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Reinigungs-Rituale

© by Sam23 ()
 
Summary: Post-Krankenstations-Reinigungs-Rituale für Körper und Seele.
Authors note: Okay, das ist jetzt echt blöd. Hab eiiinge angefangene FFs, die jetzt wahrscheinlich sauer sind, dass ich sie einfach liegen lassen und die hier geschrieben hab, aber a) ist sie kurz und b) musste ich mir das jetzt einfach aus dem Kopf schreiben -Titel ist also quasi auch auf die Autorin anwendbar *lol*.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Die Straße ruhte in kompletter Dunkelheit, nicht ein einziges Fenster war erleuchtet, nicht einmal die Straßenlaternen waren eingeschaltet, was verwunderlich war, denn eigentlich hätten sie bereits bei Einbruch der Dunkelheit anspringen und den Vormarsch der Schatten und Schwärze im Keim ersticken müssen.

Aber das hatten sie nicht getan.

Vielleicht waren sie desertiert, dachte Sam, während sie aus dem Autofenster starrte. Der Straßenbeleuchtung und ihren Verbündeten war wohl ein Licht aufgegangen: Den Kampf gegen die Dunkelheit, den sie Nacht um Nacht führten, konnten sie einfach nicht gewinnen. Zwar verteidigten sie ihr Territorium und jeden Morgen, wenn die Sonne aufging. schien es aufs Neue, als hätten sie einen endgültigen Sieg errungen. Doch am Abend, wenn die Sonne den Rückzug antrat, begann der Kampf aufs Neue, Nacht für Nacht, ohne Chance auf ein Ende.

Kam ihr irgendwie bekannt vor.

"Sam, alles okay?"

"Hmmh", antwortete Sam und obwohl sie nicht in Richtung Fahrerseite sah, wusste sie trotzdem, dass Janet Fraiser gerade die Stirn runzelte. Sam schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die kühle Autoscheibe, während der Wagen eine Kurve machte und in die Straße einbog, in der Sams Haus lag.

"Sam?"

"Wirklich, Janet, alles okay, ich bin nur müde, das ist alles."

"Vielleicht hätte ich dich doch noch eine Nacht zur Beobachtung auf der Krankenstation behalten sollen. Es gefällt mir gar nicht, dass du jetzt ganz alleine zuhause bist."

Sam öffnete die Augen, löste den Kopf von der Fensterscheibe und blickte ihre Freundin mit einem schwachen Lächeln an.

"Den Rest von SG-1 hast du doch auch aus der Krankenstation entlassen und die waren nicht weniger verletzt als ich", protestierte Sam. "Ehrlich, Janet, du musst dir keine Sorgen machen, ich bin wirklich nur müde, das ist alles."

"Trotzdem. Willst du nicht lieber mit zu Cassie und mir kommen?"

Sam schüttelte den Kopf.

"Danke, aber nach zwei Wochen auf einem fremden Planeten und vier Tagen in der Krankenstation möchte ich einfach einmal wieder in meinem eigenen Bett schlafen und etwas Ruhe finden..."

"... was so gut wie unmöglich ist, wenn die ganze Zeit ein Teenager um einen herumschwirrt, ich verstehe", beendete Janet den Satz für sie mit einem Zwinkern. Sams Lächeln wurde kräftiger und doch fühlte sie sich gar nicht danach. Das war nicht der Grund dafür, dass sie heute Nacht nicht bei Janet sein wollte, aber sie war nicht sicher, ob die Ärztin den wahren Grund verstehen würde.

Janet brachte den Wagen vor Sams Einfahrt zum Stehen und drehte den Zündschlüssel zurück. Das brummende Geräusch des Motors erstarb und der Wagen kam mit einem letzten Zittern zur Ruhe. Janet drehte sich zu Sam um.

"Sicher?"

"Ganz sicher, Janet. Danke fürs Nachhause Fahren."

"Wenn du etwas brauchst, dann melde dich, okay? Und wenn dir schwindlig oder übel wird oder der Knöchel wieder anfängt zu schmerzen oder die Wunde wieder aufbrechen sollte, dann meldest du dich sofort, ist das klar?"

"Ja, Doktor, Ma'am"

"Ich mache keine Witze, Sam."

"Gute Nacht, Janet und danke."

 

Sam schwang sich aus dem Wagen, warf die Tür hinter sich zu, winkte Janet im Umdrehen noch einmal zu und ging mit schnellen Schritten auf ihre Haustür zu. Die absolute Stille, die in der Straße lag, machte ihr klar, dass Janet den Wagen nicht wieder angelassen hatte. Sam beschleunigte ihre Schritte und musste sich zwingen nicht die Stufen in einem Hinaufzuspringen. Sie fluchte leise, als ihre zitternden Finger beinahe den Hausschlüssel fallen ließen und sich anschließend auch noch weigerten ihr dabei zu helfen, den Schlüssel ins Schloss zu rammen. Nach scheinbar endlosen Sekunden, in denen Sam jederzeit damit rechnete, dass Fraiser merkte wie schlecht es Sam noch ging und sie wieder zurück in ein Krankenbett stecken würde, hörte sie endlich das vertraute Klicken, als der Schlüssel einrastete. Mit einem großen Schritt trat Sam in ihre Wohnung und drückte hastig die Tür hinter sich zu. Als das Schloss zuschnappte, hieb Sam mit der flachen Hand auf den Lichtschalter, lehnte sich mit dem Rücken gegen das harte Holz und schloss die Augen, um sich vor der plötzlichen Helligkeit zu schützen. In ihren Ohren konnte sie ihr eigenes Blut rauschen hören und die Erschöpfung ließ ihre Knie anfangen zu zittern. Die letzte Stunde hatte ihrem Körper mehr abverlangt, als er im Augenblick geben konnte. Sam atmete tief ein und aus, in dem hilflosen Versuch den Kreislaufkollaps, der sich gerade anschlich, noch zu stoppen. Das Geräusch in ihren Ohren wurde lauter, das Zittern, das erst nur auf ihre Hände und Knie beschränkt gewesen war, lief nun durch ihren ganzen Körper, Sie spürte, wie das bewusste Denken begann auszusetzen und als sie die Augen öffnete, erblickte sie statt ihrer Wohnung nur Dunkelheit. Nicht lange und ihre Knie würden nachgeben und ihr Körper würde in einer nicht sehr eleganten Bewegung in sich zusammensacken. Noch hatte Sam genug Kontrolle über ihren Körper und Verstand, um sich an der Tür in eine sitzende Position hinunterrutschen zu lassen und so größeren Schaden zu verhindern ... doch sie tat es nicht

Durch das Rauschen des Blutes drang von weit, weit entfernt ein kurzes brummendes Geräusch.

Janet hatte den Wagen angelassen.

Das Geräusch wurde kurz lauter, dann wieder leiser und verstummte schließlich. Sam konnte zwar nicht mit bestimmter Gewissheit sagen, dass der Wagen wirklich verschwunden war, denn es war durchaus möglich, dass ihr zusammenbrechender Kreislauf als erstes ihr Hörzentrum ausgeschaltet hatte, trotzdem beschloss sie, dass die Stille Beweis genug, dafür war, dass Fraiser außer Sichtweite war. Dass sie nun allein war. In ihrer Wohnung. Allein und unbeobachtet.

 

Sam erlaubte ihrem Körper die Pause, die er so dringend brauchte und rutschte mit einem lauten Seufzen an der Tür hinunter auf den Boden. Ein Zittern lief durch ihren Leib, der immer noch darum kämpfte seine Besitzerin bei Bewusstsein zu halten. Sam atmete tief ein und aus. Immer wieder und wieder. Ihre Finger schafften es in ihre linke Jackentasche zu stolpern und einen halb aufgegessenen Marsriegel herauszuziehen. Sam nahm einen großen Bissen und schluckte die Schokolade beinahe unzerkaut hinunter. Die Prozedur wiederholte sie so lange, bis nur noch das knisternde Papier von dem Schokoriegel übrig war. Achtlos flatterte die schwarze Verpackung mit der roten Schrift neben Sam zu Boden. Sie schloss die Augen. Tief atmen. Tief atmen. Langsam spürte sie wie die Kombination aus Sitzen, Atmen und Zuckerzufuhr ihre Wirkung tat und sich nach und nach alle Teile ihres Körpers wieder einschalteten. Geräusche drangen an ihren Verstand, lauter als sie sie jemals zuvor wahrgenommen hatte. Autos, weit entfernt an der Hauptstraße. Das Ticken der Uhr im Wohnzimmer. Das Summen der Glühlampe an der Decke. Sams Hand streckte sich in die Höhe, tastete nach dem Lichtschalter und knipste das Licht wieder aus.

Der einzige Grund, warum sie es überhaupt eingeschaltet hatte, war gewesen, Janet davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war, und ihr damit einen Grund zu geben, guten Gewissens ihren Wagen zu starten und nach Hause zu fahren.

Und im Grunde war es gar nicht gelogen.

Es war alles in Ordnung.

Wenn man Ordnung im Sinne von Normalität definierte, wenigstens.

Und es war "normal", dass man bei einem schweren Kampfeinsatz verletzt wurde. Es war ebenfalls normal, dass man mit sich in diesem Zustand in ärztliche Behandlung begeben musste und all das, was die Ärzte, Schwestern und Medikamente in dieser Zeit mit einem anstellten war ebenfalls normal.

Und in Ordnung.

Denn schließlich ging es ihnen darum, einem wieder auf die Beine zu helfen.

Bei dem Stichwort "Beine" zog Sam selbige Testweise an ihren Körper und schlang die Arme um ihre Knie. Sie zitterte immer noch, doch der Grund war nun ein anderer. Ihr war kalt. Richtig kalt. Sie wusste, dass die Tatsache, dass sie an der Haustür auf dem kalten Boden saß, nicht gerade half die Situation zu verbessern, trotzdem blieb sie noch einige Momente sitzen, bis sie sicher war, dass ihre Beine ihr Gewicht wieder tragen würden.

Vorsichtig stand Sam auf und biss die Zähne zusammen, als ihre Schläfen und ihr verletzter Knöchel gleichzeitig zu pochen begannen.

Schmerzen waren ebenfalls normal. Wie ging der Spruch nochmal: Wenn es wehtut, dann heilt es auch. Blöder Spruch. Sam tapste unsicher in Richtung Küche, immer noch in völliger Dunkelheit und ohne überhaupt darüber nachzudenken das Licht einzuschalten. Es war noch zu früh dafür. Viel zu früh. Sie trat zum Kühlschrank und zog mit zitternden Fingern die Tür auf. Ihre Kehle brannte vor Durst, obwohl sie in der Krankenstation ausreichend mit Flüssigkeit versorgt worden war. Sam öffnete eine Flasche Cola Light, setzte sie an die Lippen und genoss das Gefühl, als das kalte Getränk ihre Kehle hinunterrann.

Trinken war eben doch etwas anderes als Flüssigkeitszufuhr, dachte sie.

Sie lehrte die 0,5 Liter Flasche innerhalb einer Minute und stellte sie dann vorsichtig auf dem Küchentisch ab. Ihr Blick huschte unsicher in der Küche herum. Sie hatte eigentlich Hunger und schon seit dem Morgen nichts mehr gegessen, aber gleichzeitig war ihr reichlich übel und allein der Gedanke an Nahrung - und deren Geruch - verstärkte das Gefühl erst noch. Sam verließ die Küche und ging ins Wohnzimmer. Einige Sekunden stand sie hilflos in der Mitte des Raums. Ihr Blick suchte die Fernbedienung des Fernsehers, dann die Stereoanlage, dann die Zeitschriften auf dem Wohnzimmertisch. Alles Dinge, die ihr garantiert helfen würden zu entspannen und sich von ihren Verletzungen zu erholen.

Doch es war noch nicht Zeit dafür.

 

Das Gefühl, auf das Sam die ganze Zeit in Furcht gewartet hatte, überrollte sie plötzlich wie eine gewaltige Ozeanwelle.

Ekel.

Blanker Ekel.

Der Geruch von Desinfektionsmitteln, von Stahl, von Chemie drang in ihre Nase und ein Schaudern lief durch ihren Körper. Sam streifte hastig ihre Jacke ab und warf sie auf den Boden.

Der Geruch blieb.

Der Pullover folgte der Jacke.

Der Geruch blieb.

Als Sam den Rand ihres T-Shirts packte, gesellte sich zu dem Geruch ein anderes Gefühl.

Jucken.

Gnadenloses Jucken.

Es begann in ihrer linken Armbeuge, dann war es auf ihrem rechten Handrücken, über ihrer linken Augenbraue, auf ihrem Bauch, an ihrer rechten Knie und dann überall gleichzeitig.

Sam schloss die Augen und konzentrierte sich mit aller Macht darauf, nicht die Hände zu heben und dem Jucken mit Kratzbewegungen entgegen wirken zu wollen. Sie wusste es besser, denn dies war nicht das erste Mal, dass Sam dieses Gefühl erlebte. Es war immer so, wenn sie mehrere Tage auf der Krankenstation verbracht hatte. Es waren die Nachwirkungen von Infusionsnadeln, von Markierungen für Röntgenaufnahmen, von abgezogenen Pflastern und Mullbinden, von Nadeleinstichen und anderen Dingen, die eigentlich dazu da waren, ihr zu helfen, sie von allen Krankheiten und Schmerzen zu reinigen.

Und trotzdem fühlte Sam sich in diesem Moment schmutziger und erschöpfter als nach einer Woche hartem Air Force Überlebenstraining. Sie hatte die letzten Tage nichts getan als zu schlafen und dennoch hatte sie das Gefühl seit Tagen keine Ruhe gefunden zu haben.

Sam seufzte und bahnte sich ihren Weg durch das dunkle Wohnzimmer zurück in den Korridor. Eins nach dem anderen. Prioritäten setzen, dachte sie. Dies war nicht das erste Mal, dass Sam sich so fühlte und es würde nicht das letzte Mal sein. Einem Automatismus folgend schleppte sie sich ins Badezimmer und knipste dort die Beleuchtung an. Sie verzog das Gesicht, als das künstliche Licht sie blendete, zwang sich aber, ihre Augen geöffnet zu lassen. Vorsichtig schälte sie sich aus ihrer Kleidung und warf sie so weit wie möglich von sich. Sie vermied einen Blick in den Spiegel und griff stattdessen in das oberste Regal an der Wand. Die Dinge, die sie dort ertastete, nahm sie an sich und reihte sie langsam und bedacht auf der Ablage über dem Waschbecken auf. Jedes einzelne Objekt setzte sie sanft dort ab, eins nach dem anderen, bis die Ablage voll war. Dann betrachtete sie die Brigade aus Shampoos, Duschgels, Salben, Kämmen und Heftpflastern und nickte zufrieden.

Das sollte genügen.

Sam packte Duschgel und Haarshampoo und schleppte sich unter die Dusche. Ehe sie das Wasser andrehte, wischte sie sich eine Locke aus der Stirn und verzog das Gesicht, als sie spürte wie verklebt ihr Haar war. Verklebt und von jenen Gerüchen durchtränkt, die sie immer noch schaudern ließen. Sam drehte das Wasser an. Als die ersten warmen Wassertropfen auf ihre Haut trafen, musste sie einen Schrei unterdrücken, denn obwohl das Wasser nicht besonders heiß war, brannte jeder einzelne Tropfen auf ihrer Haut. Doch Sam kannte das Gefühl und wusste, dass sie nichts weiter zu tun brauchte, als für ein paar Sekunden die Zähne zusammenzubeißen, ehe sich der Schmerz sich in ein dumpfes Pochen und schließlich in eine angenehme Taubheit verwandeln würde. Als aus dem Schmerz ein Pochen wurde, drehte Sam den Regler mit einem Ruck in Richtung heiß. Kleine Dampfwolken füllten langsam das Badezimmer, während Samantha Carter sich den Geruch von Krankheit und Schmerz, von Leiden und Verzweiflung vom Körper wusch. Nach langen Minuten, als sie sicher war, dass kein Millimeter ihrer Haut und kein einziges Haar mehr den verhassten Geruch der Krankenstation in sich trug, drehte sie das Wasser ab und lehnte kurz ihren Kopf gegen die Fliesen, als sich die Welt um sie herum zu drehen begann. Ihrem angeschlagenen Kreislauf hatte die Flüssig-Sauna nicht gerade geholfen, aber das war Sam egal. Sie trat aus der Dusche, wickelte ihren vom heißen Wasser geröteten Körper in ein weites Badetuch und schlang die Arme um sich selbst, während ein weiteres Zittern der Erschöpfung durch ihren Leib fuhr. Sie musste schlafen. Einfach nur schlafen.

Doch es war noch nicht Zeit dafür.

Sam hob den Kopf und blickte in den Spiegel. Das Glas war so beschlagen, dass es keine Reflektion zeigte. Sam wischte mit der Hand eine kleine Stelle in Kopfhöhe frei und blickte sich selbst an. Ihr Gesicht war gerötet, doch die dunklen Ringe unter ihren Augen und die gelben Flecken der Übelkeit um ihren Mund waren immer noch deutlich sichtbar - und würden es auch noch bis morgen früh bleiben, das wusste Sam genau.

Sie fuhr sich mit einer Hand durch die nassen Haare und stellte erleichtert fest, dass ihre Finger die Strähnen jetzt problemlos teilten. Sam tastete ihr Gesicht ab. Das heiße Wasser hatte das Pflaster, das einen üblen Cut über Sams linker Augenbraue bedeckte, aufgeweicht, so dass Sam es problemlos abziehen konnte. Unter dem Pflaster hatte sich bereits ein dunkler Grind gebildet. Sam warf das Pflaster weg, überlegte eine Sekunde lang, ein neues aufzukleben, entschied sich dann aber dagegen. Der Grind sah bereits ziemlich fest aus. Nachdem Sam sich abgetrocknet, die gereizte Haut mit einer Creme beruhigt hatte und in ihren Pyjama geschlüpft war, versorgte sie noch die Einstichstellen an Armbeuge und Handrücken mit einer Heilsalbe, die das Brennen und Jucken innerhalb weniger Sekunden stillte und eine angenehme Wärme hinterließ. Während sie die Salbe vorsichtig auftrug betrachtete Sam ihre Armbeuge mit einem Stirnrunzeln. Janet war eine phantastische Ärztin, aber das nächste Mal würde Sam darauf bestehen, dass eine Schwester die Infusionen legte und Blut abnahm. Die Wahrscheinlichkeit sich dabei weniger blaue Flecken einzuhandeln, war groß. Während sie die Salbe einziehen ließ, kämmte Sam ihr nasses Haar mit langen beruhigenden Bewegungen, bis scheinbar jede einzelne Strähne genau an dem Platz war, wo sie sein wollte. Sam verzichtete darauf das Haar trocken zu föhnen. Irgendwie schien es ihr wichtig im Zuge dieses Reinigungs-Rituals auf elektronische Geräte zu verzichten. Vielleicht weil das Brummen des Föhns sie an das Geräusch des Röntgengerätes erinnerte. Und das Geräusch des Röntgengerätes erinnerte sie an die kalte Metallplatte auf der ihr Körper gelegen hatte. und an die Dunkelheit, als die Schwester aus dem Raum gegangen war und die Tür hinter sich geschlossen und Sam alleine, frierend und verzweifelt zurückgelassen hatte. Sam schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben, ehe diese eine Erinnerung alle weiteren mit diesem Erlebnis Verbundenen animieren konnte, sich ebenfalls an die Oberfläche von Sams Bewusstsein zu drängen.

 

Langsam räumte Sam die Gegenstände, die sie für ihr Post-Krankenstations-Reinigungs-Ritual verwendet hatte wieder in das oberste Regal. Das medizinische Duschgel, das duftintensive Haarshampoo, die beruhigende Hautcreme, das Päckchen Heftpflaster, die Heilsalbe und der Kamm verschwanden aus ihrem Sichtfeld und wie jedes Mal, hoffte Sam diese Dinge erst wieder in die Hand nehmen zu müssen, wenn der große Hausputz und eine Ausmist-und-Verfallsdatums-Check-Aktion anstand. Während sie in ihren Bademantel schlüpfte, merkte Sam, wie sich ihr Körper entspannte und sich eine wohltuende Taubheit in ihren Gliedern breit machte. Sie verließ das Badezimmer und tapste träge in die Küche, nahm eine weitere Cola Light aus dem Kühlschrank, schob beinahe im Vorbeigehen eine Gemüselasagne in die Mikrowelle und betrat das Wohnzimmer.

Mit einem Seufzen ließ sie sich auf das Sofa fallen und schaltete die Stereoanlage ein. Leise Klänge eines Balladen-Samplers durchdrangen die Stille. Jedes Mal bevor Sam auf eine Mission aufbrach, legte sie diese CD in den CD-Player ein. Während sie darauf wartete, dass die Mirkowelle ihren Dienst tat, dachte sie darüber nach. Eigentlich hatte sie verdammtes Glück. In achtzig Prozent der Fälle konnte sie nach ihrer Heimkehr die CD ungehört wieder ins Regal stellen. Sam dachte an Janet und daran, wie rührend sich die Ärztin um sie gesorgt hatte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, Janet nicht die Wahrheit gesagt zu haben, warum sie unbedingt nach Hause gewollte hatte. Doch was hätte sie ihr sagen sollen? Das der Ort, der Janets Reich war, der Ort, an dem sie Wunder um Wunder vollbrachte Sam Ekel bescherte und sie erst ein ausgeklügeltes Ritual vollziehen musste, um sich von den Nachwirkungen ihres Aufenthalts dort zu erholen? Es war paradox, doch Sam konnte es nicht ändern. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es eine normale menschliche Reaktion war.

Das leise Ping der Mikrowelle riss sie aus ihren Gedanken.

 

Zehn Minuten später stellte sie den leeren Teller auf dem Wohnzimmertisch ab, setzte sich auf das Sofa, rutschte an der Lehne herunter, hob die Füße auf die Sitzfläche, drehte sich auf die Seite, zog die Beine an und kuschelte sich in das weiche Material. Ihre Augen begannen sich zu langsam, aber unaufhaltsam zu schließen. Schlafen. Endlich schlafen.

Doch es war noch nicht Zeit dafür.

Es fehlte noch genau eine Zeremonie, um das Reinigungsritual abzuschließen.

Das Klingeln des Telefons riss Sam aus dem Halbschlaf in die wache Welt zurück. Beim zweiten Anlauf bekam sie das tragbare Telefon zu fassen und nahm den Anruf entgegen.

"Carter."

"Hey, alles klar?"

"Bestens. Und selbst?"

"Alles in Ordnung.... Sicher, dass alles klar ist?"

"Sicher."

"Indianerehrenwort?"

"Auch das."

"Sie wissen, was passiert, wenn man sein Indianerehrenwort bricht, oder?"

"Es ist alles in Ordnung, ehrlich."

"Okay, wollte nur auf Nummer sicher gehen."

"Gute Nacht, Sir."

"Süße und sichere Träume, Carter."

Sam legte das Telefon auf den Boden und schloss die Augen. Das Ritual war zu Ende.

Es war Zeit.

 
Ende

 
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