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Geteiltes Leid

© by Counselor ()
 
Disclaimer: Die einzelnen Figuren gehören den jeweiligen Rechteinhabern, die Story gehört mir.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Ein Park - irgendwo - wir schreiben das Jahr 2004

 

Der mittelgroße Mann, dessen weißer Kittel den Rückschluss zuließ, dass er zu den Ärzten der Einrichtung gehörte, lächelte freundlich. "Oh, da sind Sie! Ich muss zugeben, Sie haben sich ein wirklich schönes Plätzchen ausgesucht. Sie erlauben, dass ich mich einen Moment zu Ihnen setze?" Ohne auf die Antwort zu warten, die er ohnehin nicht erhalten würde, ließ er sich auf der Parkbank nieder. "Ich war schon immer ein Befürworter der Therapie unter freiem Himmel!", fuhr er schwungvoll fort, "So kann man-", ein abfälliges Schnauben unterbrach seinen Monolog.

Sein Sitznachbar schaute mit verbissenem Gesichtsausdruck zu ihm auf, während er den Absatz seines Schuhs wieder und wieder in die Erde rammte. "Meine Autorinnen haben mich umgebracht! Ich will aber nicht tot sein!"

"Aber, aber, Mr. Parker, wer wird denn so voreilige Schlüsse ziehen?" Beruhigend tätschelte der Arzt den Arm des Mannes. "Natürlich sind Sie nicht tot."

"Bin ich nicht?" Ein Hoffnungsschimmer zeigte sich in den blauen Augen.

Bedächtig neigte der Arzt seinen Kopf zur Seite. "Es wird nicht explizit erwähnt, das Ende ist offen, der Phantasie des Lesers bleibt genügend Raum-"

"Von dieser Seite hatte ich das alles noch gar nicht betrachtet!", fiel ihm Parker ins Wort und ein kleines Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.

Der Doktor hatte derweil seinen Notizblock hervorgeholt und blätterte emsig in den eng beschriebenen Seiten. "Obwohl..."

"Was?"

"Alle Fakten weisen natürlich darauf hin, dass Sie diese Geschichte letztendlich auf die eine oder andere Weise nicht überleben können."

Parker zog eine Grimasse. "Prima. Und Sie wollen mich aufmuntern?"

"Nein, ich will Ihnen helfen! Kommen Sie mit", energisch zog der Arzt ihn in die Höhe. "Wir gehen ein paar Schritte und ich mache Sie mit ein paar Leuten bekannt."

 

Zielstrebig schritt der eigenartig blasse Mann über die labyrinthartig angelegten Kieswege. Parker hatte längst die Orientierung verloren, als sie zu einem kleinen Teich gelangten, an dessen Ufer sich mehrere Männer aufhielten.

Der Doktor grüsste in die Runde und ergriff sofort das Wort. "Schön, dass wir wieder so zahlreich versammelt sind. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und Ihnen...", hektisch blätterte er durch seine Notizen, "und Ihnen Mr. Frank Parker vorstellen. Seine Autorinnen haben ihn sterben lassen!"

Mitfühlendes Gemurmel und wissendes Kopfschütteln hießen Parker willkommen.

"Für ihn ist es nun wichtig zu wissen, dass er in seiner augenblicklichen Misere nicht allein ist. Dazu werden wir - Moment!!!" Der Doktor fixierte eine große Gestalt mit langen, dunklen Haaren, die in ein bodenlanges, weites Gewand gekleidet war, mit seinem Blick. "Herr Gil-galad, was tun Sie hier?"

"Ich bin nicht tot!?", antwortete der Angesprochene mit erwartungsvoll hochgezogenen Augenbrauen.

"Doch, Herr Gil-galad, Sie sind tot! Der Romanautor ließ Sie sterben, der Drehbuchautor hielt sich an diese Vorgaben und hat Sie ebenfalls sterben lassen. Alle dazu erforderlichen Schriftstücke wurden ordnungsgemäß bei der BefAvRoFiSeFach verzeichnet, beglaubigt und abgelegt."

"Bei der Be-was?" schaltete sich Parker ein.

"Der 'Behörde für Angelegenheiten von Roman-, Film-, Serien- und Fanfictioncharakteren'!", klärte ihn der Doktor auf.

"Bescheuerte Abkürzung.", murrte Parker.

"Was würden Sie denn vorschlagen?"

"Das Amt?"

Der Doktor registrierte diesen Kommentar mit unbewegter Miene und wandte sich wieder seinem ursprünglichen Gesprächspartner zu. "Tut mir sehr leid, Herr Gil-galad, aber ich sehe keine Rechtfertigung für Ihren Einspruch."

"Aber meine Szenen im Film waren viel zu kurz und den Zuschauern wurde mein flammender Abgang vorenthalten!!!"

"Wir werden dies in Ihrer nächsten Einzelstunde analysieren. Denken Sie immer daran: Es besteht jederzeit die Möglichkeit, dass ein Fanfictionautor sich Ihrer annimmt, also, Kopf hoch!"

Eine Gestalt löste sich aus dem Schatten der Bäume und trat näher an das Ufer. Eine Aura der Selbstgefälligkeit umgab das Wesen, das den Arzt mit einem kühlen Blick bedachte. "Aber Sie können nicht bestreiten, dass ICH nicht wirklich tot bin!"

Parker runzelte die Stirn. "Oh Gott, noch so einer mit spitzen Ohren - ist hier irgendwo ein Nest?"

Für einen kurzen Moment herrschte eisige Stille, dann zupfte die Gestalt ihren roten Umhang zurecht und konterte mit boshaftem Grinsen, "Im Gegensatz zu dir, Mensch, haben die Autorinnen mich nicht sterben lassen!"

"Haldir von Lorien, das hat ja auch der Drehbuchautor für sie erledigt!", warf der Arzt trocken ein.

"Aber die Autorinnen haben mich fast unverzüglich wieder ins Leben zurückgeholt!", beharrte sein Gegenüber.

"An deinem sprühenden Charme kann es aber nicht gelegen haben!", stellte Parker sarkastisch fest.

"Bitte reizen Sie ihn nicht weiter!", wies der Doktor Parker zurecht. "Haldir ist ein tragischer Fall. Ohne Vorwarnung hat ihn der Drehbuchautor in einer Schlacht, an der er laut Romanvorlage gar nicht teilgenommen hat, umkommen lassen."

"Und was will er jetzt? Eine Runde Mitleid?", grummelte Parker.

"Mit Sicherheit nicht!", grollte der Elb. "Ich such jetzt nur noch schnell mein Pferd, und dann folge ich der Einladung meiner Autorin zum gemütlichen Kaffeeplausch." Sprach's und verschwand zwischen den Bäumen.

 

"Mr. Parker, wir wollen Ihnen nur Mut machen. Geben Sie nicht auf!", sagte ein junger Mann mit texanischem Akzent und altmodischer Frisur, der dabei war, einen Mini-Bohrturm am Ufer aufzubauen.

"Recht so, Bobby, erzählen Sie ihm Ihre Geschichte."

"Die Drehbuchschreiber meiner Serie ließen mich sterben. Ich war vollkommen am Boden, meine Nerven lagen blank - aber dann stand ich plötzlich in der Dusche meines Badezimmers, weil meine Frau alles nur geträumt hatte."

"Hm. Ich denke nicht, dass meine Ex-Frau sich freuen würde, wenn ich auf einmal in ihrer Dusche auftauche!", mutmaßte Parker.

"Dies ist ja auch nur eine Möglichkeit, wie Autoren unpopuläre Entscheidungen, die sie im Eifer des Gefechts getroffen haben, wieder ausbügeln können.", kommentierte der Doktor. "Daniel, haben Sie nicht auch etwas zu erzählen?"

Der angesprochene junge Mann rückte nervös seine Brille zurecht. "Also... ich... ich war auch schon tot. Allerdings nicht wirklich. Eigentlich war ich nur eine Weile auf einer höheren Daseinsebene-"

"Daniel Jackson?", entfuhr es Parker. "Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich von dir irgendwelche Ratschläge hören will? Du bist doch froh, dass ich aus dem Weg bin und du deinen heißgeliebten Jack wieder uneingeschränkt anbaggern kannst."

Ein leises Rascheln ertönte, als der Arzt wieder einmal wild durch seine Notizen blätterte. "Mein Fehler! Daniel, Sie können gehen, vielen Dank für Ihren Beitrag."

Jackson, dem die Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben war, verlor keine Zeit und verschwand hinter dem nächsten Busch.

"Dies sollte Ihnen nur zeigen, dass sich oft ein Hintertürchen findet - sei es auch noch so klein. Haben Sie denn mit Ihren Autorinnen schon über eine mögliche Rückkehr verhandelt?"

Parker seufzte. "Sie scheinen nicht abgeneigt zu sein."

"Sehen Sie. Das ist doch ein Fortschritt."

"Eine der beiden faselte etwas über die Option, als Unsterblicher zurückzukehren."

"Und dann begegnest du McLeod, der unglücklicherweise mal wieder von einem Dämonen verursachte Halluzinationen hat, und 'schwupps' bist du einen Kopf kürzer und schon wieder tot!", nörgelte ein junger Mann mit Motorradhelm unter dem Arm.

"Dies ist Richie Ryan", machte der Doktor die beiden bekannt. "Die Drehbuchautoren schrieben ihn unerwartet aus der Serie, doch sein Rückhalt im Fandom war so groß, dass er ständig für zahlreiche Fanficautoren im Einsatz ist."

"Schön und gut, doch ich glaube nicht, dass mir dies bei meinen Autorinnen weiterhilft. Ich verstehe nicht, warum sie mich überhaupt haben sterben lassen!"

"Nun", erklärte der dunkelhaarige Arzt, "manchmal ist es für die Dramatik der Geschichte notwendig, dass ein Hauptcharakter sein Leben lässt. Sehen Sie mich an."

Parker blickte in das blasse Gesicht des Doktors und zum ersten Mal registrierte er die goldenen Pupillen des Mannes.

"Sehen Sie - ich bin auch nicht tot, aber ich akzeptierte die Tatsache, dass es die Autoren so wollten. Zum Wohle meiner Mannschaft opferte ich mich - natürlich nicht, ohne zuvor mein positronisches Gehirn-"

"Jajaja!", fuhr Parker dazwischen. "Und?"

"Ich habe mich damit abgefunden, das war der erste Schritt. Dann habe ich mir die notwendigen Fähigkeiten eines Arztes - Schulmedizin, alternative Heilmethoden und Psychologie - in meine Speicher kopieren lassen, und nicht zu vergessen ein paar prozentual gesehen überdurchschnittlich oft auftretende Verhaltensweisen dieses Berufszweiges, und bin seitdem hier in der Selbsthilfegruppe tätig. Da Sie, Mr. Parker, aber noch immer darauf hoffen, dass Sie irgendwann wieder reaktiviert werden, ein letzter Ratschlag von mir."

"Ja?"

"Vertrauen Sie Ihren Autorinnen, sie wissen, was sie tun!"

"Das bezweifle ich!"

"Pssst! Verderben Sie es sich nicht noch im letzten Moment." Doktor Data blickte sich aufmerksam um, doch es war keine Autorin zu sehen. "Falls es Ihnen während der Wartezeit langweilig werden sollte: Wir treffen uns jeden Abend in meinem Quartier zu einer Runde Poker."

Endlich zeigte sich wieder ein Lächeln auf Parkers Lippen. "Poker? Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?"

 

Gemeinsam machten sich die Männer und der Androide auf den Rückweg. Unentdeckt lehnte sich die Autorin gegen einen Baumstamm, froh darüber, dass die Parker-Muse ihre Nörgelei nun wohl fürs Erste einstellen würde. Dann spürte sie kalten Stahl an ihrem Hals.

"Hey, was ist mit mir? Ich bin nicht tot!"

Ein kurzer Seitenblick genügte, um ihre Befürchtungen zu bestätigen. "Kronos???"

 
Ende

 
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