freund sprach; man merkte ihr an, wie nah sein Tod ihr ging. "Meistens hat er diesen Begriff im Zusammenhang mit den Beobachtern verwendet. Ist es das? Ist das die Antwort auf alles?" "Nein." antwortete Korda mitfühlend. "Es ist nur eine Antwort von vielen. Wenn Sie Angst vor der Wahrheit haben, Miß Morgan, sollten Sie jetzt aufhören und alles vergessen, was Sie jemals darüber gehört haben!" Fest richtete er seinen Blick auf die junge Frau, die ihm an einem Tisch in seinem Klub gegenüber saß und unablässig ihr Glas in den Händen drehte statt zu trinken. "Nennen Sie mir einen Grund, wieso ich mein Leben aufs Spiel setzen sollte, wo ich doch eigentlich meine Ruhe haben könnte!" "Eine unglaubliche Vielzahl von Unsterblichen, lebend oder bereits tot. Darius. Methos. MacLeod. Fitzcairn. Magellan..." "Darius???" Der Mann nickte schweigend. Ceal schluckte trocken. Horton! Abtrünnige Beobachter! Joe! MacLeod! Die fünfte Chronik!... Unzählige Gedanken stürmten auf Ceal ein, die sich auf ihrem Gesicht widerspiegelten, ohne daß sie es hätte verhindern können und die Anteilnahme in dem Unsterblichen weckten. "Horton ist tot!" stieß sie heiser hervor. "MacLeod hat ihn erschossen! Es ist unmöglich, daß.... Das sind die Jäger!?" Erkennen machte sich auf ihren Zügen breit. Mit unbewegter Miene zog Korda aus der Innentasche seines Designer-Sakkos zwei Amulette. Das eine identifizierte Ceal als ihr Eigentum - Wann war ihr das denn abhanden gekommen? -, das andere war das, welches er ihr gegeben hatte. Beide legte er flach vor ihr auf den Tisch, so daß sie gezwungen war, sie zu betrachten. "Sie... sehen modifiziert aus, also das hier, meine ich.... Das... ähm..." versuchte sie die Sache analytisch anzugehen, indem sie die beiden Schmuckstücke hin und her schob, ehe sie sich festlegte. AndrÉ zog ihres etwas zu sich herüber. "Sie befinden sich dahingehend im Irrtum, liebe Miß Morgan, daß dies hier das modifizierte ist und das..." Er schob das andere etwas beiseite. "... mitnichten das Zeichen der Beobachter ist. Oder jemals war. - Nein, so ganz stimmt das nicht, aber die Zusammenhänge herauszufinden, wird Ihre Aufgabe sein. Ein paar Antworten werden Sie im Hauptquartier finden.... Ich warne Sie noch mal, kleine Lady: sind Sie sicher, daß Sie das wollen?" Ceal nickte entschlossen. "Ja." lautete ihre schlichte Antwort. "Die Antwort kann wehtun, wissen Sie." "Sie meinen, die Wahrheit? Dessen bin ich mir bewußt. Trotzdem..." Sie schüttelte sich leicht. "... Ich habe das Gefühl, ich muß es tun. Können Sie das verstehen?" "Kann ich Sie davon abhalten?" fragte AndrÉ dagegen, indem er sich zurücklehnte, etwas zwinkerte und ein schelmisches Grinsen in die Mundwinkel zauberte, worauf Ceal unwillkürlich lächeln mußte. Verneinend schüttelte sie den Kopf, trank in einem Zug aus und erhob sich, sich gleichzeitig ihre Jacke nehmend. "Ich muß gehen." "Ganz schöner Zug!" bemerkte der Unsterbliche bewundernd, mit einem bezeichnenden Blick auf das leere Glas. "Sie sollten mich mal in Action erleben!" lachte die Beobachterin ihm über die Schulter hinweg zu, dann war sie auch schon durch die Tür verschwunden. Sinnend sah der Mann ihr nach.
"Glauben Sie, daß sie durchhält?" Francis schob sich durch die Seitentür. In der Hand hielt er den Autoschlüssel, bereit, der Beobachterin sofort zu folgen. "Ich hoffe es. - Um ihretwillen. Behalt sie im Auge!" AndrÉ genehmigte sich noch einen Drink. Tatsächlich würde Ceal Morgan jetzt keine Ruhe mehr finden, nachdem sie erfahren hatte, daß Darius den Jägern zum Opfer gefallen war und sie wenigstens die Richtung kannte, in der sie suchen mußte. Entweder würden ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt sein - er hielt sie nicht für jemanden, der an diesem Punkt noch aufgab - oder aber sie würden bald ein frisches Grab auf dem Friedhof haben. Um der jungen Amerikanerin willen hoffte er, daß alles gutging. - Und um das zu garantieren, waren seine Leute ihr immer auf Schritt und Tritt hinterher.
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"Monsieur Vermus?" Jacques war mehr als nur erstaunt darüber, daß ausgerechnet Ceal Morgan ihn ansprach, als er auf dem Weg von der Kantine zurück in sein Büro war. Eher zögernd blieb er stehen und musterte die junge Frau fragend. "Entschuldigen Sie, daß ich Sie so überfalle, aber es ist äußerst wichtig für mich, Monsieur Vermus." Etwas atemlos eilte die Amerikanerin auf den Franzosen zu, der mit einem Blick die Erregung erfaßte, in der sie sich befand, und der sich aufgrund dessen wünschte, er wäre nicht stehengeblieben. Wohl an denn.... "Was kann ich für Sie tun, Mademoiselle Morgan?" fragte er also höflich. "Nun, ich... ähm... uhm... ich brauche dringend ein paar Unterlagen für meine Recherchen, allerdings hat Denise mir gesagt, Monsieur Panis habe sie sich geholt, und da ich ihn nirgendwo finden kann, dachte ich, ich frag' mal Sie, ob es möglich wäre, mir die Sachen so bald es geht wieder auszuhändigen...." Schau an, schau an, Ceal Morgan konnte ja richtig freundlich sein, wenn sie wollte!, schoß es Vermus durch den Kopf. Ach, daher wehte der Wind!? Oh, er zweifelte nicht am Wahrheitsgehalt ihrer Worte - sie war einfach zu geradeheraus, um zu kuschen oder sich zu verstellen -, doch dachte er im Traum nicht daran, sie wieder voll in den Schaffensprozeß zu integrieren. "Dann wissen Sie's noch gar nicht?" hakte er freundlich nach und erntete ein verständnisloses Kopfschütteln. "Solange die Ermittlungen in dem Einbruchsfall noch nicht abgeschlossen sind, muß ich Ihnen den Zugang zu Daten jedweder Art verweigern. Es tut mir leid, Mademoiselle Morgan, ich hätte Ihnen gerne geholfen. Wir können nur hoffen, daß die Ermittlungen der innere Abteilung rasch vorangehen." Damit ging er und ließ Ceal wie einen begossenen Pudel stehen. Kreidebleich. Die Hände zu Fäusten geballt. Zornbebend. Sie schluckte einmal, zweimal und dann suchte sie verbissen schweigend ihr Büro auf - kein Gruß nach links oder rechts -, wo sie hinter sich sorgfältig die Tür schloß, tief ein- und ausatmete und sich schließlich schwer auf ihren Locher stützte. Fest schlossen sich die Finger um das kalte Metall des Geräts, dann schleuderte sie es mit einem wütenden Aufschrei gegen die Wand. Dem Locher folgte der Tacker, ein Rondell mitsamt Stempeln, eine Papierrolle und der Briefbeschwerer....
Zutiefst erschrocken und von einer Kollegin alarmiert riß Stephane die Bürotür auf und stürmte hinein. Draußen, auf dem Flur, wußte er etliche ehrlich besorgte Mitarbeiter und energisch drückte er die Tür hinter sich ins Schloß. Als Ceal ihm jetzt ihr Gesicht zuwandte, sah er Trotz in ihren Augen funkeln. Aber sah auch die Tränen, die sie sich mit ärgerlicher Bewegung mit dem Handrücken abwischte. Verdammt, was war denn mir ihr los?? "Ceal, was...?..." Sanft nahm der Franzose das Mitglied seiner Fahrgemeinschaft in den Arm und drückte sie sacht, auch wenn er ihren Widerstand gegen soviel Intimität fühlte. Deutlich konnte er das wilde Pochen ihres Herzens an seiner Brust spüren, ebenso wie die Aufgewühltheit, die von ihr ausging, hörte das Schniefen, das sie außer sich von sich gab... "Komm, ich fahr dich nach Hause." sagte er schließlich leise, als sie sich soweit wieder beruhigt hatte, daß man vernünftig mit ihr reden konnte. Er nahm im vorbeigehen ihre Jacke und ihre Tasche und zog sie mit sich.
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"Und? Habt ihr einen Weg gefunden, die Amerikanerin loszuwerden?" "Naaaa,.... Wir hätten da einen Plan, wie wir sie uns endgültig vom Hals schaffen. Ihr wollte sich nicht töten; wie wäre es dann mit einer Entfernung aus dem Dienst? Ganz offiziell? Ein kleiner Einbruch, ein paar Spuren, ein paar Beweise... Läßt sich alles arrangieren. Euer Okay und alles ist easy. Sauber und präzise. Na, wie sieht's aus?" "Okay. Aber macht eure Sache diesmal ordentlich! Ich dulde nicht noch einmal so ein Versagen wie letztens!" "Wir werden uns Mühe geben." "Das reicht nicht!!!"
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"Ich halte das für keine gute Idee, wenn Sie mich fragen." Ceal schnitt eine Grimasse. "Bedauerlich, daß mich Ihre Meinung nicht die Bohne interessiert!" erwiderte sie schnippisch, sich gleichzeitig ihre Turnschuhe schnürend. "Miß Morgan, das ist gefährlich! Man hat Sie eh schon im Visier; wollen Sie da wirklich noch riskieren, denen noch mehr Gründe zu geben, Sie aus dem Weg zu räumen?" "Wissen Sie, Mister Korda, im Grunde ist es doch völlig schnurz, ob ich jetzt aus einem oder zehn Gründen den Löffel abgebe, oder. Das Ergebnis ist doch eh dasselbe. Und da ich an keine Informationen aus dem Archiv mehr rankomme, mein Comp quasi jungfräulich ist und man mir keine Antworten gibt, werde ich sie mir eben selber holen. Basta!" "Und Sie halten Jacques Vermus' Büro für den richtigen Ort, um Antworten zu erhalten?" Korda stand die Skepsis ins Gesicht geschrieben. "Yo." Die Amerikanerin erhob sich, schloß den Reißverschluß ihrer dunklen Trainingsjacke und schlenkerte mit den Beinen, damit die Hose richtig saß. "Wenn es irgendetwas gibt, das wissenswert ist, dann werde ich es da finden und nirgendwo sonst. Könnte ich bitte meine Schlüssel haben?" "Ich begleite Sie!" "Nein, das werden Sie nicht." "Wollen Sie mich etwa davon abhalten, kleine Lady?" fragte Korda schmunzelnd dagegen, ehe er sich umziehen ging, um ebenso dunkelgekleidet zu sein wie die Beobachterin, die vorhatte, in das eigene Dienstgebäude einzusteigen. Er fühlte sich nicht wohl bei der Vorstellung, sie alleine in ihr Schicksal stolpern zu lassen, denn für rationale Entscheidungen war sie zu aufgedreht und er sich sicher, daß die Beobachter Vorsorge getroffen hatten, um erneutem unerwünschten Besuch vorzubeugen.
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"Wieviel Zeit haben wir?" "Zehn Minuten." wisperte Ceal zurück, die gerade einen Blick aus ihrem Versteck riskierte, um zu sehen, ob der Wachmann weit genug weg war, damit sie weiter huschen konnten. Erst als AndrÉ sie sacht berührte, wagte sie sich hervor und sie schlichen weiter durch die stockfinsteren Gänge des alten Gebäudes, bemüht, keinen Laut zu verursachen, der sie verraten könnte.
"Wie sind Sie das letzte Mal eigentlich hier reingekommen?" wollte Ceal in Erinnerung an ihre erste Begegnung mit AndrÉ Korda wissen, der im Dunkeln schmunzelte. "Durch die Tür, Miß Morgan." erwiderte er launig, worauf sie zwar die Augenbrauen hob, aber auf einen Kommentar verzichtete. Sie bogen um die letzte Ecke und standen schließlich vor der Tür, die sie in Jacques Vermus' Allerheiligstes führen würde. Mit zwischen die Lippen geklemmter Zungenspitze versuchte Ceal es so lange mit Uhrmacherwerkzeug, bis die Tür endlich nachgab und leise aufschwang. Beide hielten den Atem an. Kein Alarm, kein Lichtermeer, keine Hunde. - Die Luft war rein. Hastig verschwanden sie drinnen und Korda verriegelte die Tür hinter sich, während Ceal schon auf dem Weg zu den hohen Regalen war, in denen sie den Stein der Weisen vermutete.
"Ist er das?" "Hm?" Fragend drehte die Beobachterin sich um und nickte dann. "Ja." "Haben Sie nie daran gedacht, ihn für sich zu nutzen, Miß Morgan?" fragte der Unsterbliche gedämpft weiter, unablässig hingen seine Augen an dem funkelnden Kristall, dem man eine große Magie nachsagte: Methusalems Gift. "Ich bin doch nicht krank!" schnaufte Ceal verächtlich und reckte sich gleichzeitig vergeblich nach einem abgegriffenen Lederband, bis Korda hinter sie trat und ihn für sie herauszog. "Als Diebin wären Sie zu kurz geraten." scherzte er dabei, worauf er mit Nichtachtung gestraft wurde, während die junge Frau gleichzeitig hastig die Seiten überflog. "Haben Sie mal Zettel und Stift?" fragte sie dann. Damit konnte AndrÉ nicht dienen, deshalb langte er auf den blankgewienerten Schreibtisch und sah sie auffordernd an: "Was soll ich schreiben?" Doch er erntete nur ein Kopfschütteln, sie legte das Buch auf eine Lesestütze, mit der anderen Hand forderte sie das Schreibmaterial... - In dem Moment ging die Alarmanlage los! "Scheiße!" Erschrocken und zugleich zutiefst verärgert über ihre Unachtsamkeit - Wer ahnte auch schon, daß ausgerechnet eine Lesestütze verkabelt war!? - schmetterte Ceal das Buch zu, zog sich am Regal hoch und stopfte den ledernen Band an die Stelle zurück, wo sie ihn her hatte. Schon hörte sie draußen auf dem Flur die Wachleute und sah sich überstürzt nach einer Versteckmöglichkeit um. - Keine da! Einer steckte den Schlüssel ins Schloß, da fühlte Ceal, wie Korda sie von hinten umarmte und mit sich zog, danach wurde es dunkel.
"Schschthhh!" warnte der Mann sie und mit wild klopfendem Herzen gehorchte die sonst so störrische Amerikanerin und lauschte auf die Geräusche, die aus dem Arbeitszimmer drangen. Hier, im Dunkeln, roch es modrig und muffig, nach altem Papier und abgestandener Luft. Ob Vermus von dem Geheimgang hinter seinen Bücherregalen wußte? Angespannt lauschten sie den hektischen Geräuschen, die von intensiver Suche zeugten, von verärgerten Stimmen, dann rief einer nach den Hunden. "Wir sollten uns verdrücken." schlug Korda vor und zog die Beobachterin mit sich. Als sie außer Hörweite waren, fing er an zu laufen und bald wußte Ceal, wo die Gänge hinführten: in die Katakomben! ...
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"Aber, meine Herren, das geht doch nicht! Nein, da können Sie nicht rein! Meine Herren, ich bitte Sie!" Marie Girods zeternde Stimme wurde ignoriert, die drei Männer drängten sich rücksichtslos durch den schmalen Flur in Richtung Kinderzimmer. Dort angekommen, riß der erste die Tür auf und knipste das Licht an. Schlaftrunken blinzelte Ceal in das helle Licht, fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und gähnte herzhaft. "Was soll denn das?" nuschelte sie dabei. "Hat man denn nie seine Ruhe?" Irritiert starrte der erste der beiden Männer sie an, wechselte einen verlegenen Blick mit seinem hinter ihm stehenden Kollegen, dann marschierte er energisch in das Zimmer rein, schloß die Fenster und erklärte mit barscher Stimme: "Wir sind von der Kriminalpolizei, Mademoiselle Morgan. Uns ist zu Ohren gekommen, daß man ein weiteres Attentat auf Sie plant, nur deshalb sind wir hier so reingeplatzt. - Allein aus Sorge um Ihr Wohlergehen!" Dabei ließ er unauffällig seinen Blick durch das Zimmer schweifen, fand aber nichts, was verdächtig ausgesehen hätte. Unordentlich, achtlos dahingeworfene Klamotten, eine kleine Handtasche auf dem Schreibtisch, umgekippte Schuhe... Aber konnte man von einer Frau - und dazu noch von einer Amerikanerin! -, die im T-Shirt schlief, etwas anderes erwarten als dieses Chaos!? "Schön, sehr schön..." Ceal gähnte erneut. "Wie Sie sehen können, geht's mir gut. Dürfte ich dann weiterschlafen?" "Natürlich. Verzeihen Sie die späte Störung... Madame." Die drei Männer schlossen die Tür wieder, grüßten brav die Concierge, die sichtlich angetan war von soviel Fürsorge, und gingen dann. Augenblicke später startete draußen ein Motor und ein schwerer Wagen fuhr weg.
"Das war ganz schön knapp!" "Wir wären schneller gewesen, wäre Ihre Kondition nicht so miserabel, Miß Morgan... Vergessen Sie nicht, die Schuhe auszuziehen, sonst wird Ihre Mutter Sie morgen wohl etwas komisch angucken." "Stiefmutter." verbesserte Ceal schnell. Sie lehnte sich über die an der Wand liegende Seite ihres Bettes und sah AndrÉ direkt ins Gesicht, der den Bauch einziehen mußte, um nicht von der Jugendliege erdrückt zu werden. Frech schmunzelte sie. "Geschieht Ihnen recht, nachdem Sie mich so gequält haben!" setzte sie noch einen drauf, dann rutschte sie runter und hob die Lehne soweit an, daß der Unsterbliche aufstehen konnte. "Wie oft werden Sie mir noch das Leben retten, ehe wir beide haben, was wir wollen?" fragte sie leise, als er sich die Hose abklopfte. Grinsend schwang Korda sich auf die Fensterbank und hatte die Beine schon draußen. "Wollen wir Wetten abschließen?" fragte er zurück, dann landete er im Hof. "Im übrigen hat er recht: Sie sollten im Erdgeschoß nicht ständig bei weit geöffnetem Fenster schlafen, kleine Lady! Es treibt sich eine Menge lichtscheues Gesindel nachts rum." "Ich seh's!" konterte die Amerikanerin kichernd und schloß artig das Fenster, um sich dann endgültig schlafen zu legen. Miserable Kondition! Frechheit!
*** * ***
"Ich habe gesehen, daß deine Wohnung wieder aufgebaut wird." Ceal häufte Lasagne auf ihre Gabel und hob sie zum Mund, ohne den Kopf zu heben. "Hmmm. Gott sei Dank ist die Statik okay, sonst hätte ich mich nach einer neuen Bleibe umsehen müssen." Luc grinste. "Ich könnte mir vorstellen, daß ihr beide - du und deine Stiefmutter - schon die Tage zählt, an denen sich eure Wege wieder trennen werden, hm." Statt einer Antwort zog Ceal eine Grimasse, die dem Franzosen bestätigte, wie recht er mit seiner Äußerung hatte. Schließlich legte sie die Zinken ihrer Gabel auf den Tellerrand und faltete sittsam ihre Hände auf der Tischkante. "Weißt du, was mich am allermeisten ankotzt?" fragte sie dabei und ihre Miene sah dabei richtig anklagend aus. "Daß so viele Erinnerungsstücke verlorengegangen sind. Allein meine Musiksammlung... - Ich mag gar nicht dran denken!" "Du bist doch Historikerin, oder? ... Weißt du, ich frage mich schon die ganze Zeit, wieso man ausgerechnet jemanden wie dich mit soviel Aufwand umbringen will. Ich meine: was hast du gemacht? Eselsohren in Folianten?" "Nein, nur Geschichte neu geschrieben." kicherte die Amerikanerin, die ihren Teller dem Kellner reichte und dafür ihr Dessert in Empfang nahm, was der Polizist mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete. "Ich hab keine Ahnung, Luc. Mein Job ist einer der langweiligsten, die ich kenne und die Menschen, mit denen ich in der Regel zu tun habe, sind schon seit zig Jahren tot." "Alter Landadel?" Verächtlich winkte die junge Frau ab. "Die haben ihre Chroniken schon vor langer Zeit selber umgeschrieben und dafür gesorgt, daß die Originale verschwinden. - Das ist einer der Vorteile, wenn man Geld hat. Und außerdem gebe ich mich nicht mit solchem Klüngel ab!" "Sag mal..." Nachdenklich rührte Luc in seinem Essen herum, kaum daß er den Blick zu heben wagte. "... Kennst du eigentlich einen Frank Buchloe?" Ceal überlegte einen Moment angestrengt, dann schüttelte sie den Kopf. "Buchloe? Nein, sagt mir nichts, tut mir leid. Wieso?" "Und wie sieht es aus mit Frantisek Buchvalak?" Diesmal dauerte das Nachdenken etwas länger, denn die Amerikanerin glaubte, diesen Namen - oder einen ähnlichen - schon mal gehört zu haben. Wie in Zeitlupe schüttelte sie dann doch den Kopf. "Ich bin mir nicht sicher, aber er kommt mir bekannt vor..." "Wir haben DNA-Spuren von ihm in der Kirche von Pater Darius gefunden. Deswegen war ich letztens bei Monsieur Vermus, denn nach den Bewährungsakten hatte Buchloe einen Job bei eurem Verein." Bewährungsakten??? Die Beobachter stellten nur Leute mit blütenreiner Vergangenheit ein; es sei denn... Als Luc ihr ein Foto vorlegte, machte es 'Klick' in Ceals Kopf. Doch, diese narbengesichtige, mit schütterem Haar gesegnete Ratte kannte sie! Flüchtig nur, aber das war er. Eindeutig! "Ja, ich kenne diesen Mann. - Allerdings unter keinem der beiden Namen, die du sagtest. Bei uns hieß er Tom Buckley und sah seinen Auftrag darin, den Leibwächter für James Horton abzugeben. Ich hörte nur, er sei vor acht Jahren nach Rußland versetzt worden, aber ob das stimmt, kann ich dir nicht sagen." Horton!... Acht Jahre!.... Bewährungsakten!.... Ceal war sich fast hundertprozentig sicher, daß dieser Mann weder in Rußland, noch in irgendeinem anderen Land auf dieser Welt aufzuspüren war, aber das würde sie Luc sicherlich nicht auf die Nase binden! Zumindest nickte er jetzt verstehend. "Ja, das hört sich nach ihm an.... Pffft, wo Rußland doch nicht ausliefert!" In Gedanken notierte Luc sich den Namen Horton. War das nicht auch so ein ungeklärter Mordfall? Ceals Firma erweckte immer mehr sein kriminalistisches Interesse, je mehr er ans Eingemachte kam. "Ist das alles, was ihr mit eurer tollen neuen Technik herausgefunden habt?" "Die Untersuchungen laufen noch." Luc wollte diese Schmähung nicht auf sich sitzen lassen. "Nur war es bei Buchvalak einfacher, weil er ja einschlägig vorbestraft ist, da haben wir die Daten quasi auf dem Silbertablett." "Geschenkt." Die Beobachterin winkte ab. "Immerhin hab ich den Typen schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen und ich glaube auch nicht, daß der sich für neu geschriebene Geschichte interessiert. - Geschweige denn lesen kann." "Hmmm..." Luc nickte bedächtig. "Trotzdem würde ich dich bitten, ein bißchen die Augen offen zu halten. Ich glaube zwar nicht, daß man es erneut versuchen wird, aber sicher kann man ja nie sein." "Das einzige, was mich umbringen wird, werden eure Leute sein, wenn die weiterhin vorhaben, jede Nacht bei mir reinzuschneien, um zu gucken, ob ich auch die Fenster zu gemacht habe!" "Welche Leute?" Luc wirkte irritiert, so daß Ceal ihm ganz erstaunt erklärte: "Na, die von gestern Abend! Die, die gesagt haben, ihr hättet gemuckert, man wollte es wohl doch noch mal versuchen und..." "Ceal!?" "Ja?" "Wir haben dir keinen Polizeischutz gegeben!" Ceal wurde gleichzeitig blaß und ganz still. Langsam legte sie den Löffel zurück und schob den Dessertteller von sich. "Ich glaube, mir ist der Appetit vergangen", murmelte sie schwach dabei, starrte noch einen Augenblick auf die Tischdecke, dann erhob sie sich abrupt und eilte fort, ohne auch nur noch ein Wort zu sagen.
Kaum hatte die junge Frau das Lokal verlassen, holte Luc aus der Innentasche seines Jacketts ein Handy und wählte hastig eine Nummer. "Sie ist gerade gegangen. Laß sie nicht aus den Augen!"
*
Sobald der junge Polizist gezahlt und ebenfalls das Lokal verlassen hatte, wählte am öffentlichen Fernsprecher ein Mann mit kantigen Gesichtszügen eine Nummer, die er auswendig kannte. "Sie sind jetzt beide weg. Ich glaube, es hat funktioniert."
*** * ***
Nachdenklich starrte Ceal in die aufziehende Dämmerung. Sie hockte auf einer niedrigen Friedhofsmauer, die Arme fest um die angezogenen Knie geschlungen, das Kinn darauf gebettet und wälzte düstere Gedanken. Waren das alles nur dumme Zufälle oder steckte System dahinter? Waren Vermus, Panis und die anderen wirklich so vertrauenswürdig, wie Joe sagte? Aber warum boykottierten sie sie dann? Wieso versuchte man, sie umzubringen? Ein Zeitzünder! So was dilettantisches! Wäre er - oder sie - schlau gewesen, hätte er es wie einen Unfall aussehen lassen... Ließ doch nur den Schluß zu, daß er - oder sie - wollte, daß man ihn suchte oder gar erwischte. Oder? Und was war mit AndrÉ Korda? Diese Story mit dem "Ich bin an Ihrem Leben interessiert" kaufte Ceal ihm nicht ab. Soviel Selbstlosigkeit traute sie allenfalls Mutter Teresa zu, aber keinem Geschäftsmann. Was wollte er von ihr? Und was versprach er sich davon, wenn er ihr half? Hoffte er trotz seiner großartigen Reden, durch sie an Methos heranzukommen? Konnte sie ihm vertrauen? Er hatte ihr das Leben gerettet. - Immerhin zweimal, das mußte sie anstandslos zugeben. Die Frage war nur: warum? Und wieso schien er sich so genau bei den Beobachtern auszukennen? Woher kannte er den Geheimgang hinter Vermus' Regalen? Und was hatte es mit den Pseudo-Bullen auf sich? Fragen über Fragen, auf die Ceal keine Antwort wußte, und je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr verwirrte es sie und mit einem schmerzhaften Pochen hinter den Schläfen kündigte sich eine Migräne an. Unwillkürlich sehnte sie sich nach ihrer Couch, nach einem Buch und einem guten Glas Wein, dazu leise Hintergrundmusik... Daß ihre Wohnung wieder aufgebaut und die Kosten dafür sogar von der Versicherung übernommen wurden, hatte sie eigentlich Methos zu verdanken, der damals die Police abgeschlossen und mehr als einmal darauf hingewiesen hatte, wie gut es wäre, sei man auf alle Eventualitäten vorbereitet. Gab derzeit zumindest einen Pluspunkt für ihn! In der Zwischenzeit bei Marie zu wohnen war keine super Idee gewesen, aber Ceal war schlichtweg zu geizig, sich im Hotel einzumieten, auch wenn sie dort ihre Ruhe gehabt hätte. Aber gefährdete sie Marie nicht durch diese egoistische Gesinnung?
Ceal stand auf und schlenderte vom Friedhof zur Kapelle hinüber, vor der sie kurz stehenblieb und sie ernst betrachtete. Die Polizei glaubte, neue Beweise für den Mordfall an Darius zu haben? Sie hatte die Gelegenheit verpaßt, Luc nach dem Stand der Dinge zu fragen, vielleicht sollte sie das jetzt nachholen? Oh, sie hatte ja seine Handynummer gar nicht... Wie dumm. Was aber wäre, wenn er auch nicht der wäre, für den er sich ausgibt? Oh Mann, ich glaube, ich leide echt schon unter Verfolgungswahn! Ceals Blick streifte zwei Männer, die sich in einiger Entfernung in angeregter Unterhaltung befanden, dann gab sie sich einen Ruck und betrat zögernd das kleine, altertümliche Gebäude im gotischen Baustil.
**
"Verdammt!" Wütend hieb einer der Männer gegen den Türrahmen. "Das gibt's doch nicht! Sie kann sich doch nicht in Luft auflösen!" "Scheiße, wie bringen wir das dem Alten bei?" "Ruf ihn an! Frag ihn, was wir jetzt tun sollen!" Der zweite Mann tat, wie ihm geheißen, doch noch ehe er richtig gewählt hatte, sah er sich im Umdrehen dem Lauf einer Pistole gegenüber. Er riß die Augen weit auf vor Überraschung, da machte es leise "Plopp!"...
"Boß? Sie ist verschwunden... Ja, das haben wir erledigt, keine Sorge... Sicher... Ja, ist gut. Ja... Okay..."
***
"Ceal, wie siehst du aus??? Wo warst du?" "Ich bin müde, ich geh schlafen", murmelte die junge Frau nur achtlos vor sich hin und schlich in ihr Zimmer, wo sie hinter sich die Tür fest verschloß. Anklagend starrte Marie auf die nasse, dreckige Spur, die ihre Stieftochter auf ihrem Weg im Flur hinterlassen hatte und fragte sich, wo um Himmels Willen das Kind bei dem trockenen Wetter wohl nasse Füße hergekriegt hatte!?
"Was???" fauchte Ceal ungnädig in ihr Handy, als es nicht aufhören wollte zu klingeln. Am anderen Ende der Leitung war es erst still, dann räusperte sich jemand und schließlich kam ein: "Entschuldige, ich komme wohl ungelegen mit meiner Frage, ob wir heute noch Ausgehen wollen, wie?" Erschöpft rieb Ceal sich mit dem Handrücken über die schmerzenden Augen. "Ja, ziemlich... Ich bin müde, Luc, vielleicht ein anderes Mal." "Oh... okay. Gute Nacht." Statt einer Antwort legte die Amerikanerin auf, zog die Decke bis über die Ohren und rollte sich zusammen.
Einmal, zweimal... Mit schwerem Seufzen nahm sie den Ruf an. "Ziehen Sie sich was an, kleine Lady! - Wir gehen heute Abend aus." "Vergessen Sie's!" lautete die ebenso einfache, wie klare Antwort, die der Unsterbliche nicht gelten lassen wollte. "So, dann wollen Sie wohl im Bett liegenbleiben und sich ihrem kindischen Weltschmerz hingeben, hm?" "Was wissen Sie schon?" murmelte die Beobachterin vor sich hin, worauf AndrÉ leise lachte. "Oh, ich weiß weit mehr, als Ihnen lieb ist. Und wenn Sie nicht freiwillig aufstehen, werde ich bei Ihrer Stiefmutter klingeln und mich als zukünftigen Schwiegersohn ausgeben!" "Das wagen Sie nicht!" "Lassen Sie es drauf ankommen!" In Gedanken sah Ceal AndrÉ Korda vor sich, wie er auf der mit Schonbezug verschönerten Couch von Marie saß und sich von ihr mit unzähligen Fragen löchern lassen mußte, in denen sie herauszufinden hoffte, ob und inwieweit er ein potentieller Heiratskandidat für das Mauerblümchen an Stieftochter wäre. Dabei würde sie ihm immerzu von ihrem ekeligen Likör einschütten und alte, pappige Hartkekse dazu reichen. Ein finsteres Grinsen überzog die ansonsten eher weichen Züge. "Ich muß Sie enttäuschen, Mister Korda, aber ich habe soeben bereits eine Absage erteilt und werde bei Ihnen keine Ausnahme machen. Ich bin müde und habe Kopfschmerzen..." "Ich bitte Sie, Miß Morgan, kommen Sie mir mit Ihren Kopfschmerzen, wenn wir verheiratet sind!" "Träumen Sie weiter!" Damit war das Gespräch beendet und obwohl sie sich einreden wollte, daß es sie eigentlich gar nicht interessierte, lauschte sie doch auf jedes ungewohnte Geräusch, ob er seine Drohung nicht doch wahrmachen wollte, und so ein bißchen Enttäuschung machte sich in ihr breit, als sich nach fünf Minuten immer noch nichts getan hatte, obwohl sie sich selber schalt, daß der Unsterbliche ja nicht fliegen konnte. Oha, die Klingel!? Ceal hörte Marie zur Tür schlurfen, dann überraschtes Geplapper, unterbrochen von einer ruhigen männlichen Stimme; eiliges Getrippel, dann wurde ihre Tür mit den Worten "Herzlichen Dank, ich weiß Bescheid." geöffnet und Korda stand im Türrahmen: "Ceal, Liebes, hast du unsere Verabredung heute Abend vergessen??? Natürlich hast du. Madame Girod, sagen Sie mir doch, was ich davon halten soll, daß sie immer soviel arbeitet und darüber alles vergißt!? Hier, ich habe dein Kleid aus der Reinigung geholt.... Na, hurtig, hurtig, die Vorstellung wartet nicht!" Überrumpelt von der plötzlichen Wendung der Lage und der Tatsache, daß Marie dem Barbesitzer hinter seinem Rücken auch noch recht gab, stand Ceal artig auf, zog sich an und ließ sich ins Theater entführen. Den ganzen Abend kam sie über diese Unverfrorenheit nicht weg, wenn AndrÉ sie auch sittsam wieder Siezte und ihr nicht zu nahe kam. Versteh einer diesen Kerl! Trotz allem war es ein sehr schöner Abend im Theater gewesen und im nachhinein betrachtet war Ceal richtiggehend froh darüber, daß er sie von ihren trüben Gedanken abgelenkt hatte.
*** * ***
"Dawson." "Vermus. Guten Abend, Joe, wie geht es Ihnen?" Joe schluckte schwer. Was für einen Grund mochte es für Vermus geben, ihn persönlich anzurufen? "Gut, danke. Was wollen Sie?" "Mit Ihnen über Mademoiselle Morgan sprechen." "Ceal?" Joe wirkte wie elektrisiert in Amerika. "Ist was mit ihr? Ist ihr was passiert?" "Nein, beruhigen Sie sich. Es geht ihr soweit ganz gut, allerdings.... Ihr Gesundheitszustand gibt uns Anlaß zur Sorge. Direkt nach dem bedauerlichen Unfall in ihrer Wohnung, verließ sie das Krankenhaus auf eigenen Wunsch und war sofort wieder im Dienst, anstatt ein paar Tage auszuspannen. Heute Nachmittag schien sie einem Nervenzusammenbruch sehr nahe zu sein, da sie aber auf mich nicht hört, wollte ich Sie bitten, ihr mal ins Gewissen zu reden. Wenn ich mich recht erinnere, verstehen Sie sich recht gut mit ihr, nicht wahr. Monsieur Dawson, sie braucht wirklich ganz dringend Ruhe!" schloß Jacques eindringlich. "Hmmm." Dawsons Stimme klang besorgt. "Ich habe ihr auch schon zu Urlaub geraten, aber wie es aussieht, will sie nicht. Arbeitet sie an einem wichtigen Fall?" Der einzige Grund, weswegen Ceal sich in eine Sache so reinsteigerte, daß sie sich weigern würde, aufzuhören. Als er das "Nein." aus Paris hörte, fiel ihm das merkwürdige Telefongespräch mit Ceal wieder ein und Joes Sorge wuchs. "Haben Sie keine Handhabe, sie zu zwingen? Irgendwie?" Die Beobachter könnten den Briten klarmachen, daß sie nie eine Monarchie hatten, wieso sollte es ihnen nicht auch gelingen, eine Mitarbeiterin für einige Zeit aus dem Verkehr zu ziehen!? "Zwangsurlaub?" Vermus knetete nachdenklich sein Kinn. "Ich muß mir mal die Akte kommen lassen. Vielleicht kann man da was machen. Danke, Monsieur Dawson. Ich bin froh, daß wir in dieser Angelegenheit einer Meinung sind. Guten Abend!"
*** * ***
Als Methos wieder erwachte, brauchte er erst einige Momente, um zu verstehen, wo er war. Diesen Ort kannte er genau, auf der ganzen Welt hätte er ihn wiedererkannt: die Katakomben unter Paris! Wie waren sie hierhin gekommen? Und dann fiel ihm alles wieder ein und wenn er so berücksichtigte, daß man ihn und Duncan an Andreaskreuze gefesselt hatte, wurde ihm schon etwas flau im Magen. Vor sich auf dem Boden sah er einen schwarzen Kreis, in dessen Mitte ein riesiges Pentagramm prangte, auf dessen Spitzen jeweils eine schwarze Kerze stand.
"Wo bin ich?" Duncans Stöhnen lenkte Methos' Aufmerksamkeit auf sich. "In der Touristenklasse des von dir gebuchten Hotels!" erwiderte er ironisch, ehe er ernster fortfuhr: "In Paris." "Satansanbeter?" "Hmm. Wobei es mich mehr interessieren würde, was die abtrünnigen Beobachter damit zu tun haben." "Das kann ich Ihnen sagen, Monsieur Pierson. - Oder soll ich Sie Methos nennen?"
Aus einem der zahllosen Gänge kam eine Frau auf sie zu, in der Methos Denise, die Hüterin der Beobachter-Archive, erkannte. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, darüber eine Art Priestergewand, das bis zum Boden reichte. Mit aufreizenden Bewegungen trat sie auf Methos zu und sah ihn mit funkelnden Augen an. "Sehen Sie, wir haben aus vergangenen Fehlern gelernt und uns nach neuen Wegen umgesehen." "Einem Sündenbock, sollte man euch auf die Schliche kommen." Aus Duncans Stimme klang Verachtung, doch die junge Frau schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. "Das sehen Sie ganz richtig, Monsieur MacLeod. Doch was wird Ihr Wissen Ihnen noch nutzen können? ... Bald ist Halloween. Können Sie sich vorstellen, was das für Sie bedeutet?" Die Nacht der Toten... Satansjünger... Wahrscheinlich würden sie ein Blutopfer bringen und die Abtrünnigen würden ihre Chance zu nutzen wissen... "Ich sehe, wir verstehen uns. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt. - Genießt ihn, so lange ihr noch könnt!" Hatte Denise beim ersten Satz noch falsch gelächelt, so wandelte es sich nun und glich eher einem Zähnefletschen. Schwungvoll drehte sie sich um und verschwand...
*** * ***
"... für weitaus drastischere Maßnahmen!" Dies waren die letzten Worte Panis', die Ceal vernahm, als sie nach Aufforderung in Vermus' Büro eintrat, und sah noch den Rest der abwehrenden Handbewegung ihres Chefs. "Sie haben mich rufen lassen?" "Ja, Mademoiselle Morgan, setzen Sie sich doch." Vermus machte eine einladende Geste und als die Amerikanerin sich niedergelassen hatte, fuhr er fort: "Eine persönliche Frage, Mademoiselle Morgan: wann hatten Sie Ihren letzten Urlaub?" Ceals scharfe Augen hatten die eigene Personalakte unter den gefalteten Händen des Franzosen entdeckt und sie fragte sich, warum er mit ihr Katz und Maus spielen wollte, wo er die Antworten auf seine Fragen doch schon von vornherein wußte. "Ich... ähm... Keine Ahnung. Vor zwei Jahren oder so. Warum?" Nachlässig blätterte Vermus in der Akte, als suchte er die passenden Daten. "Genauer vor gut drei Jahren. Ich habe Rücksprache mit Ihren Ärzten gehalten und erachte es als wichtig, daß Sie mal wieder gründlich ausspannen. Ich möchte, daß Sie Ihren alten Urlaub abbauen und irgendwo hinfahren, ganz weit weg von all dem Papierkram, der Sie hier so belastet. Kein Methos, keine Unsterblichen, keine Chroniken. Und wenn Ihnen der Sinn danach steht, nehmen Sie auch noch den aktuellen Jahresurlaub, bis Sie soweit wieder auf dem Damm sind, daß wir uns keine Sorgen um Ihren Gesundheitszustand machen müssen. Ich denke, der Streß in den letzten Monaten war schlichtweg zuviel für Sie; und da Sie eine der fähigsten Beobachterinnen sind, die wir haben, will ich alles dafür tun, daß Ihre Arbeitskraft uns noch so lange wie irgend möglich erhalten bleibt. - Eine Auffassung, die selbst Joe Dawson mit mir teilt." Als er jetzt seinen Blick auf die junge Frau ihm gegenüber richtete, war er zwar ruhig, aber unerbittlich. Ungläubig starrte Ceal ihren Boß an. Sie glaubte, sich verhört zu haben, aber dieser Blick belehrte sie eines Besseren. Genausogut hätte Vermus ihr sagen können, daß er sie vom Dienst suspendierte, aber wahrscheinlich hatte er keine handfeste Möglichkeit dafür und... Jetzt erst wurde ihr der Sinn von Panis' Worten bewußt und sie fühlte, wie alles Blut aus ihr wich. Sie krampfte die eiskalten Finger ineinander und zwang sich zu einem Nicken. "Ja, Joe hat mir auch schon nahegelegt, mal Urlaub zu machen..." erwiderte sie schwach. "Ich... ähm... Ich werd dann mal sofort damit anfangen, wenn Sie nichts dagegen haben, Monsieur Vermus." Ceal erhob sich schwerfällig und wandte sich zum Gehen, als Vermus sie erneut ansprach: "Sie haben doch eine Fahrgemeinschaft mit Monsieur Dufout!? Haben Sie eine Ahnung, wo er heute ist? An seinem Arbeitsplatz befindet er sich nämlich nicht!" "Er sagte gestern was von Recherche machen. In den Katakomben, glaube ich. Oder erst in den Stadtarchiven, um Blaupausen von den Katakomben zu kriegen oder so was... Soll ich ihm sagen, daß Sie ihn zu sehen wünschen, wenn er auftaucht?" "Nein, bemühen Sie sich nicht." lehnte Vermus dankend ab. "Sie wissen nicht zufällig was über den gestrigen Einbruch ins Hauptquartier, Mademoiselle Morgan, oder?" Panis' Stimme klang messerscharf; hatte er jedoch erwartet, Ceal würde sich davon eingeschüchtert fühlen, so hatte er sich gründlich getäuscht, denn als sie sich nun zu ihm umdrehte, blitzten ihre Augen kühl. "Schon wieder?" fragte sie zurück. "Und? Wurde was gestohlen? Und was Ihre freundliche Frage angeht, Monsieur Panis: nein, tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Ich war gestern Abend im Theater und habe mich von Frangipani verzaubern lassen; die Dame an der Garderobe wird Ihnen das sicher gerne bestätigen. Darf ich dann gehen?" "Erholen Sie sich gut, Mademoiselle Morgan." Damit war Ceal entlassen und ging. Auf Vermus' Gesicht war der Unwille zu sehen, den er über die Taktlosigkeit seiner rechten Hand empfand, der sich nun zu ihm umdrehte: "Ich bin der festen Überzeugung, daß sie was damit zu tun hat!" "Mag sein, aber so lange wir ihr nichts nachweisen können, sollten wir bei ihr auch keine schlafenden Hunde wecken. Jetzt ist sie erst mal aus dem Weg und wir sollten mit Hochdruck daran arbeiten, herauszufinden, was beide Einbrüche für einen Hintergrund hatten. Was sagten die Akten?" "Nicht viel. Mit dem nötigen Hintergrundwissen könnte man zwar einiges hineininterpretieren, aber stichhaltige Beweise sind es nicht." "Nun, dann sollten wir selbst den Raum für Spekulationen so gering wie möglich halten. Sorgen Sie dafür, Panis!"
*** * ***
"Ich wollte, ich hätte Sie nie kennengelernt und Sie hätten mich nie in diese Geschichte reinziehen können!" Bitterkeit schwang in der Stimme der Beobachterin. "Sie haben doch nur einen Idioten gebraucht, der Ihnen die Drecksarbeit abnimmt!" Suspendiert! Sie! Ebensogut hätte man sie gleich feuern können!!! Seit Stunden saß sie bereits in Kordas Klub und haderte mit sich und ihrem Schicksal. Daß sie deswegen unfair zu ihrer Umgebung wurde, nahm sie dabei billigend in Kauf. - Im Moment würde sie sogar Gott verklagen, hätte sie Aussicht darauf, sich besser zu fühlen! Augenblicklich fühlte sie sich von allen Menschen verraten und verkauft! Und Korda hörte ihr ruhig zu, als würden all ihre Anschuldigungen an ihm wie Tautropfen abperlen, bis zu diesem Punkt, der ihn wirklich traf. "Sie hätten auch genausogut im Krankenhaus bleiben können, kleine Lady." erwiderte AndrÉ leicht gekränkt über diese Unterstellung. "Aber wer weiß schon, wie Sie das überlebt hätten." Ceal stutzte. "Was haben Sie da gerade gesagt?" stieß sie atemlos hervor; völlig überrumpelt starrte sie den Unsterblichen neben sich an, der sich geduldig wiederholte: "Ich versuchte gerade, Ihnen zu erklären, daß ..." "Nein, nicht das!" unterbrach die Amerikanerin ihn sofort. "Das andere!?" Doch statt seine Antwort abzuwarten, angelte sie über die Theke nach dem Telefon und wählte hastig eine Nummer. Aufgeregt hampelte sie herum. Jetzt - plötzlich! - sah sie alles ganz klar! Alles erschien ihr nun logisch und sie hätte sich ohrfeigen können, daß sie nicht schon viel eher draufgekommen war. "Bon soir, je m'appelle Ceal Morgan... Ah, oui... Oui... Merci..." Mit der freien Hand machte sie eine fordernde Bewegung in Richtung Unsterblichen hin: "Meine Autoschlüssel, bitte!" "Sie sollten nicht mehr fahren, Miß Morgan." gab AndrÉ zu bedenken; er hatte eine Ahnung, was dieser jähe Sinneswandel zu bedeuten hatte. Aber Adrenalin und Alkohol waren erfahrungsgemäß keine guten Ratgeber. "Geben Sie mir die verdammten Schlüssel!!!" platzte seinem Gegenüber der Kragen. "Entschuldige, Luc, ich... Paß auf, ich hab keine Zeit für Erklärungen.... Nimm ein paar Leute und komm sofort..." Ceal stutzte, weil AndrÉ ihr hektische Handzeichen machte. "... Nein, besser in fünfzehn Minuten zur Kirche St. Julien de Pauvre... Ich denke, ich kann dir den Mörder von Pater Darius liefern... Ja, danke... Bis dann." Kaum daß sie sich zu dem Barbesitzer umdrehte, warf er ihr etwas zu, auf das sie verwundert schaute. "Das ist eine Neuentwicklung einer schußsicheren Weste. Ich glaube, Sie können das Ding gut gebrauchen. Na, machen Sie schon! Sie haben nicht ewig Zeit." Nach einem Moment des Zögerns schüttelte Ceal ihre Bedenken ab und zog sich mit einem Ruck Hemd und T-Shirt über den Kopf, nur um dann festzustellen, daß sie keine Ahnung davon hatte, wie man eine schußsichere Weste anlegte. AndrÉ ging ihr dabei zur Hand. "Bei meinem Glück krieg ich 'ne Kugel in den Kopf." orakelte Ceal finster und angelte nach ihrem T-Shirt. "Fühlt sich komisch an." "Bei weitem nicht so unangenehm wie eine Kugel." Kordas Lächeln mißlang etwas und als sie sich wieder angezogen hatte und sich zu ihm umdrehte, hielt er ihr ihre Autoschlüssel hin. In ihren Augen konnte er Erschrecken deswegen sehen; kurz nur, aber es war ganz deutlich gewesen. "Sie... Sie kommen nicht mit?" brachte sie mühsam hervor, worauf er nur leicht den Kopf schüttelte. "Das müssen Sie ohne mich durchstehen, kleine Lady." Sanft berührte er ihre Wange. "Haben Sie keine Angst. - Sie sind nicht allein." Der Ausdruck in den großen Augen wandelte sich und wurde zu Ernüchterung; Enttäuschung. Ohne ein Wort nahm die junge Frau ihre Schlüssel, drehte sich um und verließ das Sanctuary.
Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen, erschien Francis mit seinem Kumpel Durant in der Tür. "Gebt auf sie Acht!" lautete Kordas schlichte Anweisung für sie, die sie augenblicklich in die Tat umsetzten.
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Verdammt, verdammt, verdammt! Sie hatte es einfach überhört! Sie hatte dem keine Beachtung geschenkt! Der einzige, wirklich wichtige Hinweis, den sie jemals bekommen hatte, und sie hatte ihn ignoriert! Ohrfeigen hätte Ceal sich können! In den Hintern beißen! Toben! Schreien! In hysterische Tränen ausbrechen! Oh, verflucht, warum!? Wieso sie? Wieso??
***
"Ich hab es nicht glauben wollen." Ceal hatte keine Ambitionen, sich zu verstecken: langsam löste sie sich aus dem Schatten des Ganges, der in die Katakomben unter Darius' kleiner Kirche führte, und trat in den zuckenden Lichtschein der Fackeln, welche die Höhle unheimlich erhellten. Zwar wirbelten drei Männer herum und zückten ihre Waffen, aber mit einer knappen Handbewegung wurden sie zurückgehalten. "Himmel, nein!" flüsterte Duncan, als er den schlanken Schatten erkannte, so daß Methos aufschaute und - als er dasselbe gesehen hatte wie MacLeod - die Zähne zusammenbiß. Was, zum Teufel, tat sie hier??? Als die junge Frau stehenblieb, ruhte ihr Blick ernst auf dem Mann, der sie höhnisch angrinste. "Du hast schon immer ganz schön lang gebraucht, um was zu kapieren!" erwiderte er spöttisch. Ceals Blick irrte an ihm vorbei, hin zu Methos und Duncan in ihrer prekären Lage, und sie wirkte seltsam ruhig, als sie antwortete: "Mag sein, aber immerhin: es kommt.... Vielleicht hab ich dir soviel Heimtücke nur nicht zugetraut?" Als sie den Mann jetzt fixierte, glaubte er für den Bruchteil einer Sekunde Verletzlichkeit in ihren Augen sehen zu können. "Warum, Stephane?" "Sieh sie dir doch an: sie sind nicht normal! Abartige Kreaturen! Launen der Natur! Mutationen! Wen kümmert es schon, ob sie leben oder nicht!?" "Was ist mit Vermus und Panis und ihren Leuten?" "Du hast es immer noch nicht begriffen, was?!" Verächtlich wischte Stephane mit der Hand durch die Luft. "Wenn Vermus wüßte, daß es uns gibt und wo wir uns aufhielten, du könntest sicher sein, daß er uns seine Wachhunde auf den Hals hetzen würde. Diese Dummköpfe! Sie halten sich immer noch verantwortlich dafür, Chroniken zu schreiben und sich nicht einzumischen. Ich hätt' mich totlachen können, wie ihr umeinander rumgeschlichen seid! Jaja, du hast sie ganz schön aufgemischt mit deinen Fragen nach den Jägern... Aber sei beruhigt: bald schon werden wir die Welt wieder ins rechte Lot rücken und da wird dann auch kein Platz mehr für diese Moralapostel sein! Außerdem juckt es eh keinen, ob sie da sind oder nicht." Ceal zuckte vor so viel Intoleranz zurück. Mich kümmert es!, wollte sie schreien, aber sie brachte keinen Laut heraus, stattdessen mußte sie sich zusammennehmen, um überhaupt mit dem Kopf in Richtung der Unsterblichen und der stetig lamentierenden, düster vor sich hinsingenden vermummten Gestalten hindeuten und ihre Frage stellen zu können: "Und wer sind die?" "Idioten!" Stephane machte eine wegwerfende Handbewegung. "Sie glauben, sie könnten ihren Dämon beschwören... Nur zu, sollen sie! Und wenn sie sie ausgeblutet haben, werden wir ihnen den Rest geben." "Das ist feige!" "Feige?" Stephanes Augen glitzerten fanatisch. "Nein, Ceal, das ist genial! Sollte jemals ein Mensch anfangen zu suchen, wird er eine Gruppe von Zauberdilletanten vorfinden, die einen... ach nein! ... zwei Morde auf sich geladen haben, um einen imaginären Geist anzurufen. Satansjünger... Glaubst du, irgendjemand wird dann noch weiterfragen? Irgendjemand wird daran zweifeln, daß sie es waren?" Eine bestechende Logik, die der Amerikanerin einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. "Du wirst einen Krieg heraufbeschwören", kam es ihr mühsam über die Lippen. Der Druck in ihrem Kopf nahm zu, je länger sie sich das alles hier anhörte. Sie spürte, daß Stephane genau wußte, wovon sie redete; daß er Hortons Nachfolge angetreten hatte - und er war ein würdiger Vertreter! - und daß er gewillt war, diese Sache bis zum letzten durchzuziehen. "Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Hortons Plan gewesen war." "Ach, Ceal..." Stephane gab sich nachsichtig. "Du hast doch gar keine Ahnung von James! Alles, was du weißt, ist, daß du ihn nicht leiden konntest, aber alles andere hast du völlig ignoriert: sein Genie, seine Brillanz. Weißt du, mit deinem Wissen und deinem Köpfchen wärst du eine klasse Partie für uns gewesen. - Unter meiner Anleitung, versteht sich. Es ist schade, daß du dich für die falsche Seite entschieden hast!" Ceal schwindelte; sie hockte sich hin und preßte die Handflächen gegen die Schläfen, um dem Schmerz damit Einhalt zu gebieten. Alles in ihrem Kopf drehte sich und sie fürchtete, nicht glauben zu können, was sie zu hören bekam. "Was sollte das mit meiner Wohnung? War das auch in deinem Sinne?" "Das war lediglich eine Warnung. Aber du wolltest sie ja nicht verstehen." Die Stimme in ihrem Rücken identifizierte Ceal als zu RenÉ gehörig, der in der Abrechnungsabteilung saß und dort Reisekosten bearbeitete. War der jemals mit Unsterblichen in Berührung gekommen, was den Haß, der aus seiner Stimme sprach, rechtfertigen konnte? "Die Polizisten...?..." "Unsere Leute. Ich wollte nur sichergehen, daß du keine unanständigen Sachen machst, wenn ich dich aus den Augen lasse... War übrigens ein echter Verlust, daß deine Gorillas sie kaltgemacht haben." Als er die Verständnislosigkeit in ihrem Gesicht sah, zeigte der abtrünnige Beobachter sich verblüfft. "Du wußtest nichts davon??? Mann, das is'n Ding! Na ja, zumindest waren sie nicht von deinem Freund, diesem Bullen. Seine Leute sind zu blöd, sich alleine die Schuhe zuzubinden! ... He!" Stephane hockte sich vor Ceal, nahm sanft ihre Hände weg und zwang sie, ihn anzusehen. "Wenn du dich dazu entschließen könntest, uns zu unterstützen... - ich wäre bereit, dir einige Fehltritte nachzusehen." Er zog Ceal hoch. In ihrem aufmerksamen Blick funkelte es zornig und einer Eingebung folgend entriß sie ihm wie ein trotziges Kind ihre Hände. "Du bist wahnsinnig!" stieß die Beobachterin bebend hervor. "Dein Angebot ist so absurd, daß ich noch nicht mal darauf eingehe! Wer, glaubst du, bist du, daß du dir anmaßt, über Leben und Tod einzelner Menschen nach eigenem Ermessen entscheiden zu können?? Wie viele solcher Säuberungen hast du schon durchgeführt, daß du so arrogant sein kannst???" "Immer noch so grundanständige moralische Grundsätze, wie?" Stephane grinste. Er war nicht im mindesten davon überrascht, daß Ceal ihn und sein Anliegen abwies; das hatte er erwartet. Ceal gehörte nicht zu den Menschen, die ihr Fähnchen in den Wind hängten und eigentlich war das eine Eigenschaft gewesen, die er stets an ihr geschätzt hatte, denn so wußte er immer, woran er war. Trotzdem empfand er so etwas wie einen Hauch Bedauern angesichts der Tatsache, daß er sich keine ungebetenen Zeugen leisten konnte. Ohne Eile schraubte er einen Schalldämpfer auf seine Pistole; mit kaum einem Blick bedachte er die Satansjünger, die sich immer noch in Trance befanden und nichts mitkriegten. "Damit kommst du nicht durch!" Ceals Stimme vibrierte und hatte nicht den überzeugten Klang, den sie sich gewünscht hatte, als Stephane sich nun zu ihr umdrehte und auf sie zielte. Unwillkürlich machte sie einen Schritt nach hinten, wo ihr der Fluchtweg jedoch durch andere Anhänger der Jäger versperrt wurde. "Niemand wird dich vermissen, Süße. Immerhin hast du die merkwürdige Angewohnheit, des öfteren still und heimlich, ohne ein Wort zu verschwinden, nur um dann nach ein paar Tagen oder Wochen wieder aufzutauchen. Außerdem wurdest du ja jetzt ganz offiziell in den Urlaub geschickt. Und bis dich jemand vermißt, wird es keine Spuren mehr geben, die an dich erinnern." Hortons Schüler grinste diabolisch. "Du solltest dich freuen, mein Engel." Stephane heuchelte überzeugend Besorgnis. "Immerhin wird es dich von deiner Migräne befreien." Noch ehe Ceal den Sinn dieser Worte richtig begreifen konnte, machte es leise "Plopp!", sie spürte einen heftigen Aufprall, der sie herumwarf, dann stürzte sie zu Boden... "CEEEAAAALLLL!!!!" Methos' Schrei gellte durch die unterirdischen Gänge, wurde von den irdenen Wänden zurückgeworfen und unheimlich verstärkt, als er nun in Wellen zurückschwappte. Entsetzen spiegelte sich auf dem Antlitz des Unsterblichen wider, der fassungslos auf die zusammengesunkene Gestalt am Boden starrte. Nein!, schrie es in ihm. Alles, nur das nicht! "Lassen Sie die Waffen fallen!" Aus den Gängen, die zu ihrem Unterschlupf führten, strömten Polizisten und überwältigten sowohl Jäger als auch Satansanbeter in bemerkenswerter Geschwindigkeit, und während bei Stephane die Handschellen klickten, kniete Luc sich neben die reglos daliegende Ceal, die er sacht an der Schulter berührte. Ungläubig verfolgte der abtrünnige Beobachter mit Methos und Duncan, wie sie aufstand, gestützt von dem Polizisten. Grauen zeichnete sich auf seinen Zügen ab, insbesondere als er sah, wie die Unsterblichen verständnislose Blicke wechselten. Statt einer Antwort zerrte Ceal ihre beiden Oberteile aus dem Hosenbund: eine schußsichere Weste. Ihre Miene wirkte dabei wie eine starre Maske. Als Stephane an ihr vorbeigeführt wurde und ihr einen haßerfüllten Blick zuwarf, wandte sie noch nicht einmal den Kopf nach ihm. Stattdessen setzte sie sich in Bewegung und kam zu Methos und MacLeod herüber, die sich immer noch in ihrer recht unbequemen Lage befanden. Alles, was Methos ihr erleichtert sagen wollte, was er ihr erklären wollte, blieb ihm im Halse stecken, als sie ihn ansah. Nie würde er diesen Blick vergessen: als sei etwas in ihr zerbrochen! - Und sie wußten beide: er trug Mitschuld daran. Dann drehte sie sich wortlos um und ging.
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Epilog Hatte Ceal Dankbarkeit oder gar eine Gehaltserhöhung oder wenigstens ein anständiges Büro von Seiten der Beobachter erwartet, so wurde sie enttäuscht: es gab lediglich einen flüchtigen Händedruck und ein gezwungenes "Die Beobachter sind Ihrem selbstlosen Einsatz Dank schuldig." von Vermus, der großzügigerweise den Zwangurlaub aufhob und damit den grauen Alltag wieder einläutete. Ceal war sich nicht sicher, ob sie darüber froh oder wütend sein sollte - Immerhin hatte sie ihr Leben riskiert! -, aber in all den Triumph mischte sich auch Bitterkeit. Die Erkenntnis, von allen belogen worden zu sein. Natürlich war alles nur zu ihrem Besten gewesen, klar, und man hatte ja nie erwarten können, daß es so ausarte und überhaupt und sowieso... Wenn man es wußte, fielen einem auch die leeren Plätze im Hauptquartier und die gelöschten Personendaten in den Datenbänken auf; allein sie hatte es noch immer nicht fertiggebracht, herauszufinden, woher AndrÉ Korda sich so gut in den Verhältnissen der Beobachter auskannte. - Höchstwahrscheinlich würde er ihr auch keine Antwort auf diese Frage geben, sondern sie entweder aufziehen oder mit einem Lächeln schweigend darüber hinweggehen. So oder so, es wäre nicht befriedigend!
Sie hatte sich an dem Abend in Kordas Klub derart abgeschossen, daß sie bis heute nicht wußte, wie oder gar wann sie nach Hause gekommen war, geschweige denn sich an irgendeine Begebenheit dort erinnern. Und sie scheute sich davor, den Unsterblichen zu fragen, den sie seitdem nicht mehr gesehen hatte, was irgendwo tief in ihrem Innersten doch ein Gefühl von Bedauern auslöste. Aber nur ein ganz kleines!
Methos hingegen schien ein mächtig schlechtes Gewissen zu haben, denn unaufgefordert hatte er ihr einige Unterlagen zukommen lassen, anhand derer Ceal sich endlich ein Bild davon machen konnte, worum es eigentlich gegangen war. Etwas, das ihr bis zum Schluß nahezu vollständig verborgen geblieben war. So hatte ein Sterblicher namens Ammallatto vor 4000 Jahren anscheinend einer Erneuerung beigewohnt. Abgestoßen von dem, was er gesehen hatte, hatte er eine geheime Organisation, die "Jäger", ins Leben gerufen, die Unsterbliche aufspüren, ausspionieren und schließlich töten sollte. Daraus war ein wahrer Krieg zwischen Sterblichen und Unsterblichen entstanden, der erst vor gut 3500 Jahren ein Ende fand. Die letzten Überlebenden dieser kleinen Organisation zogen sich zurück, nannten sich fortan "Beobachter" und schworen, sich niemals wieder einzumischen. Bis vor acht Jahren James Horton die originären Ursprünge der Beobachter herausfand und meinte, die Jäger neu beleben zu müssen. Und seitdem hatte es immer weiter Kreise gezogen...
Mittlerweile war ihre Wohnung soweit wieder fertig. Heute würden die letzten Möbel kommen und nach Feierabend würde sie das erste Mal seit Monaten wieder für sich selbst einkaufen gehen, auf ihrer eigenen Couch sitzen und sich "The Rock" reinziehen, der gesendet wurde. - Es waren die einfachen Dinge des Lebens, die sie derzeit glücklich machen konnten. - Und das Wissen, Marie endlich entkommen zu sein!
Während Ceal so vor sich hin sinnierte, war sie auf dem Weg zu ihrem Büro, bewaffnet mit einem riesigen, elend schweren, antiken Atlas, der soviel wie ein Kleinwagen wiegen mußte, so wie sie mittlerweile aus der Puste war. Vor ihr schwangen die Flügeltüren zum Verbindungsflur auf und Vermus marschierte mit einem Mann da durch. "Ah, Mademoiselle Morgan, darf ich Sie vorstellen: Monsieur Korda, bereits seit Jahren ein äußerst großzügiger Förderer unserer europäischen Organisation. Mademoiselle Morgan, eine unserer fähigsten Mitarbeiterinnen." Unwillkürlich klammerte Ceal sich an ihrem Atlas fest, stumm starrte sie auf den Unsterblichen, der sie lediglich mit einem freundlichen Kopfnicken bedachte und dann mit Vermus weiter ging. Ungläubig sah die Amerikanerin den beiden nach und als AndrÉ mit einem Augenzwinkern den Kopf nach ihr wandte, brach sie in schallendes Gelächter aus, so heftig, daß ihr die Tränen über das Gesicht rannen. Haltlos rutschte sie an der Wand entlang zu Boden, wo sie hocken blieb. - Und auch Vermus' halblauter Kommentar "Sie dürfen ihr das nicht übelnehmen; Mademoiselle Morgan stand in den letzten Monaten sehr unter Streß." war nicht dazu angetan, daß sie sich beruhigte...
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